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Lesart | Beitrag vom 12.10.2019

Cornelius Pollmer: "Heut ist irgendwie ein komischer Tag"Fontane-Wallfahrt mit Überraschungen

Cornelius Pollmer im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Vor dem Fontane-Denkmal am Fontaneplatz in Neuruppin steht eine Fußgängerampel mit einem Abbild des Schriftstellers Theodor Fontane als Ampelmännchen. (picture alliance/dpa/Nestor Bachmann)
Fontane-Denkmal und Fontane-Ampelmännchen in Neuruppin. (picture alliance/dpa/Nestor Bachmann)

Wissen Sie, was eine "Hauptsehenswürdigkeit" ist? Hat mit Brandenburg zu tun und ist eine Wortschöpfung von Theodor Fontane, der vor knapp 200 Jahren durch Brandenburg gewandert ist. Der Reporter Cornelius Pollmer ist ihm hinterhergewandert.

Christian Rabhansl: In Ihrem Buch über Ihre Wanderung durch die Mark Brandenburg lese ich, dass Ihnen ‚Hauptsehenswürdigkeiten‘ eigentlich immer herzlich egal waren – sowas wie der Eiffelturm in Paris oder die Oper von Sidney oder die Golden Gate Bridge in San Francisco. Sie schreiben den schönen Satz: ‚Die Orte, die mir Heimat sind, werden nicht von EasyJet angeflogen.‘ Deshalb muss ich Sie gleich zu Beginn fragen: Sind Sie ein bisschen kauzig?

Cornelius Pollmer: Das kann gut sein, aber – Stichwort Selbstwahrnehmung/Fremdwahrnehmung – das würde ich jetzt nicht selbst beurteilen wollen. Aber was richtig ist, ist, dass ich an diesen genannten Orten immer so ein Unbehagen habe. Da sind wahnsinnig viele Leute, die drängeln sich, manchmal muss man sogar Tickets kaufen und ewig anstehen – nur um sich dann etwas anzugucken, was extrem gut dokumentiert auch im Internet oder auf vielen anderen Fotos oder in Filmen, die man vielleicht schon gesehen hat, vorkommt. Und deswegen gehe ich lieber an Orte, wo keine Flugzeuge hinfliegen oder sich nicht so viele Leute auf einmal hindrängeln.

"Kernkompetenz: Bonding mit Rentnern"

Rabhansl: Ich komme auf das leicht kauzige, weil Sie über sich schreiben, eine Ihrer Kernkompetenzen sei ‚Bonding mit Rentnern‘. Hat das sehr geholfen auf dieser Fontane-Wallfahrt?

Pollmer: Oh ja, das hat sehr geholfen! Das ist auch gar nichts Schlechtes, glaub ich. Es ist nicht so, dass ich mich einschmeichle wie so ein Landarzt in einer Vorabendserie. Sondern eher, dass ich irgendwie immer ganz gut mit denen reden kann. Weil ich interessiert bin an Lebenswirklichkeiten, die nicht meine eigenen sind. Und da ist jemand, der viel älter ist als ich, tendenziell immer ein guter Gesprächspartner. Und in Brandenburg bin ich – insofern stimmt da ein Klischee von denen, die man über Brandenburg haben kann – vielen älteren Menschen begegnet, mehr als jüngeren. Und mit denen konnte ich dann immer ganz gut sprechen. Ja.

Ein Schild mit der Aufschrift Fontanewanderweg führt auf den Spuren des Dichters und Schriftstellers. (Imago)Der Fontanewanderweg führt durch das Land Brandenburg und das Märkisch Oderland. (Imago)
Rabhansl: Fontane spielt dann immer weniger eine Rolle auf Ihrer Wanderung, hatte ich den Eindruck. Aber eine Grundvoraussetzung für Ihre Wanderung ist und bleibt dann doch ein Fontane-Motto, nämlich ‚der gute Wille, das Gute zu finden‘. Ist das dringend nötig, wenn man durch Brandenburg wandert?

