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Buchkritik | Beitrag vom 11.03.2019

"Das Netzwerk der Neuen Rechten"Altbekanntes neu aufgebrüht

Von Jörg Himmelreich

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Cover: "Christian Fuchs / Paul Middelhof: Das Netzwerk der Neuen Rechten" und vier Männer mit durchtrainierten Körpern, auf deren T-Shirts "Noricum" steht, der Name ihrer Kampfsportgruppe  (Rowohlt Verlag / imago / David Speier)
Das neu-rechte Netzwerk ist weitverzweigt und reicht weit über die Grenze, wie in dem Buch deutlich wird. (Rowohlt Verlag / imago / David Speier)

Von der AfD bis Götz Kubitschek: Viel ist in den letzten Jahren über die Neue Rechte geschrieben worden. Dem haben Christian Fuchs und Paul Middelhoff in ihrem Buch wenig Neues hinzuzufügen.

"Seit 2015 gibt es für uns ein zentrales Thema: den Aufstieg der Neuen Rechten", so erklären die beiden "Zeit"-Reporter eingangs ihre jahrelange Recherche. Nun ist die Neue Rechte nicht nur für die beiden Autoren ein zentrales Thema, sondern für jeden besorgten Demokraten dieser Republik.

Der interessierte Leser kann viele verdienstvolle Recherchen von Journalistenkollegen heranziehen: Melanie Amann vom "Spiegel", Justus Bender von der "FAZ" und Liane Bednarz, um nur ganz wenige zu nennen, haben vieles über die verschiedenen Netzwerke der Neuen Rechten schon veröffentlicht.

Volker Weiß hat in seiner immer noch maßgeblichen Studie "Die autoritäre Revolte" neben den persönlichen Verflechtungen innerhalb der unterschiedlichen Medien, Thinktanks und Blogs der Neuen Rechten und einzelner Gruppen in der AfD auch deren ideelle Zusammenhänge mit der Neuen Rechten in Russland, Frankreich, Italien und Österreich aufgezeigt.

Und das ist das große Problem dieser Reportage: Es ist fast alles schon veröffentlicht, bekannt und vielfach gesagt, nur eben noch nicht von Journalisten der "Zeit". Dass Götz Kubitschek mit seinem Antaios-Verlag der maßgebliche Vordenker der Neuen Rechten ist, weiß heute fast jeder.

Dass er der geistige Ziehvater von Björn Höcke und der vielen jüngeren Aktivisten in der Neuen-Rechte-Szene ist, ist nun auch alles andere als sensationell neu, genausowenig wie die Tatsache, dass das gemeinsam mit Karlheinz Weißmann gegründete Institut für Staatspolitik als Kaderschmiede für den Nachwuchs der Neuen Rechten dient.

Steve Bannon, der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Trump, spricht bei einer Veranstaltung der Schweizer «Weltwoche». (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Ennio Leanza)Ein Interview mit Steve Bannon, ehemaliger Chefstratege von US-Präsident Trump - wer will das heute noch lesen? (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Ennio Leanza)

Ebenso bekannt ist Kubitscheks Rittergut Schnellroda, in dem er mit seiner Familie mittelalterliche Lebensweise recht skurril zelebriert. Es ist nicht nur Wallfahrtsort der Neuen Rechten, nein, auch Heerscharen von Journalisten fahren dorthin und veröffentlichen danach ihre Berichte darüber in ihren Medien.

Auch die kurze Parteigeschichte der AfD von ihrer Gründung in der Christusgemeinde in Oberursel 2013 über die Entmachtung Luckes durch Frauke Petry bis zu deren späterer Entmachtung durch Alexander Gauland und Alice Weidel ist unzählige Male beschrieben worden.

Nicht mehr auf der Höhe der Ereignisse

Wenn eine fortgesetzte Reportage in Buchform so dicht an den Tagesaktualitäten bleibt wie das Buch von Christian Fuchs und Paul Middelhoff, hat sich nach Beendigung der Niederschrift bis zur tatsächlichen Veröffentlichung manches schon überholt.

Das mühsam organisierte, knappe Interview mit dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon 2017 in Budapest ist heute so belanglos wie dessen verzweifelte Versuche, heute noch gehört zu werden.

Nach der Darstellung der Ausschreitungen in Chemnitz am 26. August 2018 und ihrer umstrittenen Wertung durch den damaligen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen kann gerade noch eingefügt werden, dass Maaßen von der Regierung später entlassen wurde.

Im Kapitel über die Geldgeber der Neuen Rechten kann der spannenden Frage, wer denn die Groß-Spender für den Kreisverband Alice Weidels waren, nicht mehr nachgegangen werden, genausowenig wie der Tatsache, dass Marcus Ochsenknecht als Chefredakteur des neu-rechten Magazins "Zuerst!" seit Januar 2019 als Drahtzieher eines Terroranschlags in der Ukraine verdächtigt wird und deswegen von seiner Mitarbeit beim AfD-Bundestagsabgeordneten Frohmeier entlassen wurde. 

Stete Wiederholung von Altbekanntem

Was die Reportage in lesbarer Form noch einmal verdeutlicht, ist, wie verwoben die einzelnen Netzwerke der Neuen Rechte untereinander sind und wie es ihnen mit allen Instrumenten moderner Kommunikationspropaganda – eigene Thinktanks, Blogs, Trolleinheiten, Medien, Verlage und Bibliotheken – gelingt, in der Öffentlichkeit und in den sozialen Medien den politischen Diskurs zu bestimmen und in das politisch rechte Meinungs- und Themenspektrum zu verschieben. Dazu gehört auch, den AfD Vertretern im Bundestag und in allen Landtagen mit allen Mitteln zuzuarbeiten.

"Die Stimmung im Land ist so nervös wie lange nicht, kaum jemand diskutiert mehr über Rentenpolitik, Pflegenotstand oder Klimaerwärmung – stattdessen dominiert das Thema Asyl die öffentliche Debatte", so resümieren die Autoren. Ja, das ist so, und es ist bestürzend, dass es so ist. Aber das ist in jeder Tageszeitung nachzulesen.

Um an dieser stetig anwachsenden Debattenhoheit der Neuen Rechten etwas zu ändern, reicht jedoch die stete Wiederholung von Altbekanntem nicht aus. Es bedürfte weiterer sorgfältiger Recherche in die Wählermilieus der AfD hinein und der Untersuchung der Motive für ihre Wahl und ihre Frustration: AfD-Wähler in Baden-Württemberg haben andere soziale Hintergründe und Wahlmotive als die in Sachsen und die wieder andere als in NRW. 

Christian Fuchs und Paul Middelhoff: "Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern"
Rowohlt Verlag, Reinbek 2019
288 Seiten, 16,99 Euro

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