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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.10.2015

Claus Leggewie über Pegida"Der Mob inszeniert sich als Lynchmob"

Claus Leggewie im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

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Auf einer Kundgebung der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung in Dresden am 12.10.2015 hält ein Demonstrant einen Galgen hoch, an dem zwei Schilder hängen. Darauf steht "Reserviert für Angela Merkel" und "Reserviert für Siegmar Gabriel". (picture alliance / dpa / Markus Schreiber)
Ein Pegida-Demonstrant würde Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel offensichtlich am liebsten am Galgen sehen. (picture alliance / dpa / Markus Schreiber)

Der Galgen auf der Dresdner Pegida-Demonstration ist für den Politologen Claus Leggewie eine "Mordfantasie" mit klarer nationalsozialistischer Konnotation. Die Polizei müsse gegen die "Gesinnungstäter von weit rechts" einschreiten.

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie hat den Galgen, der am Montag bei der Pegida-Demonstration in Dresden gezeigt wurde, scharf kritisiert: "Die Verachtung für die politischen Eliten steigert sich in die Mordfantasie." Der Mob inszeniere sich als Lynchmob: "Was Pegida da 'lustigerweise' fantasiert, ist der quälende Erstickungstod unserer Regierungsspitze."

"Hier ist der Urheber dieser Installation eindeutig zu weit gegangen", sagte Leggewie. "Das ist nicht mehr durch die Meinungsfreiheit gedeckt, wie der Meinungs- und Medienkritiker Bachmann uns weismachen will. Man muss sich klarmachen, was ein solcher Galgen in der kollektiven Bildgeschichte bedeutet." Er verwies unter anderem auf bildliche Darstellungen der Hinrichtung des Stuttgarter Juden Joseph Süß Oppenheimer 1738, die von den Nazis in dem Propagandafilm "Jud Süß" aufgegriffen wurden. 

Der Galgen habe eine eindeutig rechtsextremistische Bildkonnotation; er sei als Hinrichtungsinstrument in Deutschland abgeschafft gewesen, bis die Nationalsozialisten ihn wieder eingeführt hätten. "Das war ein über Jahrhunderte gewohntes Hinrichtungsinstrument und gleichzeitig etwas, was der Mob schnell herstellen konnte, um jemanden, der ihnen unliebsam war, aufzuknüpfen. Das waren sklavenfeindliche Soldaten oder eben Mörder, die öffentlich hingerichtet wurden."

Als ein besonders grausames Tötungsinstrument sei der Galgen ein Instrument für den Mob, "mit dem in der Naziherrschaft Widerstandskämpfer, Deseurteure, Asoziale, wie man damals sagte, und eben Menschen in den Vernichtungslagern" getötet wurden, erläuterte Leggewie.

"Gesinnungstäter von rechts"

Wer jetzt noch bei den Pegida-Demonstrationen mitlaufe, könne sich nicht mehr als besorgter Bürger bezeichnen, warnte Leggewie: "Der weiß, hinter wem er herläuft. Das waren immer Gesinnungstäter von weit rechts." Die Polizei müsse so etwas wie den Galgen oder die Guillotine auf der TTIP-Demonstration am Samstag einkassieren und die Träger dieser "Installationen" müssten strafrechtlich verfolgt werden. Leggewie appellierte an andere Demonstranten, solche Ideen nicht lustig oder kreativ zu finden, sondern einzuschreiten.

Der Essener Politikwissenschaftler Claus Leggewie am 25. Februar 2015 (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)Der Essener Politikwissenschaftler Claus Leggewie am 25. Februar 2015 (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)

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