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Fazit | Beitrag vom 09.12.2019

"Circular Flow" im Kunstmuseum BaselVon Sklaven und modernen Leibeigenen

Von Johannes Halder

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Man sieht den Prototyp eines Käfig, entwickelt für die Firma Amazon, der dann aber nicht gebaut wurde, im Ausstellungsraum, in dem die Arbeiter sitzen sollten. Der Käfig hat einen Greifarm an der Seite und Rollen drunter. (Kunstmuseum Basel / Gina Folly)
Der Künstler Simon Denny hat einen fahrbaren Käfig nachgebaut, den die Firma Amazon 2016 patentieren lassen wollte und mit dem Angestellte im Lager arbeiten sollten. (Kunstmuseum Basel / Gina Folly)

Wie die Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Welt seit dem 16. Jahrhundert verändert hat, zeigt die Ausstellung "Circular Flow" mit künstlerischen Mitteln. Besonders erschreckend: Der Nachbau eine Käfigs, den Amazon für seine Arbeiter entwickelt hat.

Das Thema ist gewiss nicht neu. Schon im 16. Jahrhundert hatten niederländische Maler dargestellt, wie ganze Armeen bewaffneter Handelsschiffe über die Meere segelten, um die Welt ökonomisch zu erobern und ferne Kolonien auszubeuten. Und Pieter Bruegel d. Ä. schildert um 1570 in einem Kupferstich, wie Landarbeiter in den Gärten ihrer Herrschaften schuften, während diese sich gleich daneben ungeniert vergnügen.

In dem Kupferstich "Tulpengärtnerei" von Pieter Bruegel d. Ä. sieht man, im Vordergrund wie Landarbeiter in den Gärten ihren Herrschaften schuften, während diese sich im Hintergrund ungeniert vergnügen.   (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett)In seinem Kupferstich "Tulpengärtnerei" stellt Pieter Bruegel d. Ä. die Ungleichheit zwischen Landarbeitern und den Herrschaften dar. (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett)

Beide Beispiele sind hier zu sehen, und wenn uns der chinesische Regisseur Wang Bing in einem 15 Stunden langen Film den unerträglichen Alltag chinesischer Textilarbeiter vor Augen führt, deren Schicht eben jene 15 Stunden dauert, ist klar, dass sich an der beklagenswerten Ungleichheit zwischen Arm und Reich so gut wie nichts geändert hat, sagt der Kurator Søren Grammel:

"Die Ausstellung schlägt da eigentlich einen Bogen bis zurück zum Beginn des 16. Jahrhunderts, wo die Globalisierung beginnt, nämlich mit der sogenannten Entdeckung der Welt, die auch eine Eroberung und Vereinnahmung der Welt war, und wo eigentlich ganz viele der Spielregeln, die damals aufgebaut worden sind, eine Kontinuität natürlich für die heutige Situation haben."

Ein Käfig als optimierter Arbeitsplatz

In dreizehn Räumen breitet sich das Drama aus. Da sehen wir die originale Steuererklärung eines amerikanischen Sklavenhalters von 1815, in der 140 Menschen als Besitz deklariert sind wie Kutschen oder Vieh. Fassungslos stehen wir vor einem bizarren Metallkäfig, den der neuseeländische Künstler Simon Denny nachgebaut hat. Es ist – man mag’s kaum glauben – ein optimierter Arbeitsplatz für den Amazon-Konzern, der seine Beschäftigten wie Leibeigene behandelt und kontrolliert.

"Das ist ja diese irre Geschichte, dass Amazon Patent eingereicht hat beim amerikanischen Markenamt über einen Käfig, in dem die Arbeiter dann drin sitzen. Der ist von außen verriegelbar, nicht von innen, so dass man quasi eingesperrt ist. Da sind Greifarme dran, Rollen drunter. Die Idee war, damit können die in gewissen Lagerbereichen eben herumrollen, die Waren entnehmen über die Greifarme. Und das Komische ist ja, dass der Amazon-Gründer Jeff Bezos, derzeit geschätzt der reichste Mensch der Welt, dass sich solche Leute oder die Leute, die für solche Leute in solchen Firmen arbeiten, solche Erfindungen ausdenken", so Søren Grammel.

Wenn die Welt zur Ware wird

Der Käfig wurde dann zwar nie gebaut, doch der Konzern hat inzwischen raffiniertere Methoden auf Lager. Die Mentalität ist die gleiche. Die Schau versucht ein bisschen viel. Sie behandelt Klimawandel und Rohstoffmonopole, Migration und Menschenhandel, Finanzmarkt, Kriege und Verteilungskonflikte, Kapitalströme, die außer Kontrolle geraten sind.

Das System ist nicht mehr greifbar, sondern fluktuiert durch die ganze Welt, die damit zur Ware geworden ist, mit prosperierenden Metropolen und ausgebeuteten Peripherien.

Manches ist mehr soziologische Studie als Kunstwerk, man muss sich mühsam durcharbeiten. Da gibt es eine 14 Meter lange Wandtapete über die Verflechtungen des globalen Ölgeschäfts oder die Arbeit von Andreas Siekmann, der in jahrelanger Fleißarbeit erschreckende Fakten zu den Saatgut-Monopolen zusammengetragen hat. Die Frage ist nur, wer sich hier die Zeit nimmt, diese Schautafeln zu studieren?

Stellwände im Ausstellungsraum der Installation "In the Stomach of the Predators" von Andreas Siekmann vermitteln Zusammenhänge rund um die Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt.  (Kunstmuseum Basel - Gina Folly  )Installation "In the Stomach of the Predators" von Andreas Siekmann vermittelt Zusammenhänge rund um die Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt (Kunstmuseum Basel - Gina Folly )

Und wenn der irische Künstler Richard Mosse das menschliche Elend der berüchtigten Flüchtlingslager auf Lesbos in perfekt durchkomponierten Videos verarbeitet, hat man das Gefühl, dass er das Grauen eher ästhetisch ver-klärt als er-klärt.

Freilich: Lösungen gibt es hier keine, und eine Absolution unseres schlechten Gewissens durch die Kunst schon gar nicht. Andererseits: Die rot und weiß gesprenkelte Tulpe, die Maria Sibylla Merian um 1680 aquarelliert hat, ist nicht weniger schön, wenn man weiß, dass die exotischen Blumen damals Spekulationsobjekte waren, die den ersten dokumentierten Crash der Wirtschaftsgeschichte ausgelöst haben. Und so hat der Kurator keine Angst, dass die ästhetischen Appelle dieser äußerst anregenden Schau wirkungslos verpuffen:

"Die Kunst ist ja nicht selber die Politik. Aber die Kunst, die schafft doch Bilder, Gedankenanstöße, die eben Bewusstsein bilden. Da fängt es halt an, oder? Irgendwo muss es anfangen!"

Die Ausstellung "Circular Flow – Zur Ökonomie der Ungleichheit" ist im Kunstmuseum Basel bis zum 3. Mai 2020 zu sehen.

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