Dienstag, 22.06.2021
 

Buchkritik | Beitrag vom 02.06.2021

Daniel Kahneman u.a.: "Noise"Fünf oder 15 Jahre Haft - das hängt vom Richter ab

Von Michael Lange

Cover des Buchs "Noise – Was unsere Entscheidungen verzerrt und wie wir sie verbessern können" von Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein (Deutschlandradio / Siedler)
Genaue Analyse, doch ohne überzeugende Schlussfolgerungen: Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein untersuchen, wie Entscheidungen zustande kommen. (Deutschlandradio / Siedler)

Vor Gericht, im Krankenhaus oder in der Chefetage: Überall werden ständig Entscheidungen getroffen, die das Leben anderer Menschen maßgeblich beeinflussen. Neben Sachkompetenz und Argumenten regiert dabei nicht selten der Zufall, zeigt ein neues Buch.

Der renommierte Kognitionspsychologe Daniel Kahneman und seine Coautoren, der Unternehmensberater Olivier Sibony und der Jurist Cass R. Sunstein, haben hunderte Beispiele zusammengetragen, die eindeutig zeigen: Wichtige Entscheidungen können durch kleinste Veränderungen vollkommen anders ausfallen. Auch unter gleichen Bedingungen treffen verschiedene Menschen oft sehr unterschiedliche Entscheidungen.
 
Als "Noise" (Rauschen) bezeichnen die Autoren die zufällige und unerwünschte Streuung bei Entscheidungen aller Art. Dieses "Rauschen" verursacht ein statistisches Geräusch, das es unmöglich macht, Entscheidungen vorherzusehen.(*) Wenn ein anderer Richter entscheidet, können aus fünf Jahren Haft für einen Bankräuber auch 15 werden.

Morgens vorsichtig, abends hemdsärmelig

Im Krankenhaus kann es überlebenswichtig sein, welcher Arzt gerade Dienst tut. Sogar die Tageszeit spielt eine Rolle.

Während die meisten Ärzte morgens vorsichtig sind und bei Patienten mit unklaren Befunden verschiedenste Tests durchführen, sinkt die Zahl der Untersuchungen vor Feierabend deutlich. Die Neigung zu schnellen, manchmal unüberlegten Entscheidungen nimmt zu. Sogar die letzten Ergebnisse des lokalen Fußballvereins spielen eine Rolle bei der Diagnose.  

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Während "Noise" in der Wissenschaft gut untersucht ist, neigen Entscheider dazu, diesen Effekt zu unterschätzen.

Der Kognitionspsychologe Kahneman kritisiert zum Beispiel die verbreitete Überzeugung, dass andere Menschen die Welt genauso wahrnehmen wie man selbst. Dieser "naive Realismus" verhindert, das eigene Urteil zu hinterfragen.

Gerade erfahrene Richter oder Ärzte betrachten ihre Weltsicht als gegeben und ihre Entscheidungen, Diagnosen oder Urteile als alternativlos. Wie stark persönliche Launen und Außenfaktoren auf Entscheidungen einwirken, wird von ihnen nicht wahrgenommen und nicht berücksichtigt.

Richtlinien statt Bauchgefühl

Die Zahl der aufgeführten Beispiele in diesem Buch ist überwältigend. Möglicherweise wären weniger davon genauso überzeugend gewesen. Vieles wiederholt sich.

Unklar und nicht immer einleuchtend bleiben die aufgezählten Gegenmaßnahmen. Statt persönlich gefärbter Einzelentscheidungen fordern die drei Autoren auf zum Nachdenken und Diskutieren. Ganz im Sinne von Kahnemans Bestseller plädieren sie für langsames Denken.

Ihre Forderung nach besseren, genaueren und zusätzlichen Richtlinien überzeugt nicht unbedingt, führt sie doch letztlich zu weniger Eigenverantwortung und mehr Bürokratie.

Kontrollierte Entscheidungsprozesse mögen in Wirtschaft und Politik zu besseren Ergebnissen führen. Die Übertragung der Erkenntnisse auf private Entscheidungen, wie von den Autoren vorgeschlagen, erscheint allerdings praktisch nicht umsetzbar.

Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass R. Sunstein: "Noise – Was unsere Entscheidungen verzerrt und wie wir sie verbessern können"
Siedler-Verlag, München 2021
480 Seiten, 30 Euro

*Redaktioneller Hinweis: Wir haben eine inhaltliche Korrektur vorgenommen. 

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