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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2015

Dantes "Göttliche Komödie" in KölnReise durch Himmel und Hölle

Von Ulrike Gondorf

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Darstellung von Dantes "Göttlicher Komödie" (imago/UnitedArchives)
Zeitgenössische Darstellung von Dantes "Göttlicher Komödie" um 1900. Die Qualen der Verdammten in der Hölle. (imago/UnitedArchives)

Vor 750 Jahren wurde Dante Alighieri geboren: der Schöpfer der "Göttlichen Komödie". Im Jubiläumsjahr hat jetzt Sebastian Baumgarten die universelle Geschichte über die menschlichen Abgründe am Schauspiel Köln auf die Bühne gebracht.

750 Jahre sind vergangen seit der Geburt des weltliterarischen Riesen Dante Alighieri. Das Schauspiel Köln nimmt das Jubiläumsjahr zum Anlass für einen Griff nach den Sternen. Der Regisseur Sebastian Baumgarten wagt eine Bühnenversion der "Göttlichen Komödie".

Überraschender könnte der Abend nicht beginnen. In der offenen Halle der Spielstätte "Depot" schaut das Publikum von Anfang an auf eine karge zweigeschossige Fassade: unten Rollstore, oben ein paar Fenster. Das könnte eine Hinterhof-Werkstatt sein. Und tatsächlich schraubt vorn ein Mann im weißen Overall an einem verbeulten Autor herum.

Nach und nach werden seltsame, lemurenhafte Gestalten sichtbar. Und ganz zuletzt taucht ein Soldat auf. Früher war er Dichter, sagt er. Jetzt hat er Schreckliches erlebt ist verzweifelt über den Tod seiner Frau Beatrice. Schnellt eint diese verlorenen Existenzen eine Art Notgemeinschaft: der traumatisierte Mann muss reden, die anderen brauchen Geschichten, die ihnen ihren Schmerz und ihre Hilflosigkeit erklären.

Dieser Anfang, den Baumgarten und sein Dramaturg Jens Gross in ganz einfacher, alltäglicher Sprache entwickeln, ist ein phantastisches Sprungbrett für die folgende Reise durch Himmel und Hölle. Es wird klar: diese alte Geschichte muss hier und jetzt erzählt werden. Es geht nicht abstrakt um Theologie, Philosophie oder geniale Verskunst – es geht ums Überleben.

Inszenierung mit Projektionen und Toncollagen

Und damit gehen die folgenden Erzählungen, die alle Figuren gemeinsam in Spiel verwandeln, auch direkt unter die Haut. Die, selbstverständlich kleine, Auswahl aus Dantes unerschöpflichem Kompendium ist auch nicht schwer aufs Heute zu beziehen. Sie kreist um Raserei und Leidenschaft, um Neid und Gier, um Korruption und politischen Verrat. Diese Episoden behalten ihre originale Versform. Mit Projektionen, Toncollagen, farbigem Licht und Nebel unterstützt die Inszenierung die Bilder, löst sich aber nie aus dem einmal gesetzten realistischen Bühnenbild (Thilo Reuther). Seine suggestive Kraft gewinnt der Abend vor allem aus dem gedanklich hoch differenziert und mit emotionsgeladener Energie vorgetragenen Text. Das Ensemble vollbringt hier eine sprachliche Leistung von seltener Eindringlichkeit; der Hauptdarsteller Guido Lamprecht schafft eine brennende Intensität.

Diese außerordentliche Kraft der Inszenierung trägt durch die ganze Höllenfahrt. Leider entgeht dann auch diese "Göttliche Komödie" nicht dem Schicksal, das die Dante-Adaptionen seit Jahrhunderten trifft. Die Hölle, Qual, Konflikt und Kampf, das ist ein produktiver Stoff für die Kunst; das himmlische Streben des Fegefeuers oder gar das wunschlose Glück des Paradieses ermatten demgegenüber. Sie nehmen zwar in der etwa zweistündigen Kölner Inszenierung zusammen nur etwas mehr als ein Viertel des Abends ein, aber der Abfall ist leider deutlich. Es wird textlastig und blutleer. Man bedauert auch, dass das Stück nicht zurückführt zu den Leuten auf dem Hinterhof. Man hätte gern gesehen, was Dante mit ihnen gemacht hat.

Ein alter Text, der viel zu sagen hat

In Erinnerung bleibt die Hölle. Und die Erfahrung, dass ein 700 Jahre alter Text eine Menge zu sagen hat über uns. Sebastian Baumgarten hat ein Ohr dafür gehabt und hat Dante mit ganz heutigen Bühnenmitteln, mit packender Emotionalität und einem sicheren Sinn für seine Sprachkraft, manchmal auch mit leisen ironischen Brüchen lebendig gemacht.

Mehr zum Thema:

Der Regisseur Sebastian Baumgarten
(Deutschlandfunk, Klassik-Pop-et cetera, 14.01.2012) 

Kunst - Himmel, Hölle, Fegefeuer
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 21.03.2014)

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