Sie könne von ihm alles haben, was kompliziert sei, die einfachen Dinge aber leider nicht. Wenn das keine klare Ansage ist! Aber was heißt schon klar, wenn sich zwei Freudianer, der eine auch noch Marxist, aufeinander stürzen, um eine Amour fou zu zelebrieren. Drama, Baby, Drama – darum geht es. Denn dann gibt es Verwicklungen, Leiden, Schmerz und hin und wieder natürlich auch ein paar schöne Momente. Man kann streiten, sich beschimpfen, auseinander gehen und es dann doch noch mal miteinander versuchen.
„Seine Abwesenheit war besser als gar keine Anwesenheit“, heißt es über eine der vielen Trennungsphasen des Paars, das auf einer Münchner Party zueinander fand. Herzchen Goldberg, wie sich die Ich-Erzählerin nennt, ist siebenunddreißig.
Er ist schön und er ist eine Nervensäge
Toxibaby ist sechs Jahre älter, sehr cool, schön, extrem theorieaffin und jederzeit bereit, dem Spätkapitalismus die Schuld an seiner Misere zu geben.
Toxi ist eine Nervensäge und ein Energieräuber, er ist gleichzeitig bis zur klinischen Depression niedergeschlagen und hochmütig wie ein Pfau, er stolziert wie ein Gutsherr durch mein Wohnzimmer, und er ‚macht sich seine Gedanken‘, anstatt zu arbeiten. Natürlich will er wie jeder andere Mensch geliebt werden, aber er sucht nicht offensichtlich nach Anerkennung, er schmeichelt nie, er lobt nicht, er gibt uns nicht, was wir von ihm wollen – und so bringt er uns dazu, das Vorenthaltene umso stärker zu begehren.
aus: "Toxibaby" von Dana von Suffrin
Herzchen will ihn „retten“. Aber er will nicht gerettet werden. Und er will kein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein. Schlimm genug, dass er von dem befristeten Vertrag als Sozialpädagoge an einer Brennpunktschule in Untersendling nicht leben kann.
Wenn ihn Herzchen zum Essen einlädt, findet er das demütigend. Sie gibt allerdings auch gerne an, lässt ihn spüren, dass er finanziell nicht mithalten kann und auch sonst ihren Standards nicht genügt.
Sie erzählt von hohen Vorschüssen, die noch gar nicht auf ihrem Konto sind. Stipendien spülen trotzdem Geld ins Haus.
Vor sechs Jahren hat sie mit ihrem Roman „Omama’s Madhouse“ Furore gemacht. Dafür hat sie die Geschichte ihrer Familie geplündert. Ihrem Verleger habe sie verboten, sie „als bedeutende jüdische Stimme zu vermarkten“.
Streitlust und Ratschlags-Orgien
Dana von Suffrin, 1985 in München geboren, macht sich lustig über die eigene Karriere, die 2019 mit ihrem Debütroman „Otto“ begann. Die exaltierte Liebe zwischen Herzchen und Toxibaby, der auch so heißt, weil er allerlei Substanzen zu sich nimmt, entwickelt eine ähnliche Dynamik wie ihre jüdische Familiengeschichte. „Ich mochte Streit“, sagt die Erzählerin.
Und so halten dieses Mal auch Liebeshändel den Überbietungswettbewerb in Schwung. Er gehört zum Erzählrepertoire vieler jüdischer Familiengeschichten, etwa von Maxim Biller oder den Geschwistern Menasse. Denn darum geht es eben auch: eine Geschichte erzählen, die so viel Eigendynamik entwickelt, dass sie sich fast von alleine schreibt. Nach jedem Absturz kommt es zu regelrechten Ratschlags-Orgien. Die beiden Freundinnen Moni und Daria sind stets einsatzbereit.
Insgeheim wusste ich natürlich genau, wie schrecklich und nervig Toxibaby war, ich hatte wochen- und monatelang mit meinen Freundinnen beinahe jeden einzelnen Satz von Toxi interpretiert. Wir lagen hundertmal zu dritt auf meiner alten, unbequemen Chippendale-Couch und hatten die Füße auf dem Beistelltisch abgelegt. Daria und Moni kamen wie zwei ganz routinierte Notfallsanitäter immer zu mir, nachdem Toxi mal wieder seinen schönen blauen Gucci-Mantel vom Haken gerissen hatte und aus der Wohnung gestürmt war.
aus: "Toxibaby" von Dana von Suffrin
Daria meint, sie solle in Zukunft nur noch Männer treffen, die Fahrradhelme und Funktionsjacken tragen. Moni gibt zu bedenken, Herzchens Probleme kämen vom Neoliberalismus, ihre ganze Generation sei beziehungsunfähig. Das habe sie neulich in einem Podcast gehört.
Abgedrehter Witz und intensives Gefühl
„Toxibaby“ ist ein Roman von abgedrehtem Witz, der gelegentlich auch das Seichte nicht scheut, wie es durch unsere therapiegesättigte Gegenwart rauscht. Seinen Unterhaltungswert bekommt Dana von Suffrins dritter Roman nicht nur von der Liebesgeschichte eines Paars im übertourten On-off-Modus, sondern auch von ihrem rasanten Stil. Sie liebt die Übertreibung, die Wiederholung, das Kreisen und Aufschwingen.
Und sie liebt das intensive Gefühl. „Auf einer halb kaputten Hängebrücke über eine Krokodilzucht balancieren“, so nennt sie das einmal. Das ist ein gutes Bild für die wohlkalkulierte Wildheit dieses vergnüglichen Liebesromans.