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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.04.2020

Das Geschäft mit James Bond als RomanheldLizenz zum Schreiben

Von Christian Blees

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Schwarzweißfoto von Sean Connery mit nacktem Oberkörper und dem Schriftsteller Ian Fleming unter freiem Himmel. (imago images / Prod.DB / Bert Cann)
Erst mit der Verfilmung von "Dr. No" kam für Ian Fleming - hier rechts im Bild - der große Erfolg. (imago images / Prod.DB / Bert Cann)

Er war zunächst ein Romanheld: James Bond, britischer Geheimagent 007 mit der Lizenz zum Töten. Ian Flemings "Casino Royale" erschien bereits 1953. Seit Flemings Tod 1964 schreiben verschiedene Autoren im Auftrag der Erben weiter am Erfolg.

Im Londoner Szenebezirk Notting Hill wohnt in einer der prachtvollen viktorianischen Villen James Fleming, Autor unter anderem einer erfolgreichen Trilogie historischer Thriller und Neffe eines berühmten Onkels: Ian Fleming, dem Erfinder von James Bond.

Benannt nach einem Vogelkundler

"Er besaß auf Jamaika ein Ferienhaus, das er ‚Goldeneye‘ getauft hatte, und war ein begeisterter Muschelsammler", erzählt James Flemming. "Zu seinen umfangreichen Beständen naturwissenschaftlicher Bücher gehörte auch eines über die Vogelwelt der westindischen Inseln. Der Autor dieses Standardwerks hieß James Bond. Diesen Namen hat mein Onkel einfach übernommen".

Dass der berühmteste Geheimagent der Welt nach einem Vogelkundler benannt ist, dürfte so manchen Filmfan überraschen. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist außerdem die Tatsache, dass die Geburt von James Bond alias 007 keineswegs auf der Kinoleinwand stattfand, sondern zwischen zwei Buchdeckeln. Der Roman mit dem Titel "Casino Royale" erschien im Frühjahr 1953.

Neue Maßstäbe im Thrillergenre

Mit "Casino Royale" setzte der damals 45-jährige Ian Fleming neue Maßstäbe in Sachen Spannungsliteratur, erzählt Danny Morgenstern, Deutschlands führender James-Bond-Experte und selbst Autor mehrerer Bücher über 007.

"‘Casino Royale‘ hebt sich massiv von den anderen Büchern ab, die zum selben Zeitpunkt erschienen sind", sagt Danny Morgenstern. "Die Figur James Bond, die Ian Fleming da geschaffen hat, das ist eine sehr düstere Figur. James Bond ist eine gebrochene Person und er geht aus dieser ganzen Geschichte heraus noch mit einem größeren Hass auf seine Feinde. Und er fragt sich: Was ist wirklich gut und was ist wirklich böse? Das hat auch vor ihm noch kein Charakter so getan, weil: Normalerweise gehen wir davon aus, der Held weiß, dass er ein Held ist."

Erfolg durch die Kinofilme

Der Krimi, der im Kalten Krieg spielt, war mit seinem ungewöhnlichen Protagonisten für Liebhaber des Genres etwas völlig Neues. Auf Anhieb erfolgreich war das Buch deshalb noch lange nicht. Doch Fleming ahnte, dass das Buch und seine Figur Potential hatten. Es folgten die Romane  "Live And Let Die", also "Leben und sterben lassen", und "Moonraker".

Der große Erfolg stellte sich allerdings erst 1962 ein, als der erste Kinofilm "James Bond jagt Dr. No" herauskam. Dadurch steigerte sich der Buchverkauf enorm.

In der Ausstellung "For your Eyes only - Ian Fleming and James Bond" im Imperial War Museum in London sind James-Bond-Romane zu sehen. (imago / Future Image)James-Bond-Romane in einer Londoner Ausstellung: Ein sehr populärer Lesestoff, meint Kriminalliteratur-Experte Thomas Wörtche. (imago / Future Image)

Ian Fleming starb im August 1964, im Alter von 56 Jahren, an den Folgen eines Herzinfarkts. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er insgesamt ein Dutzend James-Bond-Romane sowie zwei Bände mit 007-Kurzgeschichten veröffentlicht. Alle Romane und auch einige Kurzgeschichten dienten – mal mehr, mal weniger – bis heute als Vorlagen für die meisten James-Bond-Kinofilme.

Erst ab Mitte der 1990er Jahre sollten auch solche Filme entstehen, die auf eigens verfassten Filmdrehbüchern basierten. Diese hatten dann, abgesehen vom Titelhelden, mit Ian Flemings Originalgeschichten nichts mehr zu tun.

Auch die Unterschiede zwischen einem Fleming-Roman und der gleichnamigen Leinwandversion sind bisweilen enorm, sagt Danny Morgenstern. Von "Moonraker" sei eigentlich nur der Titel geblieben, da, als der Film 1979 gedreht wurde, der Plan des Schurken Hugo Drax, London mit einer Atomwaffe zu zerstören, etwas altbacken erschien.

Ein bis an die Zähne bewaffneter Spießer

1960, und damit sieben Jahre nach der englischen Originalausgabe, erschien der erste James-Bond-Roman "Casino Royale" auch auf Deutsch beim Ullstein Verlag – und verkaufte sich sehr gut.

"Es war halt ein sehr, sehr populärer Lesestoff," meint Thomas Wörtche, Deutschlands führender Experte für Kriminalliteratur. Heutzutage wundert man sich über bestimmte rassistische Ansichten oder das Frauenbild: "Irgendjemand hat mal gesagt: Ein bis an die Zähne bewaffneter Spießer. Ich weiß nicht, ob das Eco war oder irgendjemand anderes, der sich mit James Bond auseinandergesetzt hat. Das stellt sich in den Büchern tatsächlich so dar."

In der Tat hatte Umberto Eco bereits 1965 die Erfolgsformel der James-Bond-Romane sowie deren literarische Qualität etwas genauer unter die Lupe genommen. In einem Aufsatz mit dem Titel "Die erzählerischen Strukturen in Ian Flemings Werk" schrieb der 2016 verstorbene, italienische Schriftsteller und Semiotiker:

"Fleming ist gebildeter, als er zeigt. Er lässt das Kapitel 19 von ‚Casino Royale‘ folgendermaßen beginnen: ‚Wenn man träumt, dass man träumt, ist man kurz davor, aufzuwachen.‘ Das ist eine bekannte Beobachtung, aber es ist auch ein Satz von Novalis."

Besondere Art der Geldvermehrung

In der Londoner Suffolk Street residiert die Firma Stonehage Fleming. Corinne Turner vertritt einen Zweig des Fleming’schen Familienimperiums, der sich einer ganz besonderen Art der Geldvermehrung verschrieben hat: der globalen Vermarktung von James Bond als Romanfigur.

Ins Leben gerufen wurde Ian Fleming Publications, damals noch unter einem anderen Namen, bereits zu Ian Flemings Lebzeiten. Zweck der Firma war es ursprünglich, vor allem die weltweiten Übersetzungsrechte der Bond-Romane zu verwalten.

Nach dem Tod des Namensgebers 1964 sei es dann aber erst einmal darum gegangen, das literarische Copyright an 007 auf Dauer zu sichern, erklärt Corinne Turner. Dies habe das damals geltende, komplizierte britische Urheberrecht notwendig gemacht. Darum habe man sich seinerzeit dazu entschlossen, einen völlig neuen James-Bond-Roman in Auftrag zu geben.

Der Schriftsteller Kingsley Amis bekam als erster die Lizenz zum Schreiben. In seinem James-Bond-Thriller "Colonel Sun" lässt er 007 auf einer griechischen Insel unter anderem gegen Ludwig von Richter antreten, einen ehemaligen Nazi-Kommandanten.

Als "Colonel Sun" im März 1968 erschien, war die 007-Leinwandversion längst ein Riesenhit. Sean Connery in der Rolle des Geheimagenten hatte 1962 mit "Dr. No" den Anfang gemacht. Von da an bekamen Kinogänger zunächst jährlich, später alle zwei Jahre, jeweils ein neues, spektakuläres James-Bond-Filmabenteuer zu sehen. An der Buchfront dagegen herrschte längere Zeit Funkstille. Der eigentliche Ursprung des Geheimagenten als Romanfigur drohte, allmählich in Vergessenheit zu geraten. Bei Ian Fleming Publications sah man sich daher erneut veranlasst, zu handeln.

007 in der Gegenwart

Corinne Turner erzählt, dass man sich also auf die Suche nach einem Autor machte, der gleich eine ganze Reihe neuer Bond-Romane schreiben sollte. Man fragte John Gardner, der schon eine Menge ziemlich erfolgreicher Krimis vorweisen konnte.

Nachdem Gardner insgesamt 14 neue und erfolgreiche Bücher verfasst hatte und sich wieder anderen Dingen zuwandte, ging die Suche nach einem neuen James-Bond-Autor von vorne los. Die nachfolgenden Bücher unterschieden sich von Ian Flemings Originalen in einem wichtigen Detail: Fleming hatte James Bond stets in den 1950er- und 1960er-Jahren verankert. In den zwischen 1981 und 2013 veröffentlichten Nachfolge-Bänden dagegen agierte 007 in der Gegenwart. Auf Dauer stieß dieses Konzept bei vielen Lesern auf Kritik.

"Ich finde, es war ein Fehler, Bond aus seinem ursprünglichen historischen Kontext herauszulösen", sagt Anthony Horowitz. "Er funktioniert ganz einfach am besten in den 50er- und 60er-Jahren. Denn er steht stellvertretend für eine ganz bestimmte, wichtige Phase der britischen Geschichte: den Kalten Krieg. Und damit für eine Art Versagen nach dem Zweiten Weltkrieg, für den Verlust an Ansehen."

Anthony Horowitz ist seit seiner Jugend ein glühender James-Bond-Fan – und schon längst selbst ein erfolgreicher Kriminal-Schriftsteller. Als solcher ist er als bislang letzter Autor von Ian Fleming Publications mit der "Lizenz zum Schreiben" ausgestattet worden und empfand das als große Herausforderung.

"Ian Fleming war nämlich ein weitaus besserer Schriftsteller, als viele glauben", sagt Anthony Horowitz. Er hatte zum Beispiel eine unglaubliche Begabung darin, Dinge und Landschaften zu beschreiben. Aber auch seine Action-Szenen und Charaktere sind unvergesslich. In dieser Hinsicht kann ihm bis heute kaum jemand das Wasser reichen."

Bond-Romane auf Deutsch

Laut Ian Fleming Publications haben sich die 007-Romane bis heute weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft. Diese Zahl umfasst nicht nur die ursprünglich von Ian Fleming geschriebenen Originalromane, sondern auch die Fortsetzungen anderer Autoren sowie die eine oder andere Nebenserie. Was den deutschen Markt angeht, so machte der Ullstein Verlag 1960 den Anfang. Später erwarben dann zunächst Scherz und anschließend der Heyne Verlag die deutschsprachigen Rechte.

Der Ludwigsburger Verlag Cross Cult war der erste deutsche Verlag, der die von Ian Fleming geschriebenen Originalromane und Kurzgeschichten ungekürzt veröffentlichte – und gleichzeitig auch in neuer Übersetzung.

2012, und damit quasi im Fahrwasser des seinerzeit aktuellen James-Bond-Kinohits "Skyfall", sollte sich das verlegerische Risiko für Cross Cult auf Anhieb auszahlen. Allein von "Casino Royale", dem ersten 007-Band, wurden rund 20.000 Exemplare verkauft.

Auf Dauer, so zeigte sich, konnten die von John Gardner geschriebenen Bond-Fortsetzungen nicht die Erwartungen erfüllen. Nachdem der Verlag zehn der 14  Thriller ins Deutsche hatte übersetzen lassen, zog man 2019 die Reißleine.

Hat James Bond als literarische Figur nach über fünf Jahrzehnten allmählich ausgedient? Oder ist diese auf Dauer gar nicht totzukriegen? Die Meinungen darüber scheinen seit jeher geteilt.

Für Ian Flemings aktuellen Nachfolger Anthony Horowitz steht zumindest eines unwiderruflich fest: "007 wird nicht nur auf der Kinoleinwand, sondern auch zwischen zwei Buchdeckeln auf immer seine Daseinsberechtigung haben."

(DW)

Sprecher: Wolfgang Condrus, Mirko Böttcher und Oliver Urbanski
Regie: Giuseppe Maio
Ton: Peter Seyffert
Redaktion: Dorothea Westphal

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