Das Ende der jüdischen Modeindustrie

Nazis zerstörten Synagoge in Berlin und zudem eine ganze Industrie © AP
09.07.2013
Berlin war einst das Epizentrum der Mode - damals nocht weit vor Paris oder London. Jüdische Unternehmer waren die Protagonisten dieses Weltruhms. Daran erinnert Roberta Kremer mit ihrem Buch, das den Untertitel trägt: "Die Zerstörung der jüdischen Mode-Industrie".
Ausgerechnet Magda Goebbels - nach der Pogromnacht am 9. November 1938, als die Synagogen brannten, jüdische Geschäfte geplündert, Menschen misshandelt und deportiert wurden, soll sie einen Anflug von Missbilligung verspürt haben. Ausgerechnet die Gattin des Propagandaministers, die bis dahin einen jüdischen Modesalon mit ihren Einkäufen beehrt hatte, stellte fest, dass "mit den Juden die Eleganz aus Berlin" verschwand.

Dass sie damit buchstäblich den Nagel auf den Kopf traf, zeigt das Buch "Zerrissene Fäden". Noch in den 1930er Jahren befand sich die Hälfte aller 2000 deutschen Textilfirmen in jüdischem Besitz. Die größten Warenhauskonzerne – Karstadt, Kaufhof, Tietz und Schocken – hatten jüdische Eigentümer. Ebenso Wertheim, dessen Flaggschiff an der Leipzigerstraße in Berlin sogar alle vergleichbaren Häuser in Paris und London überragte. Stil und Geschmack herrschten innen wie außen. Die besten Architekten entwarfen Tempel für die Mode à la Renaissance oder wie Erich Mendelsohn schwungvolle Ikonen der Neuen Sachlichkeit.

In einem halben Dutzend von prägnanten Aufsätzen erklären deutsche, österreichische und amerikanische Historiker, wie es zu diesem phänomenalen Aufschwung kam, zu einer glanzvollen Epoche, die durch die Nazis so gründlich ausgelöscht wurde, dass sich die Modebranche hierzulande bis heute nicht von diesem Verlust erholte.

Demokratisierung der Mode
Die Erfolgsstory, so heißt es schlüssig, verdankt sich einem besonderen, aus der Not geborenen Kniff: Jüdische Kleinunternehmer haben die Mode demokratisiert, indem sie Bekleidung in Standardgrößen entwickelten. Statt der bis dahin üblichen Maßschneiderei, die sich nur die upper class leisten konnte, wurde nun seriell gefertigt, was die Mode für viele erschwinglich machte. Damit wurde die deutsche Modeindustrie mit ihrem Zentrum Berlin zum Vorbild für Paris, Wien, London und New York.

Da Juden, außer dem Geldverleih und dem Handel mit gebrauchten Waren, die Ausübung eines Gewerbes verboten war, brachten sich viele in der vorindustriellen Zeit mit dem Verkauf von Textilien und Kleidung aus zweiter Hand durch. Als mit der rechtlichen Gleichstellung in Preußen, dann in Österreich, auch produziert werden durfte, gab es auf dem Textilsektor einen regelrechten Wirtschaftsboom.

Jüdische Warenhäuser schossen aus dem Boden. In ihnen fand man einfach alles: vom preiswerten Konfektionsmantel bis zum sündhaft teuren Modellkleid. Die russische Hocharistokratie kam, die Vanderbilts aus den USA kauften ein, das Fürstenhaus Thurn und Taxis und natürlich der kaiserliche Hof. Stars wie Tilla Durieux oder Asta Nielsen liefen als Models über die Laufstege, wenn ihnen nicht für ihre Film- und Bühnenauftritte im Hause Gerson oder Tietz die Roben auf den Leib geschneidert wurden. Bibliophil gestaltet, ist der Band teilweise mit überraschenden Fotos illustriert. So posiert Leni Riefenstahl noch 1932 im Winter-Katalog des Kaufhauses Israel im flotten Ski-Dress, Fritzi Massary in einem Hauch von Abendkleid als sündige Maja.

Das Buch geht auf eine Ausstellung in Vancouver im Jahre 1999 zurück, weshalb manches unscharf oder veraltet ist. Es handelt von Emigration, Vertreibung und ihren Folgen. Doch nicht davon, dass Berlin als Modestadt wieder an den vergangenen Ruhm anknüpft. Jüdische Mode kehrt an ihren Ursprungsort zurück. Immer mehr junge israelische Designer lassen sich in Berlin nieder: Die Enkelgeneration der Überlebenden.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Roberta S. Kremer (Hg.): Zerrissene Fäden. Die Zerstörung der jüdischen Modeindustrie in Deutschland und Österreich
Aus dem Amerikanischen von Ingrid Hacker-Klier
Steidl Verlag, Göttingen 2013
198 Seiten, 18 Euro