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Kompressor | Beitrag vom 10.07.2020

Comickünstlerin Anke Feuchtenberger"Für mich geht es ums Licht"

Von Jule Hoffmann

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Porträt der Comickünstlerin Anke Feuchtenberger (laif / Gunter Gluecklich)
Hat den Weg für den künstlerischen Comic mit geebnet: die Zeichnerin Anke Feuchtenberger. (laif / Gunter Gluecklich)

Es ist der Sonderpreis des Max und Moritz-Preises 2020, der an die Comickünstlerin Anke Feuchtenberger geht: eine Ehrung für ihr Lebenswerk, das in der Wendezeit mit selbstgemalten Protestplakaten begann. Seither hat sie Generationen von Comicschaffenden geprägt.

Als Anfang März die Coronapandemie ausbrach, kam in der Künstlerin und Comiczeichnerin Anke Feuchtenberger eine Urangst hoch, wie sie sagt: "Ich kann weder Schuhe bauen, noch kann ich Fahrräder reparieren, noch kann ich Haare gut schneiden." Und sie ergänzt: "Ich bin sozusagen eigentlich gesellschaftlich überflüssig wie die Maus, die gut singen kann, also unnütz. Und da war das mit dem Lebenswerkpreis jetzt plötzlich ein bisschen wie so: Okay, zu irgendwas ist es ja offensichtlich nütze, sonst würde sich ja niemand dafür interessieren."

Der Sonderpreis des Max und Moritz-Preises 2020 ging in diesem Jahr an Anke Feuchtenberger: als Ehrung für ihr Lebenswerk.

Ihr Atelier hat Anke Feuchtenberger in Mecklenburg Vorpommern. Dort, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat, hat sie Räume gefunden, die genug Platz bieten für ihre großformatigen Leinwände und den vielen Schmutz, den die Kohle macht, mit der sie oft zeichnet. Düster seien ihre Bilder aber nicht, findet sie. "Ja, also, ich meine, der Diamant ist purer Kohlenstoff, also für mich sind das diese zwei Enden eines Extrems. Für mich geht es tatsächlich um Licht."

Zeichnungen, die einer Traumlogik folgen

Licht und Dunkelheit legen sich in Feuchtenbergers Kohlezeichnungen auf Szenen, die einer Traumlogik zu folgen scheinen: gebeugte Körper, stumme Blicke, lange Haarsträhnen, oft auch realistisch gezeichnete Tiere. Etwas Abgründiges liegt manchmal in den Bildern, in denen elementare Themen wie Geburt und Tod zum Ausdruck kommen.

"Wenn ich mir hier in meinem Garten die Tierwelt angucke, dann ist das manchmal auch wirklich erschreckend, was es da gibt, ja, also Wühlmäuse, die irgendwie echt nicht so nett aussehen, die dann den ganzen Garten untergraben und alle Bäume anfressen oder irgendwelche Insekten, die Natur ist ja nicht so niedlich."

Anke Feuchtenberger wirkt angenehm unprätentiös, nahbar und ehrlich. Auf dem Foto auf der Website des Comicsalon Erlangens blickt sie freundlich geradeaus, mit Brille, dunkelbraunen hochgesteckten Haaren und einem schwarzem Trench Coat. 1963 in Ostberlin geboren, studierte sie an der Kunsthochschule Weißensee Gebrauchsgrafik und Bildhauerei.

Als Teil der Künstlergruppe "PGH Glühende Zukunft" gestaltete sie zusammen mit Detlef Beck, Henning Wagenbreth und Holger Fickelscherer noch zu Wendezeiten gesellschaftskritische Plakate und Flugblätter.

Die ersten Comics Anfang der 90er-Jahre

Erst Anfang der 90er-Jahre begann Feuchtenberger, ihre ersten Comics zu zeichnen, die damals beim Verlag Jochen Enterprises erschienen. "Und ich hab das nach dem Fall der Mauer auch als eine große Befreiung erlebt, mich sozusagen ungehindert solchen Untersuchungen hingeben zu können, weil in so einer schwierigen persönlichen Phase habe ich den Comic auch wie so eine Befreiung erlebt, indem ich also Gefühle nachvollziehen konnte, auf eine sehr drastische oder auf eine sehr komische Weise, sodass also schwierige erzählerische Sachen plötzlich dann eine andere Art von Leichtigkeit bekommen oder irgendwie einen schwarzen Humor oder so, ja."

