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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 07.08.2020

Corona-DemonstrationenWozu noch diskutieren?!

Ein Kommentar von Sieglinde Geisel

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Demonstranten protestieren gegen die Coronamaßnahmen. Daneben stehen Polizisten. (laif / Lutz Jäkel)
Demonstranten protestieren gegen die Coronamaßnahmen - am 1. August in Berlin. (laif / Lutz Jäkel)

Ob Klimawandel oder Coronavirus: Je besser ein Phänomen wissenschaftlich belegt ist, desto stärker zweifeln manche daran. Aber müssen wir in einer Demokratie nicht auch mit Coronaleugnern diskutieren? Nein, meint die Publizistin Sieglinde Geisel.

Die Diskussionen um die Coronademonstration vom vergangenen Samstag kommen nicht zur Ruhe. Was soll die Gesellschaft anfangen mit jenen, die in einer Welt der alternativen Fakten leben? Wie kann man Mitbürger am politischen Prozess beteiligen, die entweder nicht an das Coronavirus "glauben" oder Bill Gates hinter der Pandemie vermuten? Wie mit Menschen diskutieren, die behaupten, nicht 20.000 hätten am vergangenen Samstag demonstriert, sondern eine Million, nein 1,3 Millionen, ja vielleicht waren es sogar zwei Millionen?

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Mit den Begriffen rechts und links greift man ins Leere, wenn man diese "Bewegung" benennen will. Irritierend ist gerade ihre politische Beliebigkeit. Es geht nicht um ein Programm, sondern um Widerstand, wogegen auch immer. Wer in den Zeiten der Pandemie Maske und Sicherheitsabstand verweigert, sagt: "Wir machen nicht mehr mit." Mehr und mehr teilt sich die Gesellschaft in ein Wir und ein Sie. Sie, so könnte man überspitzt sagen, machen nicht mehr mit bei unserem Spiel der Aufklärung, wo die Regeln auf rationalen Erkenntnissen beruhen: Zwei mal zwei ist nun einmal vier.

Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt

Das Muster dieser Gegenaufklärung ist immer das Gleiche. Ob es um den Klimawandel geht oder das Coronavirus: Je besser ein Phänomen wissenschaftlich belegt ist, desto leidenschaftlicher zweifeln sie daran. Je absurder dagegen eine Behauptung, desto unerschütterlicher ist ihr Vertrauen. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Nur verdrehen sie Pippi Langstrumpfs Emanzipationsmaxime dabei ins Gegenteil: Kreative Lösungen für Probleme darf man von den Gegenaufklärern nicht erwarten. Stattdessen suchen sie sich Sündenböcke, gegen die sie öffentlichkeitswirksam zu Felde ziehen. Damit wiederum lenken sie von jenen Katastrophen ab, die uns tatsächlich in unserer Existenz bedrohen.

Seit Jahren verfolgt die Mehrheitsgesellschaft das Projekt "Mit Rechten reden" – der Buchtitel ist längst zur Metapher geworden. Was haben wir nicht alles versucht: Wir haben ihre Sorgen ernst genommen, sind über ihre Stöckchen gesprungen, haben ihnen Platz eingeräumt in den nobelsten Feuilletons – und: keine Talkshow ohne einen der Ihren. Um jeden Preis wollten wir mit ihnen reden. Nur um festzustellen, dass sie nicht mit uns reden wollen. Was sie wollen? Dinge sagen, die gegen unsere Werte verstoßen und sich dann empören über unseren Widerspruch.

Was wir erleben, ist ein Pseudostreit

Demokratie lebt vom Streit, so heißt es oft, doch was wir in den letzten Jahren erleben, ist ein Pseudostreit. Die Gegenaufklärer haben ein bemerkenswertes Geschick darin entwickelt, die Errungenschaften der Demokratie als Waffe gegen die Demokratie zu benutzen.

Wir wiederum wollen uns das Spektakel nicht entgehen lassen. Wir empören uns über jeden ihrer Ausfälle und werden damit zu Komplizen, denn von dieser Empörung ernährt sich ihr Widerstand. Die nächste Runde der psychologischen Spurensicherung ist längst eingeläutet: Nein, man macht es sich zu einfach, wenn man von "Covidioten" spricht, sie haben Gründe für ihr Verhalten, und wir haben nur dann eine Chance sie zu "erreichen", wenn wir den Fehler bei uns suchen.

Mit Leuten diskutieren, die nicht diskutieren wollen

Wie wäre es, wenn wir auf den Regeln der Demokratie beharren würden und Autorität ausüben gegenüber jenen, die uns weismachen wollen, zwei Mal zwei sei fünf? In einem Rechtsstaat gelten die Regeln auch für diejenigen, die sie nicht anerkennen: Die Aushöhlung der Demokratie beginnt damit, dass die Polizei untätig zuschaut, wenn Maskenpflicht und Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden.

Soll man mit den Coronaleugnern diskutieren, und wenn ja, mit welchen? Diese Frage führt nicht weiter, denn wir haben uns in eine aussichtslose Lage hineinmanövriert: Wir diskutieren mit Leuten, die nicht diskutieren wollen über Dinge, bei denen es nichts zu diskutieren gibt.

Sieglinde Geisel posiert im Treppenhaus des RIAS-Gebäude in Berlin (Deutschlandradio / Melanie Croyé)Sieglinde Geisel (Deutschlandradio / Melanie Croyé)Sieglinde Geisel studierte in Zürich Germanistik und Theologie und arbeitet als freie Journalistin. Von 1994 bis 2016 war sie Kulturkorrespondentin der "NZZ". Sie ist für verschiedene Medien als Literaturkritikerin, Essayistin und Reporterin tätig und lehrt an der Freien Universität Berlin sowie an der Universität St. Gallen.

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