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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.03.2012

"Das schönere Leben gibt es nicht"

Ein Gespräch mit Felicitas Hoppe in der Villa Aurora

Von Kerstin Zilm

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Weite außerhalb von LA ist die Villa Aurora. (Holger Kroker)
Weite außerhalb von LA ist die Villa Aurora. (Holger Kroker)

Felicitas Hoppe wurde in Hameln geboren und lebt seit 1996 in Berlin. Das ist jedenfalls in der offiziellen Biografie der Schriftstellerin zu lesen. Die wird jetzt von der Autorin selbst in Frage gestellt - laut ihrem neuen Roman "Hoppe" verbrachte sie ihre Kindheit in Australien und Kanada und bereiste mehrere Kontinente.

"Wir sind im Lion-Zimmer, das Zimmer, in dem ich wohne, von dem ich aber annehme, dass Lion hier nur geschlafen hat ..."

Mit ausgestreckten Armen präsentiert Felicitas Hoppe ihre spartanisch eingerichtete Unterkunft in der obersten Etage der Villa Aurora: Bett, Tisch, Stuhl - und durch drei offen stehende Fenster der atemberaubende Blick auf den in der Sonne glitzernden Pazifik.

"Der Tag beginnt damit, dass ich aufwache und den Kopf leicht anhebe und den pazifischen Ozean sehe und das finde ich fantastisch. Dann geh ich runter und mache mir Kaffee und da wir hier eine Art Feuchtwanger-WG sind, versuche ich, morgens die Erste zu sein, weil es später in der Küche etwas eng wird."

Es kann auch laut werden. Zum Beispiel, wenn die Mitbewohner vom Filmteam "Kamerapferd" sich an die hauseigene Orgel setzen oder überraschend zu spontanen Filmaufnahmen auftauchen. Ruhe zum Schreiben ist für Felicitas Hoppe in der Villa Aurora ein kostbares Gut. Ruhe findet sie zurückgezogen im "Lion-Zimmer". Dort sitzt die Autorin nicht mit Blick auf den Pazifik, sondern die Augen auf den Bildschirm vor einer leeren Wand gerichtet.

"Schreiben ist unglaublich anstrengend und schwierig und mühsam und so ne Wand, finde ich, die konzentriert. Da ist eigentlich nichts. Und das Schreiben ist ja nicht aus dem Fenster gucken sondern nach innen gucken und dann das wiederfinden, was man mal gesehen hat, als man aus dem Fenster geguckt hat. So?!"

Die Villa Aurora liegt in den Hügeln oberhalb von Santa Monica, weitab von der Stadt Los Angeles. Jeden Tag geht Felicitas Hoppe - wie noch vor 30 Jahren Marta Feuchtwanger - hinunter ans Meer und mit ein paar Einkäufen im Rucksack wieder hinauf zur Villa. Stadt und Umgebung erkundet sie mit dem Bus. Oft ist sie dabei auf den Spuren von Ilja Ilf und Jewgenij Petrow. Die satirischen Romane "Zwölf Stühle" (1928) und "Das goldene Kalb" (1931) hatten die beiden sowjetischen Schriftsteller berühmt gemacht. 1935 reisten sie vier Monate lang durch die USA und schrieben über ihre Erfahrungen. Felicitas Hoppe wird ihnen hinterher reisen. Während des Villa-Aufenthaltes bereitet sie sich darauf vor. In den über 75 Jahre alten Aufzeichnungen unter dem Titel "Das eingeschossige Amerika" findet die Schriftstellerin viele Parallelen zur Gegenwart.

"Das passt zu Los Angeles eigentlich sehr schön. Man denkt ja immer, Amerika bestehe nur aus Wolkenkratzern, und das stimmt eben nicht. Ich hab das mit großer Faszination gelesen, da ich selber Amerika mehrfach durchquert hab, und dann dachte ich, Mensch, das mache ich nach, ich möchte mit Ilf und Petrow auf Reisen gehen. Diese Beobachtungen abzugleichen mit dem, was heute ist, das war einer der Gründe, weshalb ich hierher gekommen bin."

Bevor sich Felicitas Hoppe auf die lange Reise durch die USA begeben kann, wird sie auf Lesetour durch Deutschland gehen. "Hoppe" heißt ihr neuester Roman. Eine Biographie von Felicitas Hoppe über Felicitas Hoppe.

"In dem Versuch, über mich selber zu sprechen, bin ich darauf gekommen, dass mich das, was ich in meinem 'Leben-Leben' nicht geworden bin mehr beschäftigt als das, was ich geworden bin. Dann habe ich mich entschieden, mein Leben so zu erzählen wie ich es gerne gehabt hätte und nicht wie es ist."

Im Roman ist Felicitas das einzige Kind eines erfindungsreichen Patentagenten, verliebt sich als junges Mädchen in Kanada in den Nachbarssohn Wayne Gretzky - im wahren Leben ein Eishockeystar -, versucht eine Laufbahn als Dirigentin, reist durch die Welt mit dem Rucksack als Markenzeichen. Darin sind Taktstock, Hockeyschläger und Lippenstift. Das Roman-Leben der Felicitas Hoppe ist ein anderes als das der Schriftstellerin, der Charakter bleibt derselbe.

"Wer mich kennt, wird mich unmittelbar wiedererkennen. Das Buch ist von einer für mich fast erschreckenden Aufrichtigkeit."

Im Roman werden Wünsche und Träume detailliert beschriebene Wirklichkeit, die zu einer existenziellen Erkenntnis führt:

"Das ist ja das Tolle! Das schönere Leben gibt es ja nicht! Man geht einen Weg und denkt dann immer 'aber wenn ...'. Dieses 'wenn ich damals ...' hat mich sehr beschäftigt. Aber erstens hat man damals nicht und zweitens, wenn man hätte, wäre man natürlich auf dieselben Mühen nur in anderer Form gestoßen wie jetzt auch."

So wie Felicitas Hoppe das sagt, hört es sich nach einer sehr befreienden Erkenntnis an. Sie fordert, alle sollten im Leben mindestens eine solche Biographie über sich selbst schreiben.

"Wenn sich Hoppe als Figur etablieren könnte, dann ist das ja wie mit Harry Potter, dann kommt Hoppe2, Hoppe3, Hoppe4. Aber wie gesagt, das ist die Gunst der Stunde in der Villa, in Los Angeles. In Berlin würde ich sicher nicht so optimistisch sein wie hier."

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