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Kompressor | Beitrag vom 13.08.2018

Das Hochhaus Ponte City in JohannesburgGanz Südafrika auf 54 Etagen

Von Leonie March

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Blick vom Fundament des Ponte Towers in Johannesburg (Südafrika) hinauf. (Leonie March)
Das "düstere Herz" des Ponte Towers: Bis in den Innenhof des Gebäudes gelangt kaum ein Lichtstrahl. (Leonie March)

Ponte City, der höchste Appartementblock Südafrikas, symbolisiert die wechselhafte Geschichte des Landes: erst als betonierter Machtanspruch des Apartheidregimes, später als Rückzugsort für Kriminelle. Nun wird Ponte zu einem Symbol der Hoffnung.

Ponte City gleicht einer Festung. Nicht nur wegen der monumentalen Betonarchitektur. Besucher müssen mehrere Sicherheitsschleusen durchlaufen. Von Mietern wie Franck Leya wird der Fingerabdruck gescannt.

"Das ist angesichts der Geschichte dieses Gebäudes einfach notwendig. Und es gibt uns Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit. Ich fühle mich hier sicherer, als irgendwo sonst."

Blick auf Hilbrow mit dem Ponte Tower in Johannesburg, Südafrika. (imago)Als Rückzugsort für Kriminelle galt der Ponte Tower lange Zeit. (imago)

Dabei hat kaum ein Gebäude einen so schlechten Ruf wie "Ponte City". Seit den 90er-Jahren war es lange Zeit ein 54-Stockwerke hoher urbaner Slum: verwahrlost, vermüllt, brandgefährlich.

"Meine Mutter hat uns früher alle möglichen Horrorgeschichten erzählt. Und sie hat uns gewarnt: Wenn wir nichts aus unserem Leben machen, würden wir dort enden. Kriminelle hatten Ponte damals besetzt: Gangster, Drogendealer, Zuhälter. Das hat mich abgeschreckt, aber auch neugierig gemacht. Und so bin ich nun tatsächlich hier gelandet."

Keine Sorge, der 22-Jährige handelt weder mit Drogen noch mit Waffen. Er arbeitet für die Nichtregierungsorganisation "Dlala Nje", die hier seit 2012 ihr Büro hat. Damals hatten die Eigentümer des Hochhauses die Kriminellen gerade auf die Straße gesetzt, bergeweise Müll abtransportiert und damit begonnen, die über 480 Appartements zu renovieren.

"Ein Ort, in dem Träume wahr werden"

Franck Leya lebt ganz oben im 54. Stockwerk, in einer schicken, hellen zwei-Zimmer-Wohnung: 70 Quadratmeter, Wohnküche, Schlafzimmer, Duschbad. Zu einem günstigen Mietpreis, sagt er.

"Von hieraus sehe ich ganz Johannesburg. Da unten liegt das New York Südafrikas. Ein Ort, in dem Träume wahr werden können und Leute hart dafür arbeiten. Ein Ort, der Menschen aus aller Welt anzieht. Deshalb mag ich diesen Ausblick so sehr."
 Die Stadt Johannesburg (Südafrika) im Abendlicht mit dem Ponte Tower, dem höchsten Gebäude Johannesburgs, im Stadtteil Hillbrow. ( imago/ Sven Simon)Vom Horror-Slum zu einem Symbol der Hoffnung? - Der Ponte Tower im Abendlicht. ( imago/ Sven Simon)
Der Blick war jedoch auch Teil des betonierten Machtanspruchs des Apartheidregimes. Als das Gebäude 1975 gebaut wurde, war es eines der höchsten Afrikas, gekrönt mit dreistöckigen Penthouses für die weiße Elite, Schwimmbädern, Restaurants und Boutiquen. Ein paar Ladenlokale haben heute wieder geöffnet: Supermarkt, Waschsalon, Friseur. Ponte City ist wie eine kleine Stadt.
 
 "Ich fühle mich hier mehr als je zuvor als Teil einer Gemeinschaft. Normalerweise lebt jeder in Johannesburg für sich. Hier habe ich Nachbarn aus allen Ländern Afrikas. Man hilft sich gegenseitig und wohnt wirklich zusammen."

Wie in einem Horrorfilm

Der 22-Jährige zieht seine Wohnungstür zu. Auf der anderen Seite des schmalen Flures schauen dreckige Fenster wie leere Augen ins Innere. Denn das kreisrunde Hochhaus ist von innen hohl. Treppen und Aufzüge führen rundherum nach unten. Doch seit Monaten funktioniert nur ein Lift und Franck rennt, um ihn noch zu erwischen. 
 
"Ich liebe es hier so sehr, dass ich zur Not auch zu Fuß hoch- und runterlaufen würde. Mein größter Traum wäre es, eine Wohnung zu kaufen. Aber momentan gibt es hier nur Mietwohnungen."

Vom Erdgeschoss aus steigt Franck eine Metalltreppe nach unten zum felsigen Fundament. Rundherum ragen über 170 Meter Beton und Fenster in die Höhe. Ganz oben ein Stückchen blauer Himmel: zu klein, um diesem Ort das Düstere, Endzeitliche zu nehmen. Kein Wunder, dass hier Szenen diverser Science-Fiction und Horrorfilme gedreht wurden. Alles Klischees, sagt Franck und verzieht das Gesicht.

"Es ist mein Lieblingsort in diesem Gebäude. Hier bin ich ganz allein mit meinen Gedanken. Ich verkrieche mich in diesem Loch, komme gestärkt wieder raus und schöpfe Hoffnung für den nächsten Tag."

Der Mieter Franck Leya in der Mitte des Ponte Towers in Johannesburg (Leonie March)Wo andere Horror-Filme drehen, kann Franck Leya so richtig entspannen. (Leonie March)

Mit diesem Eindruck gehört Franck sicherlich zu einer Minderheit. Findet er das von vielen als monströs-hässlich empfundene Gebäude vielleicht auch schön?

"Nein, schön finde ich es nicht. Im Gegenteil: Es ist einschüchternd. Aber das gefällt mir. Es ist ein Kunstwerk und ein Symbol der Hoffnung. Es steht für alles, was wir Südafrikaner durchgemacht haben. Woher wir kommen und wohin wir streben. Wenn ich sehe, wie Ponte sozusagen wieder aus Ruinen aufersteht, dann lässt mich das hoffen. Ponte ist wie Südafrika auf 54 Etagen, mit all seinen Problemen."

Fazit

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