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Fazit | Beitrag vom 13.09.2019

Das Humboldt-Forum würdigt NamensgeberDer lateinamerikanische Blick auf Humboldt

Von Vladimir Balzer

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Drei fantasievoll verkleidete Menschen sitzen in einem Boot, auch dieses ist reichlich geschmückt. Darin thront auf einem Gerüst eine überdimensionierte Nachbildung des mexikanischen Schwanzlurchs Axolotl mit Armen und Federn. (Fabiola Torres-Alzaga)
Mit mythischen Erzählelementen weist die Performance-Künstlerin Naomi Rincón Gallardo auf die Verflechtung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen mit der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung hin. (Fabiola Torres-Alzaga)

Das noch unfertige Berliner Humboldt-Forum zeigt seine erste Ausstellung: Mit Künstlern aus Südamerika erinnert es an den Geburtstag des Namensgebers Alexander von Humboldt. Der Blick ist von dort aus auf uns Europäer gerichtet, nicht umgekehrt.

Draußen sind die Gerüste gefallen, innen ist Baustelle. Das Berliner Humboldt-Forum ist ein Ort des Übergangs und will das auch mit einer Installation aus dem Amazonas-Gebiet zeigen. Ein Raum aus simplen Holzplatten an einem Stahlgerüst, in dem Wissen hin und her transferiert werden kann.

Wissen weitertragen in Häusern des Denkens

"Es ist eine improvisierte Maloca: ein Haus, in dem sich indigene Gemeinschaften im Amazonas-Gebiet treffen." Der Künstler Aimema Murui-Muina sitzt hier auf einem Holzhocker, vor sich eine Schale mit einer grünen Masse, in der er rührt. Daneben eine kleine Flasche, aus der er sich eine zähe Essenz genehmigt:

"Draußen ist Berlin, aber hier drinnen ist eine Maloca. Es ist ein Haus des Denkens, aber auch ein Haus, in dem man Koka und Tabak zu sich nimmt, vermischt mit Maniok."

Der Austausch von Wissen

Die Masse, die daraus entsteht, sollte vorsichtig genossen werden, das ist schon mal sicher, vor allem aber gilt sie vielen Amazonas-Bewohnern als heilig. Sie verstärkt den Geist in einer solchen Maloca. Und sie hilft, Wissen weiterzutragen.

Auf dem Boden dieser improvisierten Maloca stehen kleine Holzschalen, mit denen man Wissen transportieren kann. Aimema Murui-Muina sagt: Wissen von uns und Wissen von Humboldt. Es ist ein Austausch.

Das Innere der erwähnten Maloca, ein mit Holztafeln verkleidetes Gerüst, das innen mit Schriftzeichen bemalt wurde. (Vladimir Balzer)Blick ins Innere: So sieht die erwähnte Maloca aus. (Vladimir Balzer)

Kuratorin Diana Rico aus Bogotá glaubt daran, dass man ein geistiges Erbe mitnehmen kann, wohin auch immer man geht. Sie will, sagt sie, dass wir alle zu Entdeckern werden. Das nimmt sie mit von Humboldt: "Wissen weitergeben ist möglich." Sie will, dass wir Entdecker werden - unserer Psyche, aber auch unserer Missverständnisse.

Segen der Älteren

Trotzdem bleibt die Frage, ob man ein solches tief in den Traditionen verwurzeltes Gemeinschaftshaus in einen hohenzollernartigen Neubau wie das Humboldt-Forum transferieren kann. Aimema Murui-Muina sagt ja. Wenn die Älteren seiner Gemeinschaft zustimmen und den Segen geben, dann ja. Er hat sie gefragt, sie haben die Reise gesegnet.

Mit einem Smartphone kann man in dieser Maloca geometrische Figuren scannen, vergleichbar mit einem QR-Code öffnen sich dann Bilder von solchen Orten mit Gemeinschaftshäusern. Ein Leben in den Tiefen des bedrohten Amazonas.

Der Künstler Aimema Murui-Muina und die Kuratorin Diana Rico blicken in die Kamera. (Vladimir Balzer)Der Künstler Aimema Murui-Muina und die Kuratorin Diana Rico (Vladimir Balzer)

"Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft mehr tut, um den Amazonas zu retten. Es geht nicht nur um die biologische Vielfalt. Es geht um Kultur und Lebensräume", sagt Aimema Murui-Muina.

Humboldt ist in Lateinamerika ein Nationalheld

Die meisten der 60 eingeladenen Künstlerinnen und Künstler für diese Ausstellung und das Fest kommen aus Lateinamerika. Es ist ihre Sicht auf Humboldt, die hier interessiert. Fabiano Kueva etwa, Künstler und Kurator aus Ecuador, ist dabei: "In Lateinamerika ist Humboldt zu einem Nationalhelden geworden."

Er hat eine mögliche Erklärung dafür, die er in den Humboldtschen Tagebüchern gefunden hat: "Alexander von Humboldt ist mit der einheimischen Bevölkerung viel freundlicher umgegangen als die spanische Kolonialmacht."

Auch wenn Humboldt womöglich vor Ort als der bessere Europäer gilt, die Ausstellungen hier verklären ihn nicht. Fabiano Kueva hat im Humboldt-Forum eine Art ironische Wunderkammer installiert.

Tiere und Pflanzen aus Pailleten.  (Vladimir Balzer)Mitbringsel vom Humboldt-Forum: Diese Ausstellungsstücke kann man kaufen. (Vladimir Balzer)
Letztlich das, was man Mitbringsel von den Orten, die Humboldt bereist hat, nennt. Papageien aus Pailletten zum An-die-Wand-Kleben oder lächelnd aus Holz. Gewöhnliche Schmetterlinge - aufgespießt in Holzkisten. Getrocknete Pflanzen auf altem Papier - sieht zumindest alt aus. Fotoalben, ein Strohhut, der wie der von Humboldt aussieht, den man aber in Touri-Läden für wenig Geld bekommt. Es ist ein Spiel, ein ironischer Kommentar zur Heiligsprechung authentischer Dokumente.

Andere Perspektiven einnehmen, vernetzt denken

Es sind die ersten Ausstellungen, die das Humboldt-Forum hier zeigt, es ist ein erstes Zeichen. Die erste Öffnung für das Publikum mit was zum Zeigen. Generalintendant Hartmut Dorgerloh formuliert aus aktuellem Anlass das Prinzip Humboldt-Forum: "Andere Perspektiven einnehmen, vernetzt denken und wirklich ernst nehmen, dass wir inzwischen nicht mehr diejenigen sind, die definieren, was in der Welt wichtig ist."

Es ist ein fröhlicher erster Abend im Humboldt-Forum mit DJs und Lichtinstallationen, dem noch ein ganzes Wochenende folgen soll. Die Ausstellungstexte sind dreisprachig: deutsch, englisch, spanisch. Die Künstlerinnen und Künstler kommen aus Lateinamerika, der Blick ist von dort aus auf uns Europäer gerichtet, nicht umgekehrt. Im Humboldtforum wird gerade die Deutungsmacht neu verteilt.

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