Dagmar Herzog: "Der neue faschistische Körper"

Der "sexy Rassismus" rechter Bewegungen

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Cover des Buches "Der neue faschistische Körper" von Dagmar Herzog
© Wirklichkeit Books

Dagmar Herzog

Aus dem Englischen von Lisa Jay Jeschke

Der neue faschistische KörperWirklichkeit Books, Berlin 2025

124 Seiten

18,00 Euro

Von Nils Schniederjann |
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Faschismus funktioniert nicht nur über Angst, sondern auch über das Versprechen von Lust, Macht und Überlegenheit. Das zeigt die Historikerin Dagmar Herzog in ihrem neuen Buch und analysiert erotisch aufgeladenen Rassismus rechter Bewegungen.
Über den Aufstieg rechter Bewegungen gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Untersuchungen. Oft geht es um Sorgen und Ängste der Wählerinnen und Wähler, um Abstiegsängste und Statusverlust.
Die Historikerin Dagmar Herzog wählt in ihrem neuen Buch einen anderen Ansatz. Sie versteht diese Bewegungen nicht als rein negatives oder reaktives politisches Projekt, sondern analysiert, wie sie ihren Anhängerinnen und Anhängern Lust verschaffen können. Gerade im Bereich der Körperpolitik zeige sich das deutlich.

Die Bildstrategien rechter Bewegungen

Ein Beispiel ist das, was die Historikerin „sexy Rassismus“ nennt: Bei der AfD herrsche, ähnlich wie historisch bei der NSDAP, eine erotisch aufgeladene Bildsprache vor, mit der rassistische Ideologien transportiert würden. So warb die AfD 2019 auf einem Wahlplakat mit einer nackten Frau, die an einen Heizkörper gefesselt ist. Dazu sah man die Silhouette eines schwarzen Mannes. Der Text: „Pfefferspray hilft nicht immer. Gute Politik schon.“
Dagmar Herzog, die bislang vor allem mit Analysen des historischen Faschismus aufgefallen ist, bekommt mit diesem Blick auf die Bildstrategien rechter Bewegungen nicht nur einen Aspekt ins Visier, der in Deutschland bislang unterbelichtet war. Auch ihre Analyse der Behindertenpolitik macht einen völlig ignorierten Aspekt rechter Ideologie sichtbar.
Mithilfe mehrerer Beispiele zeigt die Autorin, wie zentral die Ablehnung von Inklusion für die AfD von Anfang an war. Und dass, obwohl die Anforderungen der UN an die Inklusion behinderter Menschen in Deutschland nie auch nur ansatzweise umgesetzt wurden. Und so hält Herzog fest, dass es „weltweit keine andere Partei im rechten Spektrum gibt, die dieses Anliegen mit einer solchen Hingabe verfolgt“ wie die AfD.

Abwertung Behinderter ist auch in der Mitte salonfähig

Herzog zeigt dabei, dass ein behindertenfeindlicher Diskurs nicht nur rechtsaußen vorherrscht, sondern bis weit in die Mitte hinein salonfähig ist. Sie zitiert abwertende Texte über Menschen mit niedrigem IQ aus Mainstream-Medien — und zwar sowohl aus der Jetztzeit als auch aus der Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten.
Es ist dabei erhellend zu lesen, wie sehr sich subtiles eugenisches Denken schon vor der NS-Zeit durchgesetzt hat, spätestens seit den 1890er-Jahren. Diese historische Kontinuität aufzuzeigen, ist eine der Stärken des Buches.
Manchmal führt der Blick von außen allerdings auch zu Fehleinschätzungen. Etwa wenn Dagmar Herzog beschreibt, die migrationsfeindliche Politik fast aller Parteien sei ein Effekt davon, dass der Begriff „Remigration“ in den Diskurs eingeführt wurde. Dabei entwickelte sich die zunehmend restriktive Migrationspolitik lange bevor der Begriff vor zwei Jahren in der deutschen Öffentlichkeit ankam.

Der Faschismus will Triebe nicht unterdrücken

Doch indem sich die Historikerin auf die Körperpolitik rechter, faschistischer und nationalsozialistischer Bewegungen konzentriert, trifft sie einen wichtigen Aspekt, der in anderen Analysen oft zu kurz kommt. Auch im historischen Abgleich mit dem Nationalsozialismus wird deutlich: Der Faschismus will Triebe, Wünsche und Sehnsucht nicht einfach unterdrücken. Er will sie für einen Teil der Menschheit erst befreien.
Die faschistische Körperpolitik verspricht Befreiung durch Exklusion — wer drinnen ist, darf mehr, wer draußen ist, wird entmenschlicht. Das erklärt auch, warum diese Bewegungen trotz autoritärer Strukturen als „authentisch“ oder „unverkrampft“ wahrgenommen werden. Sie geben Trieben Raum, solange diese sich gegen die richtigen Ziele richten.
Mit 70 Seiten eigentlichem Text – der Rest sind Nachwort und Fußnoten – ist Herzogs Studie kompakt. Doch diese Seiten ergänzen die oft einseitig ökonomischen oder kulturalistischen Analysen um eine körperpolitische Perspektive, die zeigt: Faschismus funktioniert nicht nur über Angst, sondern auch über die Versprechen von Lust, Macht und Überlegenheit.
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