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Lesart | Beitrag vom 03.11.2018

Craig Unger: "Trump in Putins Hand"Ein Big-Business-Großmaul, knietief im Morast

Von Jörg Himmelreich

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Craig Unger: Trump in Putins Hand  (Econ Verlag / Unsplash / Kevin Morris)
Craig Unger: Trump in Putins Hand (Econ Verlag / Unsplash / Kevin Morris)

Donald Trump ist tief verstrickt mit Russland - nicht nur ganz offen mit Moskaus Geschäftswelt, sondern auch mit Russlands Geheimdiensten und der russischen Mafia. Das ist Craig Ungers These, die er eindrucksvoll belegt. Ein herausragendes Buch.

Wie eng ist der Politiker und Geschäftsmann Donald Trump mit Russland verstrickt? Nicht nur ganz offen mit Moskaus Geschäftswelt, sondern auch verdeckt mit Russlands Mafia und Unterwelt? Gar nicht, hat Trump während seines Wahlkampfs immer behauptet. Kein bisschen:

"Every time Russia is brought up they say, 'Oh, Trump!' – What do I have to do with it? They tie me into Russia all the time, they like to tie me into Russia. But I have nothing to do with Russia, folks, okay? I give you a written statement: nothing to do."

Das dürfte gelogen sein. Das zeigen Craig Ungers sorgfältige Recherchen über "Trump in Putins Hand". Unger beschreibt den ganzen Graubereich von russischen Mafiosi, Oligarchen, Geheimdienstagenten und Staatsdienern, von Bankern und Wirtschaftsmagnaten. Sie sichern einerseits Russlands Präsidenten Putin das kleptokratische Herrschaftssystem. Andererseits beruhe auch Trumps Geschäftserfolg auf Deals mit genau diesen Leuten, schreibt Unger.

"Präsident Trump stellte seit mehr als 30 Jahren immer wieder für dem Kreml nahestehende Oligarchen und einige der mächtigsten Figuren der russischen Mafia eine Operationsbasis bereit. Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte ist, im Endeffekt, ein Geheimdienst-‚Asset‘, das dem russischen Präsidenten Putin zuarbeitet."

Das ist Ungers atemberaubende These: Es seien diese Beziehungen zur russischen Mafia-Geschäftswelt, die Trump mit Putin verbinden und Trump von Putin abhängig machten. Eine mephistophelische Seelenverwandtschaft!

Russische Geldwäsche

Unger hat für seine Recherchen unzählige Gerichtsdokumente ausgewertet und zahlreiche Interviews mit Ex-Agenten russischer und amerikanischer Geheimdienste geführt. Sehr hilfreich ist dabei, dass er das Milieu des organisierten Verbrechens, des KGB und der Welt der Wirtschaftsoligarchen ausleuchtet.

Unger skizziert die zunächst so verschiedenen Entwicklungswege von Putin und Trump, die sich aber am Ende beide mit der russischen Mafia verbinden. Hier ein einstiger kleiner KGB-Agent Putin aus Dresden namens Wladimir Putin, der im Amt für Außenwirtschaftsfragen des Petersburger Bürgermeisters Sobtschak mutmaßlich schon Millionen US-Dollar für sich beiseite schaffte. Dort ein amerikanisches Big-Business-Großmaul namens Donald Trump, dessen Geschäftsaktivitäten sich von Beginn an im Graubereich der Legalität bewegen.

Sei es der legendäre 1983 eröffneten Trump Tower oder seien es Trumps Spielkasinos, wie 1990 das damals weltweit größte und später bankrotte Taj Mahal in Atlantic City, alle stehen sie in Verbindung mit sowjetischer und russischer Geldwäsche. Mehr noch, schreibt Unger: Trumps Geschäfte boomen nur mittels russischer Geldwäsche.

"Präsident Trump ließ die Verwendung von Trump-Immobilien als ein Vehikel zu, enorme Geldsummen – womöglich Milliardenbeträge – für die russische Mafia zu waschen."

Eine sorgfältig recherchierte Indizienkette

Und als er Mitte der 1990er Jahre kurz vor dem Bankrott steht, schreibt Unger, helfen ihm die obskuren russischen Finanzquellen einer Firma, die mit der russischen Mafia und den Geheimdiensten verquickt ist. Für Unger ist dies eine wichtige Erklärung für die enge Beziehung Trumps zu Putin.

"Präsident Trump war mit vier Milliarden Dollar verschuldet, als russisches Geld ihn vor dem Bankrott bewahrte, wodurch er nach wie vor tief in Russlands Schuld steht, weil es seine Businesskarriere wiederbelebte und sein neues Leben in der Politik auf den Weg brachte."

Es gehört zum Wesen von Geheimdiensten und von Trumps Geschäftsgebaren, Nachweise zu vernichten und persönliche Identitäten hinter Briefkasten- und Schachtelfirmen zu verbergen. Trotzdem ist es Unger gelungen, eine überzeugende Indizienkette zu präsentieren, deren Argumentation sorgfältig zwischen Beweisen und Vermutungen unterscheidet.

Ein weiterer Baustein in Ungers Argumentationskette ist, dass seit Putins Amtsantritt 2000 die russische Geschäfts- und Geheimdienstwelt tief in die Washingtoner Lobbyisten-Szene eindringe.

"Schlüsselfiguren der russischen Mafia analysierten die Schwachstellen der Pay-for-Play-Kultur der US-Politik sehr genau und engagierten dann dutzendweise mächtige Anwälte, Lobbyisten, Steuerberater und Immobilienentwickler, um das Wahlsystem, die Justiz und diverse Finanzinstitutionen der Vereinigten Staaten zu kompromittieren."

Sogar die beiden Ex-FBI-Direktoren Sessions und Freeh gehörten dazu. Und ein weiterer Russlandlobbyist leitete Trumps Wahlkampfteam: Paul Manafort. Sie alle, argumentiert Unger, bereiteten das politische Umfeld für russische Einflussnahme in den US-Wahlkampf 2016 über die sozialen Medien vor.

Das Werk ragt aus der Flut der Trump-Bücher heraus

Eine solche Einmischung haben alle US-Geheimdienste einhellig festgestellt. Doch Trump will bis heute nichts davon wissen.

"Would you now, with the whole world watching, would you denounce what happened in 2016 an tell President Putin to never do it again?" - "All I can do is ask the question. My people came to me, they said they think it’s Russia. President Putin just said it’s not Russia. I don’t see any reason, why it would be (Russia)."

Im Juli 2018 diskreditierte er damit öffentlich seine eigenen Geheimdienste. Direkt nach dem Helsinki-Treffen mit dem russischen Präsidenten, auf der gemeinsamen Pressekonferenz, schenkte lieber Putin Glauben als den eigenen Experten. Wer das verstehen will, findet bei Unger überzeugende Erklärungen. Denn ohne Blick auf Trumps und Putins gemeinsame mafiöse Verstrickungen sind die Beziehungen der USA und Russlands und ihrer beiden Präsidenten nicht zu verstehen. Auch deshalb ragt diese atemberaubende Reportage, die abgründiger ist als jeder Agententhriller, aus der Flut der Literatur über Trump und das Chaos im Weißen Haus heraus.

Es ist ein Buch voller Indizien. Die handfesten Beweise werden die Untersuchungen des US-Sonderermittlers Robert Mueller erbringen müssen - falls Trump ihn nach den US-Midterm-Wahlen nicht politisch aus dem Weg schafft.

Craig Unger: Trump in Putins Hand
Die wahre Geschichte von Donald Trump und der russischen Mafia
Econ Verlag
464 Seiten, 22 Euro

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