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Lesart | Beitrag vom 29.06.2018

Christine Lavant: "Erzählungen aus dem Nachlass"Sie war nie so bekannt, wie sie es verdient hätte

Von Michael Opitz

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Cover vom vierten Band der Sammlung der Werke von Christine Lavant, im Hintergrund das Gemälde "Hölle der Vögel" von Max Beckmann. (Wallstein Verlag / Christies / dpa)
Cover vom vierten Band der Sammlung der Werke von Christine Lavant, im Hintergrund das Gemälde "Hölle der Vögel" von Max Beckmann. (Wallstein Verlag / Christies / dpa)

40 Erzählungen von Christine Lavant wurden zu ihren Lebzeiten nie veröffentlicht. Ihr Prosawerk hat sie zurückgehalten, aus Scheu, zu viel von sich preiszugeben. Nun erscheint der vierte Band der Werkausgabe mit "Erzählungen aus dem Nachlass".

"Ich hab ja Prosa auch geschrieben, viel eigentlich, nur ist sie nicht bekannt." So äußerte sich Christine Lavant 1968 in einem Interview, das sie dem Österreichischen Rundfunk gab. Zwanzig Jahre später, als Thomas Bernhard einen Band mit ihren Gedichten veröffentlichte, würdigte er uneingeschränkt ihre "große Dichtung", aber selbst die Lyrikerin war seiner Meinung nach "in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient hätte, bekannt."

Dass neben der Lyrikerin nun auch die "große" Prosaautorin entdeckt werden kann, ist ein Verdienst des Göttinger Wallstein Verlags, der 2014 damit begonnen hat, eine auf vier Bände konzipierte Werkausgabe herauszugeben. Mit den Erzählungen aus dem Nachlass liegt nun der letzte Band dieser Ausgabe vor.

Ausgegrenzt wegen Skrofulose

Unter dem Pseudonym Christine Lavant debütierte die 1915 in ärmlichen Verhältnissen im Lavanttal geborene Christine Thonhauser mit der Erzählung "Das Kind" (1948). Eigene Krankheitserfahrungen bilden den Hintergrund des autobiografisch grundierten Textes. Die Prosa, die Christine Lavant geschrieben hat, basiert auf Erlebtem: Ich kann ja nichts Unwirkliches schreiben, bekannte sie in einem Interview. Eigene existentielle Erfahrungen liegen auch der Prosaerzählung "Das Krüglein", ihrer zweiten, 1949 erschienenen Erzählung zu Grunde.

Als Kind erlebte sie in der Schule ihre "Ursituation" – sie wurde wegen ihrer Hautkrankheit verspottet und ausgegrenzt. Geboren als jüngstes von neun Kindern, litt sie an Skrofulose, einer Arme-Leute-Krankheit. Als Folge dieser Krankheit drohte sie mit neun Jahren zu erblinden und musste in einer Klinik behandelt werden, ein zweiter Krankenhausaufenthalt wurde 1927 notwendig, als sie an Lungentuberkulose erkrankte. Schließlich kam sie 1935 in die Klagenfurter "Landes-Irrenanstalt" wegen eines Suizidversuchs.

Der gequälte Mensch im Zentrum

Von den sechs Wochen, die sie als Patientin in der Psychiatrie zubringen musste, handelt ihre 2001 posthum veröffentlichte Erzählung "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus". Sehr genau wird in dieser Erzählung aus der Perspektive der Ich-Erzählerin beschrieben, wie die Patienten erniedrigt und beleidigt werden. In den Dialogen, die vor diesem Hintergrund mit Gott geführt werden, wird geklagt und zugleich angeklagt. Neben diesem Prosatext, der zum Besten gehört, was Lavant geschrieben hat, finden sich vierzehn Erzählungen in dem Band – u.a. die von der Autorin zur Veröffentlichung freigegebenen Texte "Der Taschendieb" und "Honighälslein" – sowie der Brief über "Armut und Liebe" und zwei mit der Autorin geführte Interviews.

Den 1946 geschriebenen Text "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" wollte ihre in England lebende Freundin Nora Wyndenbruck Ende der fünfziger Jahre zusammen mit "Das Krüglein" und "Das Kind" unter dem englischen Titel "The Unlettered Child, A True Story" veröffentlichen, erschienen ist das Buch allerdings nie. Mit dem Schluss der "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" war Christine Lavant nie zufrieden. Wie sie an dem vermeintlich abgeschlossenen Text weitergearbeitet hat, verdeutlichen nun zwei in diesem Band veröffentlichte Fragmente. In "Hier setze ich meine Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus fort", der Titel stammt von den Herausgebern, versucht sie Jahre später den abgerissenen Erzählfaden wieder aufzunehmen, was nicht glücken will und auch nur in Ansätzen