Fazit 30.11.2020

CoronavirusWer sich impfen lässt, hilft auch anderenMalte Thießen im Gespräch mit Vladimir Balzer

Beitrag hören Im Vordergrund ist eine Spritze zu sehen, die mit einer Flüssigkeit zum Teil gefüllt ist und ein Tropfen hängt an der Nadelspitze. Im unscharfen Hintergrund stehen mehrere Ampullen. (imago images / Thomas Imo/ photothek.net)Bei einer Impfung gehe es auch darum, andere, die sich nicht impfen lassen können, zu schützen, sagt der Medizinhistoriker Malte Thießen. (imago images / Thomas Imo/ photothek.net)

Impfstoffe gegen das Coronavirus stehen kurz vor der Zulassung. Der Medizinhistoriker Malte Thießen kann Impfskeptiker verstehen - und kennt dennoch viele gute Gründe dafür, sich impfen zu lassen.

Es dauert vermutlich nicht mehr lange, bis erstmals gegen Corona geimpft wird. Doch die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist nicht überall vorhanden. Laut dem ARD-DeutschlandTrend im November wollen sich 37 Prozent der Deutschen in jedem Fall impfen lassen, 34 Prozent waren noch nicht endgültig dazu entschlossen. 29 Prozent hingegen sagen, dass sie sich "wahrscheinlich nicht" oder "auf gar keinen Fall" impfen lassen wollen - das ist ein knappes Drittel der Bevölkerung.

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Für Impfskepsis gebe es historisch betrachtet nachvollziehbare Gründe, sagt Malte Thießen. Zum einen seien Impfungen "Opfer ihrer eigenen Erfolge", so der Medizinhistoriker: Im "Zeitalter der Immunität" seien Seuchen eben nicht mehr präsent. Zweitens schrecke viele der Vorgang des Impfens ab. "Die Vorstellung, dass man sich etwas Krankmachendes einspritzt, um geschützt zu sein, das sorgt erst mal für Skepsis."

Beim Impfen gehe es nie nur um Gesundheit und Krankheit, so Thießen: "Impfungen sind geradezu perfekte Projektionsflächen für Weltbilder oder gar für Verschwörungstheorien."

Der Medizinhistoriker sieht drei immer wiederkehrende "Klassiker": die Pharmaunternehmen, die die Seuche erst verbreiten, um dann von ihr zu profitieren; den bösen Staat, der mit der Impfpflicht die Bevölkerung unterjochen will; und antisemitische Vorurteile, die in der Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung münden.

Skeptiker sind keine Verweigerer

Eine differenzierte Debatte ist vor diesem Hintergrund schwer zu führen. Leider fehle es auch oft an der Unterscheidung zwischen Impfskeptikern und Impfgegnern, sagt Thießen - "weil wir vieles, was mit Impfskepsis zu tun hat oder mit einer gewissen Vorsicht, schnell abtun als Verweigerung." Dabei könne man Bedenken gegen das Impfen - zum Beispiel wegen der Nebenwirkungen - nicht einfach von der Hand weisen.

Und auch die Moral spiele bei Impfungen immer eine Rolle, so Thießen. Denn: "Man impft nicht nur, um sich selbst zu schützen, sondern immer auch andere." Dabei gehe es nicht nur um die sogenannte Herdenimmunität, sondern auch darum, dass bestimme Menschen nicht geimpft werden könnten:

"Gerade Menschen mit extrem schwachen Immunsystemen oder mit entsprechenden Erkrankungen können sich nicht impfen lassen, sind aber besonders gefährdet. Das heißt, die Impfung, die für die meisten – so hoffen wir – unproblematisch ist, sorgt dafür, dass die, die sich nicht impfen lassen können, aber extrem bedroht sind, geschützt werden."

Infektionskrankheiten global ausrotten

Zudem müsse man global denken, meint der Historiker. Die Impfung des Einzelnen könne als Solidarakt für die Allgemeinheit betrachtet werden - denn durch das Impfen gebe es die Möglichkeit, bestimmte Infektionskrankheiten komplett auszurotten. Das habe schon im Fall der Pocken geklappt und könne nun auch bei Polio funktionieren.

(kpa)

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