Craig Brown: „Q. Das unglaubliche Leben der Queen“

Zwischen Fassade und Faszination

Pinkes Buchcover mit einem Foto von Queen Elizabeth II. darauf: Das Buchcover von Craig Browns „Q. Das unglaubliche Leben der Queen“
© C. H. Beck

Craig Brown

Aus dem Englischen von Tobias Gabel

Q. Das unglaubliche Leben der QueenC. H. Beck, München 2026

750 Seiten

39,90 Euro

Von Anne-Kathrin Weber |
Biografien über Queen Elizabeth II. gibt es viele. Doch pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag erscheint mit „Q.“ eine höchst unterhaltsame Lektüre, die ihr royales Leben in Anekdoten nacherzählt. Und dabei auf einen „kniefälligen“ Sound verzichtet.
England in den 1930er-Jahren: Ein etwa sieben Jahre altes Mädchen erhält zu Hause Französischunterricht. Plötzlich überkommt das Kind heftige Langeweile. Da schnappt es sich ein schweres silbernes Tintenfass – und leert es in einem Zug über seinem Kopf aus.
„Eben noch hatte sie sich fleißig an ihren französischen Verben abgearbeitet, im nächsten Moment lief ihr die Tinte übers Gesicht und die goldenen Locken färbten sich königsblau“, schreibt der Biograf Craig Brown.
Diese Episode war laut dem Autor allerdings die einzige Entgleisung, die sich Elizabeth in ihrem langen Leben geleistet hat. Schließlich stand sie Jahrzehnte lang unter Beobachtung der Öffentlichkeit: Queen Elizabeth die Zweite, die bis zu ihrem Tod vor knapp vier Jahren als Inbegriff royaler Contenance galt. „Der Rest ihres Lebens war maßvoll und folgsam und umsichtig: eine 96 Jahre andauernde Übung in konzentrierter Selbstkontrolle.“

Eine Biografie in Anekdoten

Biografien über Queen Elizabeth die Zweite gibt es en masse. Doch das Buch von Craig Brown überzeugt durch einen innovativen Erzählansatz: So zeichnet der Journalist und Satiriker das Leben der Regentin über eine Vielzahl an Anekdoten nach – wie derjenigen über das Tintenfass – sowie Kuriositäten und unterhaltsamer Trivia.
Dieses spezielle narrative Potpourri handelt weniger von der Queen selbst als vielmehr von ihren Zeitgenossen und -genossinnen: von Berühmtheiten, Politikerinnen und Politikern, aber auch von den sogenannten „Ordinary People“, die von ihr schwärmen, träumten, über sie schimpften oder dichteten oder sich in anderer Form an ihrer Person abarbeiteten.
Auf diese Weise legt Brown ein Porträt der Queen dar, das vor allem ihre Funktion betont, genauer, ihre Funktion als menschliche Projektionsfläche.

Ein menschlicher Spiegel

Da ihr Innenleben vor der Wahrnehmung der Öffentlichkeit abgeschirmt war und sie im Gespräch mit ihrem Gegenüber immer nur fragte, nie selbst antwortete – so verlangte es das Protokoll –, verwandelte sie sich in genau das: einen menschlichen Spiegel, der selbst das Licht des Ruhmes, das ihre mitunter illustren Gesprächspartner ausstrahlen mochten, reflektierte und wieder auf diese zurückwarf.

Craig Brown: "Q. Das unglaubliche Leben der Queen"

Wie Brown zeigt, waren viele dieser stark kontrollierten Interaktionen zwischen der Queen und ihren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern in der Regel fast schon grotesk oberflächlich, für den Autor gar nahezu inhaltsleer.
Das trug laut Brown dazu bei, dass die Queen gleichzeitig als quasi übernatürliches Wesen wahrgenommen wurde und dennoch fest mit dem irdischen Schicksal ihrer Untertaninnen und Untertanen verbunden schien. So zitiert Brown einen Londoner Cabbie, der nach ihrem Tod mit anderen Taxifahrern einen spontanen Trauerkorso bildete: „Liz ist ein Londoner Mädchen. Sie ist eine von uns.“

Lächeln, immerzu lächeln

Diese vermeintliche Nähe trotz strengem royalem Protokoll und einer völlig anderen, weil äußerst privilegierten Lebenswelt zu vermitteln: Das sei die überaus anstrengende Hauptaufgabe der Queen gewesen, schreibt Brown.

Zu lächeln und immer weiterzulächeln, allen und jedem zu vermitteln, dass sie gewürdigt und geschätzt würden, war ein grundlegender Bestandteil ihres Jobs. Es war eine Tätigkeit, die – wie so viel menschliches Streben – irgendwo im Niemandsland zwischen Authentizität und Falschheit stattfand.

Craig Brown: "Q. Das unglaubliche Leben der Queen"

Zwischen Fassade und Faszination, zwischen Skandalen und Pflichterfüllung – Craig Brown löst diese Spannungsfelder nicht auf, sondern lässt sie ganz selbstverständlich nebeneinander herlaufen.

Biografie der königlichen Hunde

Auch wenn grundständige Sympathie für die Königin im Buch durchscheint, verzichtet der Autor auf den für Adelsexperten typischen „kniefälligen Ton“, den er stellenweise süffisant parodiert. So erzählt er beispielsweise auf fast 20 Seiten genüsslich die Familiengeschichte der royalen Hunde nach, vor allem der Corgis der Queen, die bereits in anderen, devot geschriebenen Publikationen umfassend ausgebreitet worden sei. Ein kurzer Auszug aus Browns Persiflage:

Im Jahr 1984 biss sich Piper – ein Ur-ur-ur-ur-[C]orgi von Honey selig – in gleich mehreren Opfern fest, darunter Queen Mum und Prinz Edward, und wurde deshalb kurzerhand auf den Landsitz Gatcombe Park abgeschoben, zu Prinzessin Anne, die schon immer ein Faible für Zwicker und Wadenbeißer hatte.

Craig Brown: "Q. Das unglaubliche Leben der Queen"

Auch andere Sprösslinge der Queen kommen im Buch nicht gut weg. So erfahren wir, dass der heutige König Charles einmal versucht habe, eines seiner Aquarelle gegen einen echten Lucian Freud zu tauschen – ein zumindest aus Sicht des berühmten Porträtmalers offenbar nicht gerade verlockendes Angebot …
„Q“, die in Gold eingebundene und mit einem knallpinken Schutzumschlag versehene Biografie, erschien im englischen Original bereits 2024, also vor den neuesten Enthüllungen im Epstein-Skandal um Andrew Mountbatten-Windsor.

Unterhaltsame Lektüre

Im Buch gibt es ein Foto, auf dem der frisch geborene damalige Prinz im Kreise seiner Familie in der Wiege liegt – eine insbesondere aus heutiger Sicht denkwürdige Aufnahme, genauso wie die anderen Fotos, die Brown für das Buch ausgewählt hat. Auch hier konzentriert sich Brown auf überraschende und nicht immer vorteilhafte Motive rund um die britische Monarchie.
Das Buch ist eine rundum unterhaltsame und kluge Lektüre, die neben der Detailfülle auch durch die Mischung aus beißendem Humor und feiner Ironie des Autors besticht.
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