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Interview | Beitrag vom 23.10.2020

Corona-NeuinfektionenLabore am Limit - aber noch nicht darüber

Martin Stürmer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Illustration einer Menschenmenge von oben, die unter einer steigenden Kurve steht.  (Getty Images / E+ / Orbon Alija)
Mehr als 11.000 Neuinfektionen in Deutschland. Ist damit eine Grenze überschritten? (Getty Images / E+ / Orbon Alija)

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen liegt am zweiten Tag in Folge bei mehr als 11.000 in Deutschland. Ausbruchsherde, Testkapazitäten, der Umgang mit Risikogruppen: Der Virologe Martin Stürmer gibt einen sachlichen Überblick über die Lage.

Dieter Kassel: Es hat in den vergangenen 24 Stunden laut Robert Koch-Institut weniger Neuinfektionen mit dem Coronavirus gegeben als am Tag zuvor, wobei man das nicht ernsthaft tröstlich finden kann. Es waren knapp 50 weniger, und die täglichen Infektionszahlen liegen in Deutschland auch heute weit über der 10.000er-Marke.

Da stellen sich natürlich viele Fragen, unter anderem auch die, ob es wirklich reicht, alles, was wir bisher unternommen haben, nun noch intensiver und konsequenter zu machen, oder ob vielleicht etwas anderes geschehen muss. Wir wollen darüber mit dem Virologen Martin Stürmer sprechen. Er leitet ein Labor in Frankfurt am Main.

Es ist ja jetzt ein Vorschlag auf dem Tisch, der doch etwas Entscheidendes verändern würde: Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst, hat wegen der teilweise beginnenden Überforderung der Gesundheitsämter gesagt: Nicht mehr Leute testen, sondern sie sozusagen prophylaktisch in Quarantäne schicken, wenn sie Kontakte hatten. Wäre das im Moment sinnvoll?

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Stürmer: Ja, man muss sich tatsächlich überlegen, wie man die begrenzten, limitierten Ressourcen der Gesundheitsämter optimal nutzt. Da hat Christian Drosten ja auch schon mal die Diskussion in Gang gesetzt, inwieweit es Sinn macht, wirklich jeden Einzelfall nachzuvollziehen, und wir sind jetzt in dieser Situation: Sollen wir die Ressourcen der Gesundheitsämter für jeden Einzelfall "opfern", um die großen Cluster, also die Massenausbrüche, dann vielleicht zu übersehen?

Ich denke auch, es ist jetzt wichtig, sich zu überlegen, wie man das Ganze sinnvoll macht. Ich würde natürlich bevorzugen, weiterhin jeden Einzelfall nachvollziehen zu können, wirklich sauber zu dokumentieren, damit wir das Infektionsgeschehen wieder gut in den Griff bekommen.

Aber wenn wir nicht die Wahl haben, würde ich natürlich auch eher die großen Ausbrüche nachverfolgen und im Einzelfall lieber sagen: Wir wissen es nicht genau, geht zur Sicherheit in Quarantäne. Das ist immer noch besser, als einen großen Ausbruch zu übersehen, weil die Konsequenzen natürlich deutlich schlimmer sind.

Keine technischen und personellen Probleme

Kassel: Wie ist es eigentlich mit den Laboren? Wir haben lange gehört, wir schöpfen noch nicht die maximalen Testkapazitäten aus. Tun wir es inzwischen?

Stürmer: Ich kann da jetzt primär von unserer Seite sprechen, wir arbeiten am Limit, aber nicht über dem Limit. Wir können nach wie vor, bei uns zumindest, alle Anfragen zeitnah bearbeiten und haben weder technische noch personelle Probleme, und auch was den Nachschub an Reagenzien und Verbrauchsmaterial angeht, können wir das noch gut handeln, es darf allerdings auch nicht viel mehr werden.

Ich denke, das geht all meinen Kolleginnen und Kollegen in den Labors so, dass wir sehr, sehr viel zu tun haben, und es tatsächlich sinnvoll ist – das haben wir ja gerade wieder bei der Diskussion über das Beherbergungsverbot gesehen –, nicht plötzlich ein neues Fass aufzumachen, wo ganz viele Menschen aus nichtmedizinischen Gründen plötzlich einen Test brauchen.

