"Das Buch wird nicht verschwinden"

Egon Ammann im Gespräch mit Liane von Billerbeck · 22.07.2010
Trotz einer schwierigen Marktsituation könne auch die digitale Revolution das gedruckte Buch nicht gefährden, sagt Egon Ammann, der nach 29 seinen Verlag geschlossen hat. Jungen Verlegern rät er, das Internet zu nutzen, um neue Kunden zu gewinnen.
Liane von Billerbeck: Nach 29 Jahren ist nun Schluss mit dem Ammann-Verlag. "Alles hat seine Zeit" – mit diesem geradezu biblischen Zitat schließen Egon Ammann und seine Frau Marie-Luise Flammersfeld, das Verlegerpaar, ihren legendären Buchverlag. Die Gründe für diesen Entschluss, schrieben sie, liegen im fortgeschrittenen Alter der Verleger und in einer Marktsituation, die für Literatur zunehmend schwieriger wird. Heute Abend ist Egon Ammann zu Gast im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus, wir haben ihn zuvor bei uns hier im Studio. Herzlich willkommen, Egon Ammann!

Egon Ammann: Freut mich!

von Billerbeck: Sie haben 1981 mit Thomas Hürlimann und dessen Erzählband "Die Tessinerin" Ihr Ammann-Programm eröffnet, und dieser Thomas Hürlimann, der hat vor einigen Jahren mal gesagt, Sie und Ihre Frau seien entschlossen gewesen, aus ihrem Leben etwas Besonderes zu machen, mit letzter, oft bitterer Konsequenz. Trifft das zu, das eine wie das andere?

Ammann: Ich glaube schon. Wir haben versucht, gemeinsam eben einen Verlag zu machen, der etwas Besonderes bringt, der vor allem der Kunst der Literatur offen sein sollte. Und ich glaube, das war eine schöne Zeit, eine sehr gute Zeit, diese 29 Jahre, aber es gab auch bittere Momente oder bittere Zeiten darin, wenn Sie so wollen. Insgesamt aber, wenn ich auf diese 29 Jahre zurückschaue – und wir sind jetzt dabei, das Archiv einigermaßen zu ordnen, dafür hatten wir vorher keine Zeit –, da kommen Dinge hoch und kommen Dinge zum Vorschein, die uns eigentlich zeigen, dass wir gar nicht so schlecht gewesen sind in diesen 29 Jahren.

von Billerbeck: 29 Jahre gute und sehr schöne Bücher, Sie haben es schon gesagt, Ammann stand ja auch immer für Literatur als Kunst. Ich denke an Ammanns "Kleine Bibliothek" beispielsweise. Was waren denn die wunderbarsten Bücher, die Sie in dieser Zeit gemacht haben, oder kann man das überhaupt nicht als Verleger so sagen, das war mir das liebere Kind als das andere?

Ammann: Nein, das geht nicht, das geht nicht, denn wenn ich die Bücher so ansehe, alle sind mir sehr nahe. Es ist ja mit viel Herzblut jedes einzelne Buch gemacht worden – von uns allen. Auch unsere Mitarbeiter haben alles gegeben, damit die Bücher gut und schön sind und damit sie wertbeständig sind – nicht nur vom Inhalt, von der Form her, sondern auch äußerlich. Wir haben versucht, Wertbeständigkeit zu zeigen. Aber es gibt natürlich schon einzelne große Editionen, wo ich ganz besonders oder wir alle ganz besonders stolz darauf sind – Fernando Pessoa, Ossip Mandelstam –, immer noch die vollständigste russische Poesieausgabe dieses großen Dichters, weil unsere Ausgaben immer zweisprachig waren, russisch jetzt in dem Fall und deutsch. Aber ich denke an Antonio Machado und an viele andere, die wir gemacht haben, zuletzt jetzt noch einen ganz großartigen Chinesen, Meng-Tse, der eigentlich der erste, wenn Sie so wollen, Begründer ist vielleicht zu viel, aber in Anführungsstrichen gesetzt, der Demokratie, des Demokratiedenkens überhaupt gewesen ist – ein Zeitgenosse von Aristoteles, einer der großen chinesischen Philosophen. Das sind alles Dinge, ja, wie kamen die zu uns und wie haben wir sie gemacht? Wir haben sie entdeckt durch Lesen, vielfach durch Lesen, durch Freunde, die uns hingewiesen haben auf gewisse Dinge, und jetzt stehen sie im Bücherregal, und wir sind davor glücklich.

von Billerbeck: Das Stichwort Entdeckung steht ja, glaube ich, bei Ihnen an erster Stelle, nicht bloß große Namen, sondern Sie haben auch ganz unbekannte entdeckt, die dann später auch Preise bekommen haben, junge Autoren, viele neue Stimmen – Julia Franck, Katja Oskamp, Thorsten Becker. Wie wichtig ist dieses Entdecken? Ist das Ihre Hauptaufgabe als Verleger?