Bis heute nutzt Anke Feuchtenberger die Bildsprache in Comics, die sie in erweitertem Sinne auch Bildergeschichten nennt, für eine stark assoziative und subjektive Erzählweise. In "Das Haus", einer Serie im Format von klassischen Comicstrips, die sie Anfang der Nullerjahre für die Berliner Seiten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zeichnete, zeigen die Panels einzelne Körperteile, Gegenstände und Berliner Gebäude, die zusammen eine Liebeserklärung an Feuchtenbergers Heimatstadt Berlin verkörpern.

Später veröffentlichte sie gemeinsam mit der Schriftstellerin Katrin de Vries Geschichten über "Die Hure H", die vom Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern erzählen.

Frauen sind ihre Hauptfiguren

In fast allen Geschichten von Anke Feuchtenberger sind Frauen die Hauptfiguren. "Ich werde sehr oft gefragt, warum würde ich mich mit Frauenthemen beschäftigen oder warum wäre das jetzt schwerpunktmäßig feministisch und so, und das finde ich so verrückt, weil ich denke, es geht doch immer um das Erfassen und Erkennen von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Und das ist eine so umfassende Ungerechtigkeit, die historisch auch irgendwie so lange existiert, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das irgendwie schwerpunktmäßig ein Thema sein könnte, sondern einfach grundsätzlich kommt man daran nicht vorbei."

Als junge Ostdeutsche kam Anke Feuchtenberger 1997 nach Hamburg, wo sie an der Uni akademisches Zeichnen vor gleichaltrigen Studierenden lehrte. Inzwischen hat sie ganze Generationen von Comicschaffenden geprägt, darunter bekannte Namen wie Birgit Weyhe, Simon Schwarz, Alice Socal und Nacha Vollenweider.

Vor allem diejenigen, die sich für experimentelle Erzählformen interessieren, fanden bei Feuchtenberger eine Heimat, wie die Hamburger Künstlerin Marijpol. "Ich hab Bildergeschichten gezeichnet, die schwer einzuordnen waren und bin damit auf Unverständnis gestoßen. Es waren eben Bildergeschichten mit skurrilen und persönlichen Themen in einer Form, die nicht einzuordnen war, irgendwo zwischen Kunst und Illustration. Und Anke Feuchtenberger hatte sofort einen Zugang dazu."

Es geht immer um die Frage, wie man leben soll

Dabei war das Fach Comic von Hochschulseite ursprünglich nicht erwünscht, erinnert sich Anke Feuchtenberger. "Und über so kleine extra Workshops ist der Comic da mehr und mehr rein gekommen, weil es nachgefragt wurde. Und weil Aktzeichnen dann irgendwann auch ein bisschen langweilig ist", sagt sie.

"Natürlich mache ich das nach wie vor, man kann in meine Zeichenkurse kommen und dann ganz akademisch Zeichnen studieren, aber ich fand es auch wichtig, diesen erzählerischen Aspekt – weil: Das ist das Interessante vielleicht, es geht immer um Fragen, wie man leben soll. Das sind ganz tiefgreifende, quasi philosophische Fragen, die in diesen Comickursen auch gestellt werden."

Von der Sesshaftigkeit und Abgesichertheit einer Professorin, die gerade für ihr Lebenswerk geehrt wird, ist bei Anke Feuchtenberger nichts zu spüren. Mit ihrer ungebrochenen Lust an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten hat Feuchtenberger nicht nur zahlreiche Zeichnerinnen und Zeichner inspiriert und gefördert.

Sie steht auch wie keine andere Künstlerin in Deutschland für eine Generation von Comic-Avantgardisten, die in den 90er-Jahren die Grenzen des Erzählens und Zeichnens neu ausprobiert und so den Weg für den künstlerischen Comic geebnet haben.

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