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Länderreport | Beitrag vom 15.04.2019

DagobertDen "komischen Erpresser" gibt es nicht mehr

Von Anja Nehls

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Arno Funke nimmt an einem Gespräch anlässlich seiner Festnahme als Kaufhauserpresser "Dagobert" vor 25 Jahren in einem Café am Kurfürstendamm teil.  (dpa / picture-alliance / Christoph Soeder)
"Für mich war das damals eigentlich wie ein Albtraum gewesen", sagt Arno Funke heute über seine Zeit als Kaufhauserpresser. (dpa / picture-alliance / Christoph Soeder)

Eine Sandkiste ohne Boden, ein ferngesteuerter Magnet - mit seinen genialen Tüfteleien trickste der Kaufhauserpresser Dagobert jahrelang die Polizei aus. Dann wurde er geschnappt. Heute arbeitet Dagobert, der eigentlich Arno Funke heißt, als Zeichner.

"Dies ist eine Ansage der Kriminalpolizei Hamburg. Die Kriminalpolizei bittet um Mitfahndung nach einem gefährlichen Erpresser, der seit Juni 1992 ein größeres Kaufhaus in Hamburg erpresst und durch Bombendrohungen und Explosionen bereits Schäden in Millionenhöhe verursacht hat. Der Erpresser nennt sich Dagobert."

"Dieser komische Erpresser da. – Der erpresst den Karstadt Konzern, inzwischen glaube ich um 1,2 oder 1,4 Millionen, je nachdem wie seine Kosten gestiegen sind. Ich finde das gut, ich finde es witzig – ja aus der Zeitung, hat man oft genug gelesen, ganz raffinierter Mensch. – Meiner Ansicht nach muss das ein hochintelligenter Mensch sein – Ist ganz gut, wie er die Polizei verarscht, ja. – Irgendwie ist der Junge sehr clever, muss man sagen, also kann man nur den Hut vor ziehen, solange keiner zu Schaden kommt, ist das ja nicht schlecht. – Dagobert hat eine Brille an."

Dagobert ist heute Zeichner

Die Brille trägt er noch heute. Er ist jetzt knapp 70, arbeitet als Karikaturist für die Satirezeitschrift "Eulenspiegel", lebt in einer stabilen Partnerschaft, die sechs Jahre im Gefängnis sind lange vorbei. Dagobert, den Erpresser gibt es nicht mehr, nur noch Arno Funke, den Zeichner, mit einem verschmitzten Lächeln und der Brille.

"Man kann auch nicht immer mit gesenktem Kopf durch die Gegend laufen. Das macht der Abstand, den man natürlich gewonnen hat zu der ganzen Geschichte. Für mich war das damals eigentlich wie ein Albtraum gewesen."

An den Tag, an dem er geschnappt wurde, denkt er oft. Von einer Telefonzelle in Berlin Treptow aus wollte er der Polizei Anweisungen für den nächsten Geldübergabeversuch geben. An viele Einzelheiten kann er sich noch erinnern.

"Einmal, dass ich schon das Gefühl hatte, observiert zu werden, aber das nicht so richtig realisieren konnte. Eine Telefonzelle, die ich mir vorher schon mal ausgeguckt hatte und dann kam ich da hin und dann funktionierte die nicht, was ja öfter vorkam, besonders in der Osthälfte Berlins. Und dann habe ich eine weitere gesucht und dann so eine Doppeltelefonzelle gefunden und dann hatte ich dann auch Anschluss und dann hörte ich die Reifen quietschen als ich rauskam aus der Telefonzelle und da wusste ich natürlich schon, was los ist."

Am 22. April 1994 war alles vorbei.

