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Interview | Beitrag vom 17.05.2021

Das "Burn On"-SyndromImmer gestresst, chronisch erschöpft

Bert te Wildt im Gespräch mit Nicole Dittmer

Ein erschöpfter junger Mann legt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in seine Hand (Unsplash.com / Adrian Swancar )
Schuften bis zur chronischen Erschöpfung: Die Folgen können schwerwiegend sein. (Unsplash.com / Adrian Swancar )

Viele Menschen arbeiten so viel, dass sie sich in einem Zustand der Daueranspannung befinden. Der Arzt und Psychotherapeut Bert te Wildt spricht von einem "Burn On" und macht vor allem unsere Arbeitswelt verantwortlich dafür.

Morgens um sechs Uhr raus, das Croissant vom Bäcker wird auf dem Weg zur Arbeit gegessen, und dann ab ins erste Meeting. E-Mails checken ist ein Dauerzustand, Pausen sind eher die Ausnahme, und abends wird es öfter spät: Viele Menschen arbeiten so viel, dass sie permanent gestresst und erschöpft sind.

Von einem "Burn On" spricht Bert te Wildt. Er ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik im Kloster Dießen am Ammersee, Psychotherapeut und Mitautor des Buches "Burn On: Immer kurz vorm Burn Out", das am 1. Juni erscheint.

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Manche Menschen würden aus Angst, nicht zu genügen, immer mehr arbeiten als notwendig, sagt der Arzt. Aber auch die Strukturen der Arbeitswelt spielen nach seiner Ansicht nach eine große Rolle. "Es gibt gerade am unteren und am oberen Ende Bereiche, wo nach wie vor sehr, sehr viel gearbeitet wird."

Einerseits sind das prekäre Jobs, bei denen man sich mit 40 Stunden Arbeit nicht über Wasser halten kann. Andererseits gebe es Bereiche wie die Wissenschaft, die Medizin oder die Unternehmensberatung, wo ein hohes Arbeitspensum einen Wettbewerbsvorteil bedeutet:

"Je mehr ich arbeite, desto mehr Vorsprung habe ich vor Mitbewerbern", sagt te Wildt. "Und desto mehr beute ich mich selbst aus und lasse mich auch vielleicht von anderen ausbeuten."

Gesundheitliche Folgen der Selbstausbeutung

Bei Klinikpatienten könne man einen Daueranspannungszustand beobachten. Auch die Muskulatur und die Gefäße seien davon erfasst, sagt te Wildt. Bluthochdruck sei letztendlich eine Vorstufe für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Die Patienten litten zudem häufig an extremen Verspannungen und Kopfschmerzen.

Entspannung sei für sie ein Fremdwort und höchstens in Form von drei Tagen "Power-Wellness" möglich, so te Wildt: "Wenn Achtsamkeit, Meditation und Yoga nur noch dazu dienen, sich gerade noch funktionstüchtig zu halten, dann ist man eigentlich in einen Teufelskreis gekommen, den wir mit dem Burn-On-Syndrom beschreiben."

So viel zu arbeiten, sei sehr verbreitet. Der Druck sei im Kapitalismus extrem groß: "Unsere Gesellschaft definiert sich sehr stark übers Arbeiten. Werte sind sehr stark an materiellen Dingen, an Geldwerten orientiert. Und das legt sich auch in unsere Arbeitshaltung", sagt der Psychotherapeut.

(jfr)

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