Corona und die Folgen für das Theater

    Bubble oder Nicht-Bubble, das ist hier die Frage

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    Ein gelangweilter junger Mann sitzt allein in einem Theatersaal und macht eine Kaugummiblase.
    In Coronazeiten bleibt die Theater-Bubble zu sehr unter sich, kritisiert Stefan Kaegi, Gründungsmitglied der Gruppe "Rimini Protokoll". © imago / Addictive Stock
    Stefan Kaegi im Gespräch mit André Mumot · 18.09.2021
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    Lockdown, Streaming, Hilfsgelder - die Diskussion darum bestimmte das Theater in den vergangenen anderthalb Jahren. Welche Lehren kann man aus der Pandemie fürs Theater ziehen? Wie geht es weiter? Darüber diskutierte eine Konferenz in Berlin.
    Noch immer ist der Schock über die Schließungen der Theater wegen der Coronapandemie nicht verheilt. Ein Umstand, der im Berliner Radialsystem deutlich spürbar war: Dort hatte der Bundesverband Freie Darstellende Künste und der Fonds Darstellende Künste an drei Tagen zu seinem dritten Bundesforum eingeladen, virtuell und live vor Ort.
    Künstlerinnen und Künstler der freien Szene gaben Impulsvorträge, diskutierten, und auch Kulturpolitikerinnen und -politiker standen Rede und Antwort – über das, was passiert ist in der Krise, über die Bewältigungsstrategien, über das, was sich auch in Zukunft ändern muss.
    Ebenfalls mitdiskutiert hatte Stefan Kaegi, Gründungsmitglied der Gruppe "Rimini Protokoll" – lange schon eine international extrem erfolgreiche Institution der freien Szene. Auch sie wurde von der Pandemie hart getroffen. Der Austausch beim Bundesforum 2021 sei ihm überaus wichtig gewesen, wie er berichtet:
    "Erst mal war es natürlich toll, so viele Menschen wiederzusehen, die zur gleichen Szene gehören und die man jetzt in unzähligen Zooms irgendwo nur als Brustbild gesehen hat. Wir konnten Körper zu Körper sozusagen wieder miteinander sprechen. Das war an sich schon was wert."

    Ein zwiespältiger Rückblick

    Die Rückblicke auf die Zeit der Pandemie fielen dabei durchaus zwiespältig aus. "Es ist ein verrücktes Dilemma, dass man einerseits international gesehen bei der Politik auf jeden Fall Danke sagen will. Sie hat nicht nur den Stadttheatern, sondern auch vielen freien Künstlern dabei geholfen, über diese Zeit hinwegzukommen – mit Beträgen, von denen meine Freunde in Südamerika, Nordamerika und selbst in Asien nur träumen könnten. Die wurden von ihren Ländern komplett alleine gelassen.
    Doch andererseits, sagt Stefan Kaegi, "haben wir auch in Deutschland erlebt, wie lange die Kulturorte geschlossen waren. Das war noch krasser als in Spanien, Portugal oder Frankreich. Wir haben in Deutschland erlebt, wie lange man auch nicht auf das kreative Potenzial von Leuten vertraut hat, die sich im Theater, aber auch in anderen Kunstformen, sehr gut mit der Frage auskennen: Wie organisieren wir das Zusammensein, auch mit höchst sicheren Methoden?"
    Statt mehr über Stadtraumbespielungen nachzudenken, sei vielfach die Produktion zu eingleisig aufs Digitale verlegt worden, kritisiert Stefan Kaegi. "Da gab es neue Horizonte, die für uns interessant waren. Man hatte plötzlich Publikum in Nairobi, Kalkutta oder New York, mit dem man sich austauschte. Man ist aber auch plötzlich zurückgeworfen gewesen auf die, die wissen, wo sie draufklicken müssen, damit sie in diese Bubble hineinkommen. Dann war man ein bisschen unter sich. Aber Theater ist für mich natürlich etwas, das mit Publikum geschieht."

    Mehr Flexibilität in den Förderungen

    Einmündig einig war man sich beim Bundesforum darüber, dass die klassische Projektförderung einer langfristigen Förderung weichen solle, die auch keine konkreten künstlerischen Ergebnisse zustande bringen müsse. Auch Stefan Kaegi betont, dass Produktionen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft über einen längeren Zeitraum finanziert werden müssten.
    Zugleich stellt er fest: "Ich finde es schon auch richtig, dass wir über Projekte gezielt sagen: Wir wollen das und das erreichen in den nächsten Jahren, wir haben diese verrückte Idee und dafür brauchen wir mal was ganz anderes und wollen jetzt nicht wieder mit den Leuten was machen, mit denen wir schon die vier Projekte davor gemacht haben. Diese Flexibilität finde ich für die freie Szene eben gerade das Alleinstellungsmerkmal und auch das, was sie so unglaublich innovativ und aufregend macht."

    Auf der Suche nach dem Publikum

    Wie hält und erreicht man in der freien Szene, oft ohne die Stärkung großer Häuser, ein möglichst vielfältiges Publikum? Die Performerin Joanna Tischkau hatte dazu in der Diskussion bekannt, sie habe eigentlich nichts gegen ein "Bubble Theater" aus Freunden und Unterstützern.
    Für Stefan Kaegi ist so eine bewusste Verengung auch ein Zeichen der Zeit. "Wir haben gelernt, Menge ist gefährlich – jetzt über zwei Jahre hinweg. Menschen, die man nicht kennt, erst mal misstrauen, erst mal 3G-Regeln checken."
    Für eine junge Generation, die jetzt gerade erst angefangen habe, Theater zu machen, und die, wie Stefan Kaegi sagt, "über ein, zwei Jahre vielleicht den größten Teil ihrer Karriere nur damit zu tun hatten, sich mit den Leuten, mit denen sie verlinkt sind, über digitale Räume zusammenzubringen, gibt es dann vielleicht dieses Bedürfnis nach einem Safe Space, wo niemand aus der anderen Gesellschaftsseite reinkommt. Ich finde, das kann auf die Dauer nicht die Idee von Theater sein."
    (amu)
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