Keine Verletzten, aber ein immenser Schaden

Los ging es bereits 1988. Vom Berliner KaDeWe fordert ein Unbekannter 500.000 DM. Kurz darauf explodiert nachts in der Sportwarenabteilung des Berliner KaDeWe ein Sprengsatz. Niemand wird verletzt, der Sachschaden ist immens. Das KaDeWe entschließt sich zu zahlen und der Geldbote erhält über Funk Anweisungen:

"Sie fahren jetzt zum S-Bahnhof Buckower Chaussee. Sie fahren mit dem Zug um 20.43 Richtung Frohnau. Sie nehmen den letzten Waggon und stellen sich in Fahrtrichtung gesehen auf die rechte Seite. Sie bleiben auf Kanal 25 empfangsbereit und fahren so lange bei offenem Fenster oder Tür, bis Sie über Funk das Kommando zum Rauswerfen des Geldes bekommen. Und jetzt müssen Sie sich langsam beeilen, sonst schaffen Sie es nicht mehr."

Mitten auf der Strecke beginnt das Funkgerät zu rauschen: "Achtung, hier spricht der Erpresser: Werfen Sie das Geld jetzt raus!"

Arno Funke schnappt sich das Geld und verschwindet unerkannt. Ein paar Jahre kann er gut davon leben, dann geht es langsam zur Neige. Er leidet unter Depressionen, kann als Schildermaler und Lackierer kaum arbeiten, weil er Schäden durch das Einatmen giftiger Dämpfe davongetragen hat und er muss inzwischen eine Familie ernähren. Also versucht er das Spiel nochmal.

Durch Zufall bekam er den Namen Dagobert

Diesmal erpresst er Karstadt, ein Sprengsatz explodiert – wieder nachts – in einer Hamburger Filiale. Karstadt signalisiert Zahlungsbereitschaft. Im Anzeigenteil einer Zeitung wird eine Anzeige geschaltet. Dabei bekommt der Erpresser seinen Namen. Dagobert. Zufall, sagt Arno Funke heute. Die Idee kam ihm, als er einen Beutel für das Geld vorbereitete:

"Das war so ein Turnbeutel für Kinder in so einem Leuchtorange und da war die Dagobertfigur drauf und da dachte ich naja, sollen sie doch schreiben bei Grüße und Glückwünsche: Dagobert grüßt seine Neffen."

Es beginnt ein über zwei Jahre dauerndes Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Über 30 technisch immer raffiniertere Geldübergabeversuche scheitern. Stets kann Dagobert entkommen. Die Geldtasche soll per Magnet an einem Zug befestigt werden und per Fernsteuerung abfallen. Die Polizei liefert nur Papierschnipsel. Das Geld soll in eine Streusandkiste gelegt werden, die über einem Gullischacht steht. Die Polizisten glauben dem Bewegungsmelder nicht, Dagobert bekommt wieder nur Papier und entkommt durch die Kanalisation. Das Geld soll auf einer selbstgebauten Schienenlore befestigt werden und auf einem stillgelegten Gleis in die Dunkelheit fahren. Die Lore entgleist.

Inspiration aus Comics?

Und diese Ideen stammen alle aus den Donald-Heften, behauptet damals der selbsternannte Donaldist, also Donald-Duck-Forscher, Michael Aust:

"In den Comicgeschichten kürzen die Neffen oder Gustav Gans oder Dagobert selber oft Wege mit kurvenreichen Strecken ab, wenn sie jemandem den Weg abschneiden wollen, indem sie durch ein Kanalrohr rennen, das also offen zugänglich ist. Anderes Beispiel ist die Geschichte mit der Sandkiste in Britz, die also keinen Boden hatte. So eine ähnliche Sache ist also vorgekommen in einer anderen Geschichte, da ging es um die drei Neffen, die sich nicht waschen wollten und die sich auf dem Dachboden versteckt hatten und die haben eine Truhe über eine Luke gestellt, die genau in Donalds Badezimmer führte, und Donald vermutete die Neffen in der Kiste und springt rein und fällt ins Bodenleere und nimmt das eigentlich den Neffen zugedachte Vollbad."

Auch Arno Funke hat als Kind die Donald-Hefte gelesen, mit Dagobert habe er sich aber nicht identifiziert:

"Dagobert fand ich zwar interessant die Figur, aber Daniel Düsentrieb war eigentlich mein Favorit, das hatte meine Fantasie angeregt, da hätte ich mir als Kind manchmal gewünscht, dass ich das basteln könnte, was der so gebastelt hat."

