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Lesart | Beitrag vom 22.06.2018

Das "Jahrbuch der Lyrik 2018"Poetischer Einheitspop statt Rock 'n' Roll

Von André Hatting

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Cover des "Jahrbuch der Lyrik 2018". (Schöffling & Co. / imago /  Steinach)
Das "Jahrbuch der Lyrik" erscheint 2018 zum zweiten Mal im Schöffling Verlag. (Schöffling & Co. / imago / Steinach)

Die diesjährige Ausgabe des "Jahrbuchs der Lyrik" kommt im seichten Sound ohne Ecken und Kanten daher: Landschaftsbeschreibungen mit überschaubaren poetischen Zutaten. Das nächste Mal bitte wieder mehr Rock 'n' Roll!

Der Wechsel des "Jahrbuchs der Lyrik" zum Schöffling Verlag begann vielversprechend. Mitherausgeberin Ulrike Almut Sandig war es im vergangenen Jahr gelungen, einen guten Eindruck vom ungeheuer breiten Klangspektrum der deutschsprachigen Poesie zu vermitteln. Der aktuelle Band wirkt dagegen wie eine schlechte Mp3-Datei.

Die Extrema wurden – mit wenigen Ausnahmen – gekappt und zu einem Einheitssound komprimiert, seichter Pop statt Rock 'n' Roll. Thematisch dominieren die Landschaftsbeschreibungen: "im Tiergarten", "aufgang am meer", "Löwenweibchen auf der Jagd", "Boskoop" im Herbst "unter schiefergrauem Himmel" usw. Die poetischen Zutaten sind überschaubar, gern präsentische Partizipialkonstruktionen ("Aus dem Gebirge kommend") gepaart mit bedeutungsschwangeren Inversionen ("übertreten der ozeanrand das wasser"), dazu hie und da eine Portion Metaphernsalat.

Flüchtlingselend in antiker Odenform

Auf viele dieser Gedichte lässt sich Derridas Bonmot über Durchschnittsprosa anwenden, dass sie bereits vom ersten Vers an "ausgelesen" sei: "bekanntes Programm". Paradoxerweise arbeiten manche der gelungenen Texte ebenfalls mit altbekannten Verfahren, aber hier wirken sie nicht wie poetischer Zierrat, sondern klug durchkomponiert. Thomas Böhme besingt in "Das gespaltene Meer" das Flüchtlingselend in antiker Odenform. Eine gewagte, aber gelungene Verfremdung:

Thalatta! O du gewaltiges, elendes, an unserm Wagemut sich ergötzendes

            an unsrer maßlosen Gier nun erstickendes

                        uraltes Meer, wie will ich dennoch dich preisen!

Noch im ölig-brackigen Aufbäumen entfesselst du deine Kraft

            brichst Dämme, zerfetzt unsre Netze

                        speist die Toten aus, unverdaut.

Das Jahrbuch bleibt unter seinen Möglichkeiten

Bertram Reinecke, ein Meister des Centos, also der Zitatmontage, bastelt seit Längerem an einem Sonettenkranz, der ausschließlich aus neu zusammengefügten Originalversen von Gedichten des 17. bis 20. Jahrhunderts bestehen wird: 

Vielleicht auf Spiegeln als Lybelle beben

Obwohl umschwebt von Freud' und lauten Scherzen -

Vergessen will ich, lernen und verschmerzen

Und marionettenhaft die Glieder heben. 

Ein klein bisschen Rock 'n' Roll ist dann zum Glück doch noch versteckt, Ulf Stolterfohts schräger wie komischer Trip durch London beispielsweise.

Darüber hinaus bleibt das "Jahrbuch der Lyrik 2018" unter seinen Möglichkeiten. "Denn viele dieser Möglichkeiten hat man als Mitherausgeber gar nicht in der Hand", schreibt Nico Bleutge, der in diesem Jahr Christoph Buchwald bei der Auswahl zur Seite gestanden hat, in der Nachbemerkung. Das hänge eben davon ab, wer was einsende. Das stimmt nur zum Teil. Die Herausgeber bitten auch gezielt um Beiträge.

"Ich liebe eine Reihe / illegaler Drogen", schreibt Monika Rinck in einem Gedicht. Die lieben wir auch, deswegen bitte im nächsten "Jahrbuch" wieder mehr davon! 

Christoph Buchwald / Nico Bleutge (Hg.): "Jahrbuch der Lyrik 2018"
Schöffling & Co Verlag, Frankfurt am Main 2018
232 Seiten, 22 Euro

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Buchwald / Sandig (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2017 - Staraufgebot und eine Überraschung
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 06.05.2017)

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