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Fazit | Beitrag vom 20.09.2020

Christoph Marthalers "Das Weinen (Das Wähnen)" Heilung durch Wortsalat

Von Christian Gampert

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Szene aus Christoph Marthalers "Das Weinen" am Schauspielhaus Zürich: Auf der einer Apotheke ähnelnden Bühne sieht man links eine ältere Schauspielerin mit weißem Haar (Nikola Weisse), die Papiere studiert, während im Hintergrund an der Wand vier weitere jüngere Schauspielerinnen (Liliana Benini, Elisa Plüss, Susanne-Marie Wrage, Olivia Grigolli) an Medikamenten-Regalen herumräumen, über denen in Leuchtschrift von links nach rechts die Überschriften "FIT", "AUGE", "DARM" und "HAUT" stehen.  (Gina Folly )
Szene aus Christoph Marthalers "Das Weinen" am Schauspielhaus Zürich nach Texten von Dieter Roth: Vorliebe für die Verwitterung von Geist, Körper und Schokolade. (Gina Folly )

Regisseur Christoph Marthaler inszeniert sein jüngstes Werk am Schauspielhaus Zürich als dadaistisches Nonsens-Theater über Vergänglichkeit. Fünf weiß gekleidete Damen zerhacken und verwursteln dabei Texte des Künstlers Dieter Roth.

Dekadenz und Nonsens passen gut zusammen. Die poetischen Texte von Dieter Roth, der eigentlich eher für seine Schokoladen-Installationen und Schimmelbilder bekannt ist, zerlegen Sprache und Wirklichkeit in einen dadaistischen Wortsalat. Und Christoph Marthaler nimmt das gern auf, um während der Corona-Krise auf gewohnt absurde Weise über die Vergänglichkeit nachzudenken.

Duri Bischoff hat eine aseptische Apotheke auf die Züricher Pfauen-Bühne gebaut, in der es Heilmittel für Blase, Magen, Herz, Auge, Darm und sogar für die Nerven gibt. Dort tänzeln, gestikulieren und parlieren fünf weißgekleidete Pharmazeutinnen, Hilfsschwestern der Poesie.

Weiße Pharma-Engel

Ziemlich bald ist klar, dass nicht die in den Regalen stehenden Medikamente die Heilung der Menschheit befördern, sondern der Unsinn von Dieter Roths Texten, die von den weißen Pharma-Engeln mit Hingabe wiederholt, paraphrasiert, verwurstelt, zerhackt und auch choreographiert werden. Dazu Musik von John Dowland, Schubert, Tschaikowsky und Mozart, zum Teil hingebungsvoll gesungen, zum Teil vom Plattenspieler.

Wenn die Schauspielerin Nikola Weisse einen Beipackzettel vorliest, begreift man, dass fast alles schädlich ist, das ganze Leben, und dass jede Nebenwirkung eine neue Nebenwirkung hervorruft. 

Warum Marthaler sich nebenbei ausgiebig über Männer lustig machen muss, bleibt ein Geheimnis: ein kleiner Mann mit Pepitahut und Karoanzug wird von den Frauen wie eine Puppe herumgetragen – er bricht als helvetischer Jesus am Ende unter seinem Schweizer Kreuz zusammen. Über weite Strecken ist der Abend aber Marthaler at his best.

"Das Weinen (Das Wähnen)" von Christoph Marthaler nach Texten von Dieter Roth am Schauspielhaus Zürich - weitere Vorstellung bis 30. Otkober 2020

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