Corona und junge Erwachsene

Lasst uns entschleunigen

Ein junger Mann hängt erschöpft am Boden vor einem Fitness Laufband.
Die Nachwehen der Pandemie sind ein Dauerstresstest für eine überreizte Gesellschaft, sagt Matt Aufderhorst. © Getty Images/ Williams Hirakawa
Überlegungen von Matt Aufderhorst · 16.08.2022
Mit einer Corona-Erkrankung machen viele Junge eine neue Erfahrung – auf Hilfe angewiesen sein. Covid ist deshalb auch eine Art Vorgeschmack aufs Älterwerden und könnte dazu beitragen, weniger durchs Leben zu hetzen, meint der Autor Matt Aufderhorst.
Ich glaube nicht daran, dass die Erschöpfung, die mich heimsucht, nachdem ich meine erste und wohl leider auch nicht letzte Covid-Infektion überwunden habe, ein rein persönliches Gefühl ist. Mir scheint, dass die Nachwehen der Pandemie zum Dauerstresstest für eine überreizte Gesellschaft geworden sind. Wir machen gerade sehr viele Stürze durch, holen uns reihenweise Beulen, intellektuelle, emotionale und finanzielle, beharren jedoch auf dem "Weiter so".

Schwäche beendet Lauf im Hamsterrad

Aber warum fühle ich mich schlecht, quasi in die gesellschaftliche Schmuddelecke gestellt, weil mich, wie viele andere auch, die Nach-Covid-Müdigkeit ereilt? Anstatt sechs, sieben Stunden, die mir viele Jahre gereicht haben, schlafe ich gerade meistens neun Stunden. Und dass ich die ausgedehnte Zeit im Bett als Jungbrunnen wahrnehme, kann ich beim besten Willen nicht behaupten.
Ich bin wie die meisten darauf trainiert, besser zu funktionieren, nicht die Contenance zu verlieren, das Hamsterrad am Laufen zu halten. Wir erlauben uns als Gemeinwesen nicht das Gefühl, angeschlagen zu sein. Auszeiten zu benötigen. Den Rhythmus zu verändern. Und wir scheuen davor zurück, diese Markierungen, die Wunden der Verletzbarkeit zu behalten – als Denkanstoß, als Besinnungschance.

Lernen vom buddhistischen Wabi-Sabi 

Dabei geht es auch anders. Wie etwa die buddhistische Ästhetik des Wabi-Sabi zeigt. Eine Anschauung des Lebens, die sich auf die Bejahung von Vergänglichkeit, Unvollkommenheit und nicht zuletzt vermeintlichen Fehlern konzentriert. Diese Lebenseinstellung geht so weit, dass selbst Gegenstände, die Mängel aufweisen, höher bewertet werden als solche, die scheinbar perfekt sind. Zerbrochene oder gesprungene Dinge, sofern sie gut repariert wurden und angenehm in der Hand liegen, erfahren höhere Achtung, ja eine innigere Zuneigung als intakte.
Das Angeschlagene bekommt besondere Wertschätzung, weil es gewissermaßen Lebenserfahrung hat. Alter und Empfindlichkeit stören nicht. Die geheilte Wunde, sie wird zum Wunderbaren, zur Gemeinsamkeit, die alles miteinander vereint. Solche Narben werden in unserer Gesellschaft als Makel angesehen. Und ältere Menschen haben davon offenbar besonders viele.

Vorschau aufs Älterwerden durch Corona

Es ist an sich bemerkenswert, dass die Covid-Erkrankung und deren Folgen uns, den Jüngeren, eine Vorschau auf das Älterwerden und diese Narben erlauben. Und sie geben uns in jungen Jahren auch einen Vorgeschmack auf die gesellschaftliche Ächtung, die Ältere bei uns tagtäglich erleben. Um ein Beispiel zu geben: Meine 81-jährige Mutter spricht nach einer aufwendigen Zahnoperation schlechter als zuvor. Die Folge ist, dass sie sowohl in Geschäften, in der Arztpraxis als auch auf den Ämtern nicht mehr für voll genommen wird.
Man müsste eben nachfragen, um sie besser zu verstehen. Man müsste sich Zeit für sie nehmen. Was den reibungslosen Fluss des Funktionierens allerdings unterbräche. Damit wird ihre Gegenwart als vollwertiger Mensch, was meine Mutter selbstverständlich schmerzt, infrage gestellt.

Schwache Menschen werden oft schlecht behandelt

Wer sich im Bekanntenkreis umhört, wird überall auf vergleichbare Geschichten der „Unsichtbarkeit“ stoßen. Fast könnte man sagen, dass wir ältere Bürger:innen unter eine Art von Dauerquarantäne gestellt haben – jedenfalls was die Wahrnehmung betrifft. Dabei handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen: Jede fünfte Person ist in Deutschland derzeit älter als 66 Jahre.
Meine Hoffnung ist, dass durch die temporäre Erfahrung des Ausgegrenzt- und Schwachseins während der Covid-Isolation mehr dauerhafte Empathie für die Schwächeren und Älteren in unserer Gesellschaft entsteht. Auch dabei kann die Wabi-Sabi-Ästhetik helfen. Sie lehrt, was wichtig ist, keine Askese, sondern eher Mäßigung. Und die „gute Reparatur“, was noch wichtiger ist, kann durchaus ihre Zeit dauern. Langsamkeit, sie gehört zum Baukasten eines vernünftigen, widerstandsfähigen, leichtfüßigen Lebens dazu.

Matt Aufderhorst ist 1965 in Hamburg geboren. Er ist Radio- und Fernsehjournalist und Mitbegründer von „Authors for Peace“. Er studierte Kunstgeschichte und Deutsche Literatur. Seine Essays über Architektur und Erinnerung sind unter anderem in „Lettre International“ und „WOZ“ erschienen.

Porträtaufnahme des Journalisten Matt Aufderhorst
© Ali Ghandtschi
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