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Lesart | Beitrag vom 26.11.2020

Clare Carlisles Kierkegaard-BiografieVom Dandy zum Sokrates

Von Michael Opitz

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Buchcover zu Clare Carlisle: "Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard" (Klett-Cotta/Deutschlandradio)
Nur halb so dick wie Joakim Garffs Standardwerk und auch nur halb so gewichtig: Clare Carlisles Kierkegaard-Biografie. (Klett-Cotta/Deutschlandradio)

In ihrer Kierkegaard-Biografie deutet Clare Carlisle den dänischen Denker vor dem Hintergrund seiner gescheiterten Liebesbeziehung. Und kann damit nicht immer ganz überzeugen.

Claire Carlisle beginnt ihre Sören Kierkegaard-Biographie mit dem Jahr 1843. Wir begegnen dem 1813 geborenen Philosophen, als er sich gerade auf der Rückreise von Berlin nach Kopenhagen befindet. Zum zweiten Mal weilte er in der preußischen Metropole. Doch diese Reise war, was den wissenschaftlichen Ertrag anbelangt, weniger erfolgreich als sein erster Berlin-Aufenthalt (Oktober 1841 bis März 1842). Fern der Heimat hatte er damals Teile von "Entweder-Oder" fertigstellen können, seinem 1843 erschienenen Buch, mit dem Kierkegaard bekannt wurde. Die Veröffentlichung kam einem philosophischen Paukenschlag gleich. Zunächst als Dandy stadtbekannt, glaubte man nun, in ihm den "Sokrates Kopenhagens" zu erkennen.

Blick ins Herz

Kierkegaards Leben rekonstruiert die am King’s College in London Philosophie lehrende Autorin anhand der bekannten Lebensstationen des Philosophen. Kierkegaard, der Theologie studierte, wurde mit einer Magisterarbeit über den Begriff der Ironie promoviert. Als freier Autor hat er zwischen 1838 und seinem Todesjahr 1855 dreiundvierzig Einzeltitel in Buchform veröffentlicht. Dazu zählen unter anderem Bücher wie "Die Krankheit zum Tode", die "Philosophischen Brocken" und "Der Begriff der Angst". Ausführlich werden die Schriften interpretiert und im zeitlichen Kontext verortet. Abgesichert durch ein stattliches Erbe, konnte er bis zu seinem Lebensende ein in jeglicher Hinsicht unabhängiges und von gesellschaftlichen Konventionen freies Leben führen. Nie war er gezwungen, aus finanziellen Gründen Kompromisse einzugehen. Ohne Kierkegaard, dem die Ausbildung des eigenen Selbst ein zentrales Anliegen seiner philosophischen Schriften war, wäre der Existentialismus Jean-Paul Sartres undenkbar gewesen.

Das Werk Kierkegaards ist ebenso gut erschlossen wie die Lebensgeschichte des Mannes, der sich scheinbar grundlos und zur Empörung der gehobenen Kopenhagener Gesellschaft von seiner Verlobten Regine Olsen getrennt hatte. Wie ein roter Faden zieht sich diese entscheidende Wende in seinem Leben durch Carlisles Biografie. Unter Berufung auf die schwedische Autorin Frederika Bremer, stellt sie Kierkegaard als den "Philosoph des Herzens" vor, der "vor allem die Frauen" zu begeistern wusste. Vor allem? Besonders interessiert sich Carlisle dafür, wie Kierkegaard versucht hat, die Frage nach dem "Sinn des Menschseins" zu beantworten.

Kein Standardwerk

Vor einigen Jahren hat der ausgewiesene Kierkegaard-Forscher Joakim Garff eine bemerkenswerte, mehr als neunhundert Seiten umfassende Kierkegaard-Biografie (2004) vorgelegt, die 2000 zunächst auf Dänisch erschien. Akribisch hat er aus dem Archiv werkspezifisches und biografisches Material in einer staunenswerten Fülle zusammengetragen. Auf Garffs Werk weist Claire Carlisle allerdings nur im vorletzten Kapitel ihres Buches hin: eine "reichhaltige, anspruchsvolle Biografie". Wissenschaftlich setzt sie sich mit dem Standardwerk der Kierkegaard-Forschung jedoch nicht auseinander.

Vergleicht man beide Biografien, dann wird deutlich, dass Carlisle über Kierkegaard nicht mehr mitzuteilen weiß als das, was man bei Garff bereits lesen konnte – bei ihm allerdings detaillierter, überzeugender und in der Darstellung profunder. Insofern ist der Neuwert dieser "neuen" Biografie – der "Observer" fand sie "fesselnd" – eher gering. Garff bleibt das Maß, an dem sich Kierkegaard-Biografien auch in Zukunft werden messen lassen müssen.

Clare Carlisle: "Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard"
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula Held und Sigrid Schmid
Klett-Cotta, Stuttgart 2020
454 Seiten, 28 Euro

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