Corona im Erzgebirge

    "Wir werden den Katastrophenfall erreichen“

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    Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin steht vor dem abgedunkelten Fenster in einem Corona-Intensivzimmer und behandelt einen Patienten.
    Wie in anderen Kliniken im Bundesgebiet kommt auch das medizinische Personal im Erzgebirge wieder an seine Grenzen. Das macht Angst, sagt ein Intensivmediziner. © picture alliance / dpa / Fabian Strauch
    Von Sibylle Kölmel · 22.11.2021
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    Schon im vergangenen Frühjahr war das Erzgebirge schwer getroffen von der Coronapandemie. Die Intensivstationen waren überlastet, Ärzte und Pflegekräfte überfordert, viele Patienten starben. Jetzt droht erneut der Ausnahmezustand, mit vielen Toten.
    Im März 2021 fahre ich das erste Mal ins Erzgebirge – es lag vereinzelt noch Schnee und die Sieben-Tage-Inzidenz um die 300. Die dritte Corona-Welle ebbte gerade ab. Sie hatte den bevölkerungsreichsten Landkreis im Osten Deutschlands schon damals heftiger getroffen als andere Regionen. Allein im Erzgebirgsklinikum in Annaberg-Buchholz starben im vergangenen Winter weit über 100 Patienten an oder mit Corona. Der Arzt Mario Stumpfel, der im Erzgebirgsklinikum in Annaberg-Buchholz die Notaufnahme leitet, sagte damals:

    „Wir sind es schon gewohnt, auch als Arzt, Todesbescheinigungen auszustellen. Das gehört nun leider einmal auch zu diesem Beruf dazu. Aber wenn sich eben dann die Formulare auf dem Schreibtisch am Morgen stapeln oder nebeneinanderliegen und das Pflegepersonal dann entsprechend sehr betroffen ist, dass unter Umständen mehrere Patienten am gleichen Tag verstorben sind, dann ist das schon eine Ausnahmesituation, die dann auch psychisch belastend ist.“  

    Am Rand der Kapazität

    Ende Oktober, die Corona-Zahlen in Deutschland steigen, telefonieren wir miteinander. Mario Stumpfel erzählt, dass sein Krankenhaus bereits am Rand der Kapazität arbeitet. Vier Wochen später fahre ich zum zweiten Mal nach Annaberg-Buchholz, die Inzidenz liegt über 1000. Das Erzgebirgsklinikum ist für Besucher geschlossen, die Eingangshalle leer. Eine Frau überreicht dem Pförtner am Empfang eine kleine Tasche für ihren Mann, der als Patient hier liegt.

    „Die Dimensionen des Geschehens jetzt, auch was im persönlichen Umfeld zu vernehmen ist und auch die Situation, die wir im Krankenhaus erleben ist eine ganz andere, eine wesentlich bedrohlichere.“  

    Die Intensivbetten sind hier alle belegt. Ich treffe den Mediziner Mario Stumpfel in einem Aufenthaltsraum.  

    „Das führt natürlich schon zu einer zutiefst gedrückten Stimmung sowohl im Arbeitsumfeld als auch natürlich im familiären Umfeld, weil jetzt gerade auch die Kinder betroffen sind, die Unsicherheiten wieder massiv zunehmen, auch der eigene Schutz, dem man sich ja ein bisschen gewiss war schon in der Euphorie der Impfungen, jetzt zumindest relativiert wird, im Sinne von ja ganz vorbei ist das jetzt trotzdem nicht und ich muss weiterhin was dafür tun, um auch persönlich und auch mein Umfeld geschützt zu sein beziehungsweise zu schützen.“   

    Der Mediziner und seine Mitarbeiter wissen, dass es bald wieder mehr Todesfälle geben wird – vielleicht so viele wie noch nie seit Beginn der Corona-Pandemie. 