Kassel: Interessant ist, dass man natürlich als Laie beginnt, nach Gründen zu suchen, warum diese hohen Zahlen eventuell gar nicht stimmen. Ich will gar nicht darüber reden, dass mehr getestet wird, das wissen wir alle, das kann man relativ leicht erkennen. Auch die Anzahl der positiv Getesteten pro Testreihe ist deutlich gestiegen, also: Allein an der Zunahme von Tests liegt es ja nicht, aber ich persönlich frage mich Folgendes: Der PCR-Test, der dabei in der Regel zur Anwendung kommt, der hat, auch wenn er relativ genau ist, eine gewisse Fehlerquote, und rein mathematisch ist ja logisch, wenn man mehr Tests macht, gibt es durch diese Quote auch mehr Fehler. Was heißt das jetzt für die Zahl von inzwischen um die 12.000 Infizierten am Tag? Ist die wirklich vergleichbar mit den Zahlen, die wir bei der ersten Welle hatten?

Stürmer: Wenn Sie jetzt eine Fehlerquote ansprechen, die möglicherweise testbedingt ist, dann hätten wir diese Fehlerquote ja auch in der ersten Phase der Pandemie gehabt - und dort möglicherweise noch größer, weil die Tests in der Zwischenzeit auch gegebenenfalls nachjustiert worden sind.

Natürlich hat jeder Test eine gewisse Fehlerquote, sie ist nur deutlich geringer als das, was gerne gesagt wird bei den Verschwörungstheoretikern und ähnlichen Diskussionen, dass jeder hundertste Test oder jeder tausendste Test irgendwie falsch positiv sei.

Dem ist natürlich nicht so. Wenn die Methode sauber ist, also wenn der Abstrich sauber gemacht wird, dann haben wir eine nahezu 100-prozentige Sicherheit, dass das Ergebnis dann auch valide ist. Was die Frage der Vergleichbarkeit der beiden Wellen angeht, würde ich sagen, wir können die Zahlen insofern nicht vergleichen, weil wir damals völlig anders von der Strategie her getestet haben.

Antigentests sind weniger sensitiv

Kassel: Das gilt für den PCR-Test, was Sie gerade gesagt haben. Es gibt aber auch vereinfachte Testverfahren, die im Idealfall nach einer Viertelstunde ein Ergebnis liefern, die aber weniger sicher sind als der PCR-Test. Halten Sie solche vereinfachten Tests trotzdem für sinnvoll?

Stürmer: Ja, sie sind – das liegt in der Natur der Antigenteste –, in der Regel weniger sensitiv, das ist richtig. Das nehmen wir aber insofern in Kauf, weil uns dieser Antigentest wahrscheinlich trotzdem sagen kann, ob eine Person ansteckend ist oder nicht.

Das ist ja die entscheidende Frage, die mich ja gerade jetzt interessiert. Ich bin vor der Tür des Altersheims, ich möchte meine Großeltern besuchen, und die spannende Frage ist: Bin ich die nächste Stunde, die nächsten zwei Stunden, eine Gefahr für meine Angehörigen?

Das kann dieser Antigentest sehr wahrscheinlich gut unterscheiden und kann Ihnen sagen: Okay, jetzt können Sie rein, Sie sind nicht ansteckend für die nächste Zeit. Wenn der Antigentest das leistet – und davon gehe ich aus, von den Zahlen, die ich bis jetzt gehört habe –, dann ist das eine gute Unterstützung, es wird die PCR als Testsystem aber nicht ersetzen.

Kassel: Strategiewechsel bedeutet ja unter anderem auch – Sie haben das Altenheim erwähnt – besonders gefährdete Gruppen, also Menschen mit Vorerkrankungen oder Ältere, besonders zu schützen. Sollten wir das stärker machen? In Irland zum Beispiel ist es jetzt so, dass Supermärkte von acht bis neun Uhr nur für Senioren geöffnet sind.

Stürmer: Ich würde grundsätzlich keine Zweiklassengesellschaft favorisieren. Ich denke, es ist ganz wichtig, über den Schutz der Risikopopulation zu diskutieren und zu reden und das auch konsequent durchzuführen. Der beste Schutz ist, dass wir die Infektionszahlen wieder runterbekommen. Wir haben es ja im Sommer gesehen, dass bei einer niedrigen Infektionszahl auch kaum Fälle in Altersheimen stattgefunden haben.

Man muss es natürlich immer zweigleisig sehen: Auf der einen Seite bin ich dafür, den Schutz der vulnerablen Bevölkerung noch weiter zu intensivieren, aber man muss natürlich aufpassen, dass man sie nicht komplett vom allgemeinen Leben abkoppelt mit diesen Maßnahmen. Dementsprechend muss man die Diskussion sehr vorsichtig führen. Für mich ist ganz wichtig: Im Vordergrund muss stehen, die täglichen Infektionszahlen wieder runterzubekommen und damit erst mal die Grundlage der Gefahr deutlich zu minimieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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