Dagobert belauschte die Polizei

Als Erwachsener hat er es dann getan – auch wenn Parallelen reiner Zufall seien. Aber dennoch: An einem Morgen steht Chefermittler Michael Daleki wieder fassungslos vor einem offenen Gullischacht. Daneben in einem Gebüsch hängt ein verstecktes Richtmikrofon:

"Als wir am Abend diesen Tatort so aufnahmen und den Deckel entfernten und hineingeleuchtet haben, hing hier unten, hier vorne, gleich an diesen Tritten, die nach unten führen, zwei Kopfhörer. Es ist also davon auszugehen, dass der Täter zum Zeitpunkt der geforderten Geldabgabe sich hier aufgehalten hat, über diese Kopfhörer auch eine Verbindung hatte zur Außenwelt und hier alles mitbekommen hatte."

Und dann rechtzeitig durch die Kanalisation entkommt, als die Beamten das Geld nicht da ablegen wo er gefordert hatte. Um Druck zu machen verübt er weitere Sprengstoffanschläge in Karstadtfilialen, immer so, dass niemand verletzt wird. Und er ersinnt weitere Ideen für eine perfekte Geldübergabe. Wohl gefühlt habe er sich bei alledem aber eigentlich selten, sagt Arno Funke heute:

"Geldübergabe ist mit sehr viel Stress verbunden, mit Angst verbunden und alles sowas. Und damals wo ich dann eben gebastelt habe, war ich auch ein Stück weit in meinem Element. Im Nachhinein, also aus heutiger Sicht frage ich mich manchmal wie ich das geschafft habe, es gab ja kein Internet oder so, wo man bestimmte Sachen recherchieren konnte oder bestellen konnte."

Die Bevölkerung fieberte mit

Über 30 Geldübergabeversuche scheitern, immer kann er entkommen. Einmal hat ihn ein Polizist schon am Ärmel, dann rutscht dieser in letzter Sekunde aus und Dagobert flüchtet mit dem Fahrrad. Die Begeisterung der Öffentlichkeit steigt in dem gleichen Maß wie die Verbitterung bei den Kriminalisten. Ein Berliner Radiosender macht sogar ein Quiz daraus:

"Fang den Dagobert, das heißeste Spiel westlich des Urals. Und wer ihn schnappt, gewinnt ein Pfund Kaufhauskaffee. Hier spricht Dagobert, du hast verloren, du musst Polizist sein."

Gefängnis, Promi Dinner, Dschungelcamp

Kurz darauf gewinnt die Polizei doch. Dagobert wird festgenommen. Dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind, wirkt sich strafmildernd aus, seine gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Lösungsmitteldämpfe und die Depressionen ebenfalls. Er sitzt die Strafe ab, schreibt seine Memoiren, beteiligt sich beim Promi-Dinner, geht ins Dschungelcamp und zahlt Karstadt einen Teil des Millionenschadens zurück. Mit einigen der beteiligten Polizisten hat er sich auch schon mal zum Bier getroffen, als Arno Funke, nicht als Dagobert.

"Zu einem gewissen Teil war ich eben manchmal auch einfach schlauer, womit sie nicht gerechnet hatten. Nun hat die Polizei natürlich oftmals mit Ganoven zu tun, die nicht besonders helle sind. Und da ist auch interessant wie unterschiedlich die einzelnen Beamten sowas verarbeiten. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Medien nicht gerade so positiv über die Polizei berichtet haben und das geht natürlich an die Nieren und an die Polizeiehre. Wir sind jetzt sozusagen alle langsam pensioniert, und es ist dann insofern auch nicht mehr belastend und es gibt auch nette Menschen unter Polizisten, wirklich!"

Mehr zum Thema

Karikaturist, Autor und Kaufhauserpresser Arno Funke - Das zweite Leben des "Dagobert"
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 9.4.2019)

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