     „Dass wir mehrmals am Tag verstorbene Patienten in die Leichenhalle verlegen oder fahren müssen und entsprechend die Angehörigen informieren müssen über den Tod der Patienten, das wird kommen. Das ist leider nicht abzuwenden, weil die Infektionen, die jetzt geschehen, die werden ihren Blutzoll fordern, das muss man einfach so sagen.“  

    Impfungen liegen unter 60 Prozent

    So angespannt wie noch nie zuvor sei die Situation hier in der Klinik und in der Region, erklärt er. Die Impfquote in Sachsen liegt unter 60 Prozent. Hier im Krankenhaus ist noch immer zu wenig des sowieso schon knappen Pflegepersonals geimpft:   

    „Eine Impfquote von unter 50 Prozent hat sich leider nur ergeben. Bisher ist keine ausreichende Impfbereitschaft vorhanden, das muss man einfach so konstatieren. Das entspricht auch dem Verhalten der Normalbevölkerung, das ist extrem bedauerlich, da wir dadurch in eine äußerst angespannte Situation, auch was die Versorgung der Patienten betrifft, kommen.“ 

    Und: Die Wirkung der Impfung nimmt ab bei denjenigen Erzgebirgsklinikums-Mitarbeitern, die sich schon früh, also Anfang des Jahres, haben impfen lassen: Es kommt zu Impfdurchbrüchen, Pflegekräfte müssen in Quarantäne.   

    „Wir werden noch in den nächsten Tagen in einen Notfallbetrieb übergehen müssen. Alle personellen Ressourcen zur Versorgung der absoluten Notfallpatienten und dringlichen Behandlungen mobilisieren. Das ist auch durch alle Maßnahmen, die jetzt noch ergriffen werden, aus meiner Sicht nicht mehr abzuwenden. Das heißt also, wir werden den Katastrophenfall erreichen.“  

    Verdrängen, was noch kommen wird


    Sie versuchen momentan, sagt der Arzt Mario Stumpfel, von Tag zu Tag zu schauen. Zu entscheiden, was heute notwendig ist und nicht daran zu denken, was in den nächsten Tagen und Wochen anrollen wird.  

    „Das ist sicherlich auch eine gewisse Verdrängung, weil wenn man sich den ganzen Berg jetzt jeden Tag vor Augen führt, dann wird es nicht einfacher. Natürlich sprechen wir auch darüber, wie die nächsten Schritte aussehen werden, welche Möglichkeiten wir haben, wie wir uns auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten.“

    Aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden zu müssen, wem man zuerst hilft: Das war, sagt Mario Stumpfel, für ihn, auch als Arzt, für dieses Land eigentlich unvorstellbar:  

    „Ja, die Bilder aus Bergamo oder aus Indien oder in ähnlichen Regionen, die uns ja schockiert haben aber immer eben mit dem tröstlichen Hintergedanken, das kann bei uns nicht passieren. Wir sind doch ein gut gerüstetes Gesundheitssystem, wir sind besser als andere, das relativiert sich jetzt schon langsam.“

    All das ist beklemmend. Und macht Angst – auch dem Intensivmediziner und Notaufnahmen-Leiter:

    „Es macht Angst, weil wir wissen, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind, weil wir unsere Ressourcen personell und aber auch strukturell sehen und eigentlich das Gefühl haben, dass uns nicht mehr viele Optionen bleiben. Und es wäre jetzt illusorisch zu glauben, dass hier jetzt keine Schäden oder Todesfälle auftreten aufgrund dieser eingeschränkten Versorgungslage.“

    Impfen, impfen, impfen

    Ein verlässliches System für Verlegungen in überregionale Einrichtungen gebe es momentan nicht – die Strukturen seien über den Sommer eingeschlafen. 

    „Das ist dringend erforderlich, hier die überregionalen Verlegungen anzustreben, es bleibt aber abzuwarten inwiefern die Kapazitäten in anderen Bereichen auch überregional noch vorhanden sein werden, um diese Verlegungen im großen Stil durchführen zu können.“  

    Auch Mario Stumpfel sagt, es gelte jetzt, das Angebot an Impfungen massiv auszuweiten, auch wenn der aktuelle Ausbruch damit erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt beeinflusst werden könne.

    „Jeder Tag zählt. Jeder der seine Booster-Impfung erhalten hat, selbst wenn er sich drei Tage später infiziert hat drei Tage Vorlauf. Das ist unter Umständen entscheidend für die Schwere des Verlaufs und ob er symptomatisch wird oder nicht.“

    Auf meiner Fahrt mache ich eine Pause, um zu tanken. An der Tankstelle erzählt mir die Verkäuferin, dass sie immer wieder höre, dass Ärzte auf den Totenschein als Todesursache Corona schreiben würden – obwohl die Todesursache eine andere sei. Weil sie dafür Geld bekämen.
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