Pollmer: Ich hatte mir das am Anfang als Motto gefasst, weil ich es auch als einen guten Weg gesehen habe, eine Berufsauszeit zu nehmen. Ich bin ja im Hauptberuf Journalist. Und habe da sehr viel mit dem Unguten zu tun, auch im Osten Deutschlands. Und das Ungute muss man dann ja auch ungut finden, es geht ja nicht darum, es zu verklären. Und das war mein fester Wanderratgeber, dieses Motto. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass es in diesen Landstrichen nicht nur das gibt, was wir häufig und zurecht in den Medien sehen. Sondern dass es da noch viel normales Leben und Alltag gibt, auch viel Freundlichkeit. Und die bekommt, finde ich, nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat. Wenn man sich mal überlegt, dass das immer noch eine große Mehrzahl der Leute betrifft, die ganz normal ihr Leben leben, ganz normale Träume träumen. Davon wollte ich erzählen.

Rabhansl: Ist es Ihnen trotzdem manchmal schwergefallen? Sie arbeiten für die Süddeutsche Zeitung von Leipzig aus. Da haben Sie es beruflich natürlich viel mit Pegida und AfD zu tun, mit rechtem Hass, diese Woche mussten Sie über den Anschlag auf die Synagoge in Halle berichten. Natürlich ist Sachsen nicht Brandenburg, und es gibt nicht ‚den Osten‘. Das ist klar. Trotzdem. Ist es Ihnen gelegentlich schwer gefallen, diesen guten Willen aufzubringen?

Pollmer: In Sachsen und Sachsen-Anhalt fällt mir das gelegentlich durchaus schwer. Aber selbst wenn wir jetzt nochmal nach Halle schauen in dieser Woche: Es gab einen Menschen, der etwas Unglaubliches, Furchtbares, Gewalttätiges getan hat – und es gibt sehr viele Menschen, die sich am nächsten Tag über Blumen, Lichter und Wortmeldungen mitgeteilt haben, auch über traurige Mienen. Sehr viele Menschen, die ganz anders denken. Mir fällt es natürlich manchmal schwer, das Gute zu sehen, weil wir uns zurecht erstmal auf die Irritation der Normalität und auf die Erschütterung von Normalität konzentrieren. Ich finde aber, dass wir das nicht verlieren dürfen, als Gesellschaft auch das zu sehen, was funktioniert. Und auch die Menschen zu sehen, die guten Willens sind. Denn wenn wir das alles zu sehr ausblenden, dann kann sich auch so ein Narrativ oder so eine Wahrnehmung festsetzen, dass alles den Bach runtergeht, und dass alle Menschen bösartig sind. Und das stimmt einfach nicht.

Ich will überhaupt nicht alles Übel oder alles Ungute, das passiert, negieren oder verschweigen. Darum geht es mir überhaupt nicht. Aber ich glaube auch, dass wir das Gute in den öffentlichen Erzählungen brauchen und häufiger brauchen, damit so etwas wie Hoffnung gestiftet wird. Auch wenn das jetzt ein bisschen pathetisch klingt.

"In Brandenburg war ich dann erstmal überrascht‘"

Rabhansl: Damit sprechen Sie wahrscheinlich vielen aus dem Herzen, die dort in diesen Regionen leben. Wie war das denn, wenn Sie dort aufgetaucht sind, wie sind Sie begrüßt worden? ‚Ach juhu, ein Journalist, der über uns schreiben will!‘?