Ammann: Ja, das ist … Also man will ja nicht einfach so entdecken, sondern ich habe immer versucht, offen zu sein für das, was ich sehe, was ich vor mir sehe, und wenn ich davon überzeugt bin, dass das gut ist, dass ich dazu passe oder dass der Text zu mir passt, dann habe ich mit Freuden Ja gesagt.

von Billerbeck: Wie muss so ein Text sein, der zu Ihnen passt?

Ammann: Ja, das … Ich kann es nicht sagen. Wenn er mich auf Wolken davonträgt, wenn ich drei, sieben, zehn Zentimeter über der Erde schweben kann damit, dann hat er mich.

von Billerbeck: Viele Autoren, die wären ja hier niemals so bekannt geworden, wenn es nicht Übersetzer gäbe. Sie haben also Eric-Emmanuel Schmitt bei sich verlegt, der zum Bestsellerautor wurde, und wir wollen auf keinen Fall vergessen die wunderbaren Übersetzungen der Dostojewski-Romane durch Swetlana Geier, statt "Schuld und Sühne" "Verbrechen und Strafe" – das wissen vielleicht viele Hörer.

Ammann: Richtig, ja.

von Billerbeck: Bekommen die Literaturübersetzer inzwischen das Lob, die Anerkennung, die ihnen zusteht?

Ammann: Also von uns jetzt, von mir haben sie immer das Lob bekommen, und ich denke auch, dass es uns gelungen ist, gerade im Falle von Swetlana Geier mit ihren großartigen Dostojewski-Übersetzungen, aber auch andere – sie hat Sinjawski übersetzt, nicht für uns, für S. Fischer –, oder bei Schmitt, da hat sich das Publikum natürlich gefreut an den guten Übersetzungen dieser Bücher. Ich glaube, dass die Anerkennung schon kommt. Es haben ja auch einige von unseren Übersetzern Preise gewonnen, nationale und internationale Preise, also das kommt schon langsam, das Bewusstsein, dass diese Übersetzertätigkeit eine nicht nur wichtige ist, sondern dass sie eben auch eine inspirierte sein muss, dem Original auf eigene Art so nahe so wie möglich. Und das ist, glaube ich, kommt langsam an.

von Billerbeck: Bei all den wunderbaren Ammann-Literaten, gibt es einen Autor oder eine Autorin, den Sie gern bei sich gehabt hätten und nicht bekommen haben?

Ammann: Ja, es gibt einen, und das ist etwas ganz Verrücktes, das geht mir bis heute nach: Reinhard Jirgl. Das ist ein Berliner Autor, er hat uns sein erstes Manuskript geschickt, und damals musste ich andere Dinge machen und war mit etwas anderem beschäftigt, habe das den Lektoren gegeben, und wir hatten zwei zu der Zeit – ich spreche jetzt nicht gegen die Lektoren, das kann jedem passieren. Aber auf jeden Fall, ich habe dann, viel später erst habe ich gefragt, was ist eigentlich da mit diesem Jirgl, ich kannte ihn ja nicht. Ich habe nur … das Manuskript kam per Post, ich hab das kurz durchgeblättert, angesehen und fand, oh, Vorsicht, das ist ein hervorragender Text. Ja, und dann hat sich herausgestellt in der Korrespondenz, ein Lektor von uns oder von mir hat da mehrere Briefe mit dem Autor gewechselt, und der hatte dann irgendwann mal genug und hat dann mitgeteilt, er erscheine jetzt bei Hanser. Das hat mich sehr geärgert, denn ihn – bis heute –, ich schätze ihn außerordentlich. Er hat jetzt auch den Büchner-Preis bekommen, was mich sehr, sehr freut für ihn. Ich bin sein Leser geblieben und werde es auch in Zukunft.

von Billerbeck: Aber leider eben nicht sein Verleger geworden.

Ammann: Nicht sein Verleger, das ist schade, ja.

von Billerbeck: Egon Ammann hat seinen Verlag geschlossen, wir ziehen mit dem Verleger Bilanz über 29 Jahre für und mit der Literatur. Nun haben Sie sehr viele Autoren und Autorinnen, und wenn so ein Verlag dicht macht, dann müssen die sich einen neuen Verleger suchen. Wie müssen wir uns das vorstellen – reißen sich da andere Verleger um Ihre Schreiber, kümmern Sie sich selbst oder müssen die sehen, wo sie bleiben?

