Comic

Wunderbare Zeichnungen

Ein Besucher der Hergé-Ausstellung im Centre Pompidou vor einer vergrößerten "Tim und Struppi"-Zeichnung. © AP
Von Eva Hepper · 01.01.2014
Das Museum Hergé, das dem Comiczeichner Hergé gewidmet ist, hat ein Buch über Tim und Struppis Welt herausgebracht. Die Gestaltung ist herausragend.
Mit einem Empfangskomitee hatte Neil Armstrong wohl am wenigsten gerechnet. Doch als er 1969 seinen Fuß auf den Mond setzte, wurde er dort herzlich willkommen geheißen. In orangefarbenen Raumanzügen, Blumen schwenkend und "Welcome"-Schilder hochhaltend, erwarteten Tim und Struppi, Professor Bienlein und Kapitän Haddock den Astronauten. Immerhin waren sie schon fast 20 Jahre zuvor zum Mond geflogen. Schön, dass es die Amerikaner nun auch geschafft hatten: "Bienvenue sur al lune, Mr. Armstrong!"
Hergé hatte sich den Spaß dieser Begegnung unmittelbar nach der Mondlandung des Apollo 11-Teams ausgedacht. Die wunderbare Zeichnung befindet sich heute im Besitz des Musée Hergé, das 2009 im belgischen Louvan-la-Neuve unweit von Brüssel eröffnet wurde. Nun hat dieses weltweit einzige einem Comiczeichner gewidmete Museum eine große Publikation zu "Tim und Struppis Welt" herausgebracht - mit Hunderten von Abbildungen, Fotografien und kurzen Begleittexten.
21 Zentimeter mal 21 Zentimeter groß, vier Zentimeter dick und fast zwei Kilo schwer, gleicht das Buch einem Objekt. Seine Gestaltung ist herausragend. So schlicht wie überzeugend etwa wurde allein Tims Profil - als schwarze Linie per Tiefdruck - ins weiße Cover geprägt, auf dem Buchrücken prangt in dicken Lettern weiß auf rot der Titel, und der Buchschnitt erscheint rot-weiß gewürfelt wie die berühmte Mondrakete.
Hinreißend aufbereitetes Hergé-Universum
Das fabelhafte Design setzt sich im Inneren fort mit einem klugen Arrangement der teils farbigen, teils schwarzweißen Abbildungen und Fotografien. Gezeigt werden im Groß- und Kleinformat Einzelbilder, Bildersequenzen und Details aus allen 24 Tim und Struppi-Alben sowie Entwürfe, Illustrationen, Studien, Skizzen, Vorzeichnungen, Blaupausen und eine Vielzahl des Recherchematerials Hergés. So lässt sich die Entstehungsgeschichte der Alben bestens nachvollziehen. Etwa wenn eine Doppelseite Standfotos aus einem Piratenfilm der 1930er-Jahre samt dazugehörendem Filmplakat zeigt, sowie Zeichenstudien zu Kapitän Haddock und mehrere Comic-Panels aus "Das Geheimnis der Einhorn".
Die das Buch strukturierenden Texte spielen eine Nebenrolle. In aller Kürze werden die Geschichte des Hergé-Museums erläutert, der Werdegang des 1907 als Georges Remi geborenen Zeichners beschrieben und sämtliche Tim und Struppi-Helden wie etwa Bienlein, die Castafiore oder Schulze und Schulze mitsamt den Alben vorgestellt - vom ersten 1929 erschienenen bis zum letzten; durch den Tod Hergés 1983 Fragment geblieben. Auch wichtige Einflüsse, die Bedeutung des Erfinders der Ligne Claire für die Comicwelt, aber auch seine problematischen Anfänge als jugendlicher Illustrator in einem antisemitischen und erzkonservativen Umfeld werden thematisiert.
Die Stärke des Buches jedoch ist seine optische Opulenz. Tatsächlich ist es die reine Freude, sich in dieses so hinreißend aufbereitete Hergé-Universum hineinfallen zu lassen. Kleinere Mängel, wie etwa zusammenklebende Seiten und französisch-sprachige Sprechblasen, die nicht übersetzt werden, lassen sich da leicht verzeihen.

Musée Hergé: Tim und Struppis Welt
Aus dem Französischen übersetzt von Ursula Held und Elsbeth Ranke
Knesebeck Verlag, München 2013
480 Seiten, 49,95 Euro

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