Pollmer (lacht): Die Frage ist eine Suggestiv-Frage, aber ich will sie trotzdem beantworten. Ich komme ja aus Sachsen und das heißt, ich bin Kummer und ich bin auch fiese Blicke gewöhnt. Und in Brandenburg war ich dann erstmal überrascht, dass sie erstens ein bisschen seltener sind, aber zweitens gibt es sie natürlich. Und ich hab mich irgendwann – das ist jetzt hoffentlich noch keine Vortäuschung falscher Tatsachen – nicht mehr mit dem Entrée: ‚Ich bin ein Journalist‘ vorgestellt, sondern: ‚Ich schreibe ein Buch‘. Und das hat wahnsinnig geholfen. Weil Leute dann nicht diese eilige Pressearbeit, die sie mit großer Missgunst betrachten, sehen, sondern etwas Ausgeruhteres. Und ich bin nach wie vor sehr dafür, für meinen Berufsstand zu kämpfen, weil ich ihn wichtig finde und viele Kollegen tolle und wichtige Arbeit machen. Aber in dem Fall hab ich ein bisschen darauf verzichtet, immer gleich mit dem ‚J.‘ und der Tür ins Haus zu fallen.

Eine Weg führt entlang idyllischer Felder in Brandenburg. (Imago / Volker Hohlfeld)Abgeerntetes Getreidefeld bei Obersdorf Landkreis Märkisch Oderland. (Imago / Volker Hohlfeld)
Rabhansl: Und das hat unglaublich gut funktioniert. Sie haben Menschen kennengelernt, das ist abenteuerlich. Ich habe jetzt ganz bestimmte Menschen vor Augen. Einer, nachdem Sie ihn gefragt haben: ‚Gibt‘s hier eigentlich noch was anderes außer Weizen und Wind?`, der schmeißt Sie prompt am nächsten Tag in 4.000 Meter Höhe aus dem Flugzeug. Aber wer ist denn der Mensch geworden, an den Sie sich am meisten erinnern?

"Dieses Gespräch ist mir tief ins Herz gewandert"

Pollmer: Tatsächlich, der gerade noch nicht beim Namen genannte – er hieß Schniepa –, der ist mir natürlich auch besonders in Erinnerung. So jemandem begegnet man in seinem Alltag eigentlich nicht. Wer mir aber doch noch ein bisschen näher ans Herz gewachsen ist, ist ein Mann, der jetzt leider nicht mehr lebt. Das war ein alter Kapitän, der hatte eine Zeitungsannonce geschaltet, in der stand, er wolle ein letztes Mal mit seinem Segelboot ausfahren. Und ich habe ihn dann besucht. Und wir haben in seiner Datsche gesessen und haben einen Vormittag lang über das Leben gesprochen. Und dieses Gespräch ist mir so tief ins Herz gewandert, dass ich an den eigentlich immer noch am häufigsten denke. Und es gibt aber auch noch andere, mit denen ich noch guten Kontakt halte. Zum Beispiel die Dorfjugend im Spreewald, dort war ich erst neulich wieder zu einem Geburtstag und mit denen bin ich auch noch im guten Kontakt.

Dieses Buch ist, was ich sehr schön finde, nicht mit dem Druck einfach fertig und vorbei und weg gewesen, sondern es begleitet mich jetzt auch noch in Gestalt dieser Menschen.

Rabhansl: Treffen Sie die wieder?

Pollmer: Ich bin schon nächstes Jahr zu einem Polterabend eingeladen, da möchte ich eigentlich auch hingehen.

Rabhansl: Das ist dann die Brandenburger ‚Hauptsehenswürdigkeit‘, unter Umständen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Pollmer.

Pollmer: Sehr gerne.

Das Bild zeigt das Buchcover sowie ein aquarellierter Hintergrund.  (Penguin Verlag / Deutschlandradio)Cornelius Pollmer wanderte durch das Land Brandenburg: Was er unter anderem dort tat? Mit Rentnern Kontakt aufbauen. (Penguin Verlag / Deutschlandradio)

Cornelius Pollmer: Heut ist irgendwie ein komischer Tag. Meine Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Penguin Verlag, 2019
240 Seiten, 20,00 Euro

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