Corona

Im Herbst müssen wir noch einmal achtsam sein

08:54 Minuten
Eine Frau trägt eine Infektionsschutzmaske.
Maske tragen: Das ist nicht schön, muss aber leider oft sein. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Mark Schiefelbein
Timo Ulrichs im Gespräch mit Axel Rahmlow  · 19.09.2022
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US-Präsident Biden meint, die Pandemie sei vorbei. Für diesen bedeutungsschweren Satz sei es noch zu früh, sagt der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs. Er warnt, dass sich das Coronavirus anpassen und erneut für hohe Opferzahlen sorgen könnte.
Der Herbst ist da und damit könnte auch wieder die Gefahr steigen, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Entwarnung allerdings kommt von prominenter Stelle. US-Präsident Joe Biden sagt: „Die Pandemie ist vorbei." Immerhin räumt er ein: Corona bleibe ein Problem.
Nein, für Entwarnung sei es zu früh, sagt der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften Berlin: „Wenn wir die ganze Sache global betrachten, dann ist es so, dass es noch sehr viele Länder gibt, wo die Durchseuchung und auch die Durchimpfung noch so unzureichend ist, dass das Virus dort ein ziemlich großes Reservoir hat.“
Aber auch die Länder der Nordhalbkugel stünden vor einer Herbst-Winter-Welle, die „noch einmal heftig wird“, so die Prognose des Wissenschaftlers.

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Der Epidemiologe fürchtet, dass es nach der aktuell vorherrschenden Omikron-Variante des Coronavirus noch eine weitere Variante geben wird. Ebenso möglich sei, dass sich Omikron noch mit einer größeren Welle durchsetze.
Bidens Aussage von einem Ende der Pandemie sei nicht nachvollziehbar: „Es hat leider noch keine epidemiologische Grundlage zu sagen, es ist jetzt vorbei. Immer noch sterben pro Tag weltweit – auch in den USA – sehr viele Menschen, und das sind so viele, dass man sich nicht daran gewöhnen und sagen möchte: Das ist halt so.“ Impfen, Maske tragen und Abstand halten – das alles sei weiter angezeigt und wichtig, betont Ulrichs.

Hotspots der Pandemie vor allem in Afrika

Hotspots der Pandemie seien etwa viele afrikanische Länder, wo es bislang kaum die sogenannte „Durchseuchung“ gab. Vor allem bei einer hohen HIV-Prävalenz – also vielen HIV-Infektionen und großer HIV-Infektionsgefahr – seien die Menschen empfänglich für schwerere Corona-Verläufe. „Dies zusammengenommen heißt, dass das Virus sich dorthin zurückziehen könnte, und selbst wenn bei uns die Herdenimmunität erreicht werden sollte, besteht dort dann die Möglichkeit, dass das Virus mit mehreren Replikationszyklen sich so stark verändert, dass es in veränderter Form auch wieder nach Europa zurückkommt.“
Der Ansatz der chinesischen Behörden, beim Auftreten des Virus ganze Städte und Regionen abzuriegeln, ergebe allerdings keinen Sinn, meint Ulrichs: „Man kann so etwas nicht dauerhaft aufrecht erhalten, ohne die Bevölkerung komplett zu knebeln.“ Und auch die Durchimpfung erfolge in China bislang nicht: „Nach allem was wir wissen, sind die chinesischen Impfstoffe nicht so gut, dass sie tatsächlich eine Herdenimmunität aufbauen können, so dass man dann mit diesen Maßnahmen lockerer lassen könnte.“
Eine „vernünftige Durchseuchung“ sei hier die „kontrollierte Durchseuchung“, erklärt der Epidemiologe. In China aber sei noch immer der Status quo, dass das Gros der Bevölkerung keinen Kontakt zu dem Virus habe. „Das kann bedeuten: Wenn das Virus dann frei gelassen werden würde, dass es dann zu sehr hohen, sehr schnellen Infektionszahlen kommt mit hohen Opferzahlen. Alles einfach aufzumachen, wäre also auch kontraproduktiv.“
Für Deutschland empfiehlt der Experte, die „omikronspezifische Impfung in Erwägung" zu ziehen und dies mit einer Impfkampagne zu begleiten. „Wir kämen dann so langsam Richtung Herdenimmunität, so dass jetzt diese Welle noch durchgestanden werden muss und die Aussichten für alles weitere dann im neuen Jahr eher positiv sind." Dann wäre Corona auf dem Niveau der saisonalen Grippe. 100 bis 200 Tote pro Tag hingegen: Daran sollte man sich nicht gewöhnen, betont Ulrichs.
(sru)
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