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Frühkritik | Beitrag vom 10.05.2019

Christine Lehmann: "Die zweite Welt"Ein hinreißendes Duo auf Leihfahrrädern

Von Sonja Hartl

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Im Vordergrund ist das Cover des Krimis "Die zweite Welt" von Christine Lehmann. Im Hintergrund ist ein Blick über Stuttgart – die Stadt liegt in einem Tal, umrahmt mit Bergen. (Ariadne / Picture Alliance / dpa / Benjamin Beytekin)
Schauplatz der Ermittlungen: In Stuttgart kündigt ein Unbekannter einen Anschlag auf die Frauentagsdemo an. (Ariadne / Picture Alliance / dpa / Benjamin Beytekin)

Rechtspopulismus, Sexismus und andere Diskursverbrechen: Lisa und Tuana müssen in dem Krimi "Die zweite Welt" einen Anschlag und eine Zwangsheirat verhindern. Christine Lehmann erzählt die Geschichte mit klarer Haltung.

"Die Furien sind unter uns, die Megären und Mörderinnen." Verwirrt wacht Lisa Nerz am 8. März, dem Weltfrauentag, auf. Hat sie diesen Satz geträumt? Oder wurde gerade im Radio tatsächlich vor mordenden Frauen gewarnt?

Möglich wären solche Sätze ja, in einer Zeit, in der Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind, vor der "Umsexung der Welt" gewarnt wird und allenthalten Frauen diffamiert, angegriffen und bedroht werden. Und tatsächlich hat ein Mann beim SWR angerufen, um einen Anschlag auf die bevorstehende Frauentagsdemo in Stuttgart anzukündigen.

Hilfe für Freundin

An einem einzigen Tag spielt "Die zweite Welt" von Christine Lehmann. An diesem Tag – dem 8. März – muss ihre langjährige Protagonistin, die Journalistin Lisa Nerz, einen Anschlag und eine potentielle Zwangsheirat verhindern. Tuana, die Tochter ihrer Nachbarn, befürchtet ihre beste Freundin Sosan könnte von ihren Eltern in die Türkei geschickt werden. Also bittet sie Lisa um Hilfe und begleitet sie im "Mantel, Hidschab, Abaya, Schuhe und Lippenstift perfekt aufeinander abgestimmt, eine Hymne von Flieder, Pink, Rosé, Violett und Brombeer" bei den Nachforschungen.

Vielen selbsternannten Ehrenmännern begegnen Lisa und Tuana bei ihren Nachforschungen in Stuttgart. Darunter sind Anhänger der Partei des Gesunden Menschenverstands, eine kaum verhüllte Anspielung auf die AFD, und potentielle "Unfrens", Unfreiwilligen Enthaltsame, also "Männer, die gerne würden, aber keine Frau finden, die mit ihnen will", auch bekannt als "Incels".

Vornehmlich auf Leihrädern ist das hinreißende Duo unterwegs. Lisa und Tuana reden viel, diskutieren und debattieren, sie werden angetrieben von der Leidenschaft, ja, dem Zorn, den Zustand der Welt nicht hinzunehmen.

In ihren Gesprächen miteinander und mit anderen streifen sie vergangene und aktuelle feministische Debatten. Vereint sind Lisa, Tuana, Lisas Freund Richard und alte Weggefährtinnen vom Kulturzentrum gegen die Neofaschisten und Frauenhasser. Miteinander diskutieren sie aber leidenschaftlich über widersprüchliche Haltungen zu Religion, Kopftuch, Selbstbestimmung und andere Themen.

Zahlreiche aktuelle Diskurse

Mühelos und mit Verve verbindet Christine Lehmann aktuelle Diskurse: Es geht um illegale Parteienfinanzierung, verdeckte PR-Kampagnen, die Umdeutung, die Worte wie Vielfalt und Freiheit von rechter Seite erfahren, und immer wieder um Feminismus. Es ist begeisternd, wie eindeutig der Roman dafür plädiert, eine klare Haltung zu beziehen und sich nicht einschüchtern zu lassen – und wie er zugleich deutlich macht, dass dazu auch gehört, Widersprüche auszuhalten.

Wenn schließlich hunderttausende Menschen auf einer Demo vereint sind, Plakate gegen "sexistische Kackscheiße" in die Luft halten und gegen Lohnungleichheit, sexuelle Gewalt sowie für "Free Bleeding" protestieren, dann bleibt am Ende vor allem die Hoffnung, dass Bedrohung, Angst und Hass nicht gewinnen werden.

Christine Lehmann: "Die zweite Welt". Roman
Ariadne Argument, Hamburg 2019
255 Seiten, 13 Euro

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