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Interview | Beitrag vom 22.06.2019

Das Geschäft mit der afrikanischen WildnisKampf für einen ethisch verantwortungsvollen Tourismus

Daniela Freyer im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Familie afrikanischer Elefanten zieht durch den Serengeti Nationalpark in Tansania. (picture alliance / dpa / Winfried Wisniewski)
Vorbildlich: Der Serengeti Nationalpark in Tansania setzt auf reinen Foto- und Safaritourismus. Andernorts werden Tiere für die Jagd gezüchtet. (picture alliance / dpa / Winfried Wisniewski)

Touristen wollen Elefanten, Löwen, Büffel oder Nashörner sehen. In einigen afrikanischen Ländern werden sie direkt für Großwildjagden gezüchtet. Daniela Freyer von Pro Wildlife fordert deshalb, mehr Anreize für einen sanften Fototourismus zu schaffen.

Ute Welty: Es ist wohl die Konferenz weltweit mit der vielleicht spektakulärsten Kulisse: Direkt an den Viktoriafällen in Simbabwe trifft sich an diesem Wochenende der Wildlife Economy Summit, und der will nichts anderes als prinzipiell die Quadratur des Kreises, nämlich die afrikanische Wildnis bewahren und an ihr verdienen, denn Afrika lässt sich kaum denken ohne Safari und ohne die Big Five: Alle wollen die großen Fünf einmal gesehen haben, und manche wollen Elefanten, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard auch gerne erschießen. Die Biologin Daniela Freyer engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für den Artenschutz und hat deswegen 1999 den Verein Pro Wildlife mitgegründet. Guten Morgen, Frau Freyer!

Daniela Freyer: Guten Morgen!

Welty: Afrika ist ja durchaus angewiesen auf die Einnahmen, aus dem Tourismus, aber wie kann das gehen, wenn der Tourismus zerstört, was die Menschen eigentlich sehen wollen?

Freyer: Es gibt natürlich durchaus auch naturverträgliche Formen des Tourismus, also verantwortungsvollen Safari-Tourismus, Walbeobachtungstouren, bei denen man den Tieren nicht zu sehr auf die Pelle rückt. Das gibt es durchaus, aber leider sind gerade Länder wie Simbabwe auch ganz groß darin, an toten Tieren Geld zu verdienen, also zum Beispiel durch Trophäenjagd oder den Handel mit Elfenbein oder auch den Fang lebender Tiere für Zoos und Zirkusse.

Man will sich von bisherigen Praktiken verabschieden

Welty: Das Verfahren ist ja auch zum Teil richtig zynisch, wenn extra Büffel beispielsweise für die Jagd gezüchtet werden. Gibt es da tatsächlich eine Bereitschaft, das abzustellen? Weil auch daran wird ja dann verdient.

Freyer: Leider sehen wir das bei der neuen Regierung von Simbabwe nicht. Also der neue Präsident von Simbabwe ist durchaus sehr bemüht, sein Land in einem besseren Licht dastehen zu lassen und auch Touristen anzuziehen, die Wirtschaft des Landes durch den Tourismus wieder anzukurbeln, aber gleichzeitig möchte man sich von solchen Praktiken wie Jagd auf bedrohte Tierarten oder den Handel mit ihnen nicht verabschieden bisher.

Welty: Was lässt sich dadurch erreichen, wenn man den Zugang beschränkt, wenn zum Beispiel nur eine bestimmte Anzahl von Jeeps losfahren darf?

Freyer: Ja, das ist natürlich schon wichtig, dass man nicht zu viele Touristen auf einmal auf die Wildtiere loslässt, dass man natürlich auch einen Abstand hält, dass man immer den Respekt wahrt, den Tieren nicht zu sehr auf den Leib rückt. Das ist durchaus wichtig, und dann können Wildtiere natürlich eine sehr wichtige Einnahmequelle sein, an der auch die Menschen des Landes gut mitverdienen können, wenn die Einnahmen entsprechend umverteilt werden.

Serengeti (picture alliance/dpa/Foto: Stuart Price/Make It Kenya/Han)In einige afrikanischen Staaten werden Löwen extra für den Abschuss gezüchtet. (picture alliance/dpa/Foto: Stuart Price/Make It Kenya/Han)

Welty: Und wer entscheidet dann darüber?

Freyer: Das ist sehr unterschiedlich, aber in Simbabwe gibt es durchaus entsprechende Verordnungen und Möglichkeiten, dass die Menschen im ländlichen Raum an den Einnahmen aus dem Tourismus beteiligt werden. Nur leider in der Vergangenheit war der Großteil der Einnahmen aus der Trophäenjagd vor allem auf Elefanten gekommen. Das waren über 90 Prozent, und wir von Pro Wildlife halten es für notwendig, dass die Einnahmen einfach stärker aus dem Fototourismus, aus dem Safaritourismus kommen, weil die Menschen heutzutage natürlich auch nicht mehr akzeptieren wollen, dass die Tiere, die sie gerade noch beobachtet und fotografiert haben, etwas später dann von einem Trophäenjäger erschossen werden.

Löwen und Elefanten hinter Zäunen

Welty: Die privaten Reservate sind im Gegensatz zu den Nationalparks ja auch zum Teil eingezäunt. Was halten Sie von dieser Art Riesenzoo?

Freyer: Davon halten wir gar nichts. Das ist in Südafrika leider sehr üblich, dass Tiere in eingezäunten Gehegen gehalten werden, zum Teil sogar gezüchtet werden, Löwen zum Beispiel. Dort werden mehrere tausend Löwen gezüchtet, und sie werden erst aus gebeutet für Touristen, werden zum Beispiel mit der Flasche aufgezogen, später werden sie dann in den Gehegen ausgesetzt und zum Abschuss durch Jäger freigegeben. Das ist natürlich auch kein ethisch verantwortungsvoller Tourismus, und auch für den Naturschutz bringt es überhaupt nichts, weil diese Tiere nie wieder in freier Wildbahn leben können.

Welty: Wie sehr stehen überhaupt privates Reservat und Nationalpark in Konkurrenz miteinander?

Freyer: Die stehen schon in einer gewissen Konkurrenz miteinander. Wie gesagt, in Südafrika gibt es das sehr viel, und dort leben die Tiere eigentlich nur in eingezäunten Parks und Gehegen und können eigentlich nicht mehr ihre natürlichen Wanderbewegungen ausführen, können natürlich nicht mehr die Rolle im Ökosystem spielen, die sie in großen, nichtumzäunten Gebieten haben. Wir würden es natürlich auf jeden Fall mehr begrüßen, wenn Menschen, die Naturparks, Nationalparks besuchen und die privaten Gehege eher nicht.

Welty: Jetzt haben wir viel über Simbabwe gesprochen, weil da diese Konferenz, dieser Gipfel stattfindet. Welche Ländern haben Sie denn sonst noch auf der Agenda, wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen?

Freyer: Es gibt einige Länder, wie gerade Südafrika, Namibia – Botswana möchte die Jagd auch wieder erlauben, also das sind alles Länder, die sehr stark auf die sogenannte konsumtive Nutzung von Wildtieren, also Jagd oder Handel mit Körperteilen von Tieren wie Elfenbein und dergleichen, setzen. Es gibt aber auch Länder wie Kenia, die wirklich nur auf einen reinen Safaritourismus setzen, wo die Jagd zum Beispiel verboten ist.

Das größte Touristenmagnet in Afrika

Welty: Welche Rolle spielt dieser erste Gipfel, für den sich immerhin die Afrikanische Union und die Vereinten Nationen in ein Bott gesetzt haben?

Freyer: Das ist bisher noch schwer vorauszusehen. Also Simbabwe möchte dort wohl einige Beschlüsse verabschieden, wo uns aber noch nicht bekannt ist, in welche Richtung es gehen soll, aber, wie gesagt, wir sehen schon, dass der Tourismus eine sehr wichtige Rolle, Wildtiertourismus, gerade für Afrika spielt, weil da ja noch viele wildlebende Tiere sind und sicher auch der größte Touristenmagnet in Afrika sind.

Welty: Wo zeichnet sich denn für Sie eine Kompromisslinie ab?

Freyer: Ich denke, dass wirklich die Ausbeutung von Tieren für die Jagd oder den Handel und Fang lebender Tiere mit dem naturverträglichen Tourismus nicht vereinbar ist. Gleichzeitig spielt aber der Safari-Foto-Tourismus finanziell eine viel größere Rolle. Also aus unserer Sicht wäre es deswegen natürlich viel wichtiger, solche Formen des Tourismus zu fördern und die Jagd zu unterbinden.

Welty: Wenn ich jetzt eine Safari plane, worauf sollte ich achten, was Artenschutz angeht und auch Nachhaltigkeit?

Freyer: Dass man natürlich einen verantwortlichen Anbieter findet, der nicht zu nah auf die Tiere zufährt, den Abstand hält, nicht bedrängt oder die Tiere mit Jeeps verfolgt. Da gibt es durchaus Unterschiede, und man sollte die Anbieter vor Buchung einer Reise fragen, welche Kriterien sie da einhalten.

Welty: Und da kriege ich auch eine ehrliche Antwort?

Freyer: Das ist natürlich die Frage. Das ist manchmal schwer zu beurteilen. Natürlich ist es auch immer gut, sich Informationen von anderen Reisenden, die denselben Anbieter gebucht haben, einzuholen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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