Ammann: Also die Ausgangslage war die, dass wir allen gesagt haben, wir helfen, Verlage zu finden. Und es gab dann sehr schnell natürlich nach der Bekanntgabe, dass wir schließen werden – deshalb haben wir auch so früh das bekannt gegeben, im August 2009 –, und da meldeten sich verschiedenste Verlage, und bis heute sind … über 90 Prozent unserer Autoren haben tatsächlich neue Verlage gefunden, Einzelne, sehr Experimentelle, die leider nicht. Und da bin ich immer noch dabei zu helfen, zu gucken, wie man das machen kann, aber insgesamt sind wir glücklich darüber, dass unsere wichtigsten Autoren tatsächlich neue Verlage haben. Es sind ja auch schon neue Bücher erschienen, von Katja Oskamp zum Beispiel im Eichborn-Verlag oder anderen.

von Billerbeck: Wenn Sie sich Ihre Branche ansehen, Sie haben ja immer gesagt, Sie und Ihre Frau, wir sind papierne Verleger. Jetzt gibt es aber zunehmend digitale Bücher – ist das auch ein Grund dafür, dass Sie sich zurückgezogen haben?

Ammann: Mit ein Grund, ja – es war nicht der entscheidende, aber irgendwo, wie die ganze Marktentwicklung ist, das widerspricht mir und widersteht mir auch. Und wenn ich so – also bitte nichts gegen Buchhandlungen –, aber wenn ich Buchhandlungen gehe, zum Beispiel zu Filialisten, da sehe ich immer dieselben Bücher, von Itzehoe bis zu uns nach Zürich oder wohin auch immer sind dieselben Bücher, die vornean stehen, die besonderen kaum. In den mittelgroßen Buchhandlungen, da findet man noch, aber auch die kommen immer mehr zum Trend des, was im Fluss ist, was man haben will. Das ist schade. Das Sortiment, das klassische Sortiment, das einfach eine ganz persönliche, ein persönliches Angebot eines Buchhändlers abbildet, das ist kaum mehr vorhanden. Und da habe ich meine Mühe, ja, das ist schwierig. Es ist ein Verlust.

von Billerbeck: Sind Sie auch in Sorge um die Bücher aus Papier, um diese Bücher, die man anfassen und riechen und in denen man richtig blättern kann?

Ammann: Nein, eigentlich nicht. Das Buch, das ist ein ganz besonderes Vehikel, das wird bleiben, das ist überhaupt nicht in Gefahr. Nur es wird nicht mehr so Aufmerksamkeit haben und eine Wertigkeit haben, wie es gehabt hat. Die, glaube ich, die geht verloren. Und mit kleinen Auflagen, da muss man einfach ganz neu denken. Und wir hätten, wenn ich sagen wir mal zehn Jahre jünger gewesen wäre, hätte ich gesagt, gut, wir verkleinern unseren Verlag personell, sodass wir das überhaupt bezahlen können, und machen einfach weniger Bücher, aber die trotzdem. Und dann geht es. Aber wenn Sie so herkömmlich einen Verlag bauen, wie wir ihn hatten, das wird zunehmend schwieriger werden.

von Billerbeck: Sie haben aufgehört, welchen Rat würden Sie einem Jüngeren geben, der auf die verrückte Idee kommt, einen Buchverlag zu eröffnen?

Ammann: Ich würde das großartig begrüßen, also wirklich, denn man kann mit etwas verkleinert, nicht mehr das alte Denken, man muss anders vorgehen, und man muss zum Beispiel auch, denke ich, das Internet einschalten, um die Endkunden zu finden, die irgendwo in der Republik sind. Der Buchhandel hat das früher gemacht, heute immer weniger. Und mit dem Internet können sie die erreichen, er muss sich vernetzen, und dann kann er weiterhin Bücher machen – da bin ich überzeugt. Das Buch wird nicht verschwinden.

von Billerbeck: Sie haben vorhin schon einen Literaturtipp gegeben, den chinesischen Philosophen, haben sich vielleicht einige Hörer gemerkt, trotzdem an Sie zum Schluss die Frage: Wenn Sie auf eine einsame Insel verbannt würden und Sie dürften nur ein Buch mitnehmen, welches wäre das?

Ammann: Schauen Sie, ich bin 1941 geboren. Ich bin in einer Zeit geboren, wo Europa sagen wir mal in der ersten Hälfte einen so unglaublichen Umbruch erlebt hat. Ich würde Wulf Kirstens "Anthologie" mitnehmen, die genau von 1880 bis 1945, also es sind Gedichte, ein Panorama abbildet, was geschehen ist in dieser Zeit. Und in diesen Gedichten können Sie ablesen, was wirklich alles passiert ist – sowohl die Trauer darüber, was geschehen ist, wie die Hellsichtigkeit, was kommen wird. Es ist im Grunde genommen ein Geschichtsbuch, was er da zusammenstellt, in Gedichten, in der kleinsten Kunstform, in der schönsten Kunstform, die es gibt. Und das würde ich mitnehmen.

von Billerbeck: Und nebenbei ein sehr schönes Buch. Egon Ammann war das, bei uns zu Gast, für seine Bilanz nach 29 Jahren als Verleger des Ammann-Buchverlages, für die Berliner unter Ihnen heute Abend ab 20 Uhr ist er im Literaturforum im Brecht-Haus zu Gast. Herr Ammann, ganz herzlichen Dank und alles Gute für Sie!

Ammann: Ich danke Ihnen!
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