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Buchkritik | Beitrag vom 23.03.2021

Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten"Familientragödie in dystopischem Setting

Von Wolfgang Schneider

Das Cover zu "Der Fallmeister" von Christoph Ransmayr zeigt einen Vogel, der unter Wasser nach einem kleinen Fisch schnappt. Das Cover liegt auf einem orangenem Aquarell. (Deutschlandradio / S. Fischer)
Ein Roman voll magischem Surrealismus - doch insgesamt wirkt die Handlung von "Der Fallmeister" überkonstruiert. (Deutschlandradio / S. Fischer)

Ein Sohn hadert mit seinem Vater, der ein mehrfacher Mörder sein soll. In seinem neuen Roman verbindet Christoph Ransmayr eine intime und tragische Familiengeschichte mit einer globalen Dystopie. Doch am Ende steht Vergebung.

"Mein Vater hat fünf Menschen getötet", lautet der erste Satz des Romans "Der Fallmeister". Es ist ein typischer Ransmayr-Einstieg: schicksalsschwer, gleich aufs Ganze gehend und von lakonischer Wucht. Ein erzählerischer Extremismus kündigt sich an, der mittlere Gefühllagen verschmäht und den Alltag nicht kennt.

Der Vater, ein jähzorniger Mann

Der Roman spielt in der fiktiven Grafschaft Bandon, wo es einen tosenden, weißen Fluss gibt und einen vierzig Meter hohen Wasserfall, an dem der Fallmeister als Wärter der Schleusentore seinen Dienst verrichtet. Er ist ein jähzorniger Mann, der mit seiner furchterregenden Stimme Mensch und Tier einschüchtert. Nun aber soll er sogar gezielt getötet haben, indem er die Schleusentore zur Unzeit geöffnet hat, sodass ein Boot im reißenden Wasserstrom kenterte.

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Der Sohn des Fallmeisters ist der Ich-Erzähler des Romans. Er hadert mit dem Vater, will ihn für seine "Morde" zur Rechenschaft ziehen. Aber der Vater hat ein Jahr nach dem Unglück, vom Schuldgefühl gequält, Suizid am Wasserfall begangen. Es gibt indes auch Anzeichen, dass es sich dabei nur um eine geschickte Inszenierung handeln könnte.

Zunächst wird von der Kindheit und Jugend im tiefen Flusstal erzählt – einer verwunschenen, fast märchenhaften Wasserwelt, in der allerdings auch viel Irritierendes geschieht: Der Ich-Erzähler beginnt als Kind, mutwillig Tiere zu töten. Seine Mutter wird auf eine kriegsverwüstete Adria-Insel deportiert. Und mit seiner Schwester Mira, die an der Glasknochenkrankheit leidet, verbindet ihn bald eine exklusive, inzestuöse Liebe.

Wassersyndikate als neue globale Elite

Später arbeitet der Erzähler als Hydrotechniker an den großen Strömen mehrerer Kontinente und gehört damit zur neuen globalen Elite der Wassersyndikate. Der Roman zeichnet eine Welt, die in lauter Scherben zerfallen ist.

Die größeren Länder sind verschwunden, es gibt stattdessen viele bissige, in zahllose Kriege verwickelte Kleinstaaten, Fürstentümer, Stammesgebiete und Clan-Bezirke. Und je geschrumpfter das Territorium, desto fanatischer das Gefühl der eigenen ethnischen Überlegenheit – eine sarkastische Kritik am Nationalismus.

Globale Größen sind nur noch die Wassersyndikate. Denn trinkbares Süßwasser ist ein umkämpftes Gut geworden in einer Welt, in der vielerorts Dürre herrscht, während andere Gebiete – wie Norddeutschland – vom Meer überschwemmt sind.

"Der Fallmeister" verbindet nicht immer ganz überzeugend eine ungemein weltläufige Dystopie mit der intimen Geschichte einer von verstörenden Leidenschaften heimgesuchten Familie. Der Erzähler, der seinen Vater wegen vermeintlicher Morde zur Rechenschaft ziehen will, tötet schließlich selbst den ihm liebsten Menschen auf der Welt: seine Schwester Mira.

Gelegentlich stört die preziöse Morbidität

Dicht geknüpft ist die Motivik des Romans. Sie ist bestimmt vom Wasser, seinem Wechselcharakter als lebensspendende und tödliche Kraft, und vor allem dem Phänomen der Strömungsumkehr, das bei zahlreichen Ereignissen des Romans symbolische Deutungskraft gewinnt.

Großartig sind viele Passagen, in denen die in Kriegen, Naturkatastrophen und Wasserwirren versunkene Welt beschrieben wird – magischer Surrealismus. Insgesamt aber wirkt die Handlung etwas überkonstruiert und unfokussiert. Gelegentlich stört die preziöse Morbidität, die Ransmayrs Prosa seit je zu gefährden droht.

Am Ende gibt es eine überraschend positive Wendung. Dem Ich-Erzähler geht bei einem Besuch bei seiner Mutter auf der vergifteten und ausgedörrten Adriainsel Cres auf, dass er jahrzehntelang in einer Illusion gelebt hat. Staunend erfährt er, was Vergebung bedeutet.

Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten"
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021
220 Seiten, 22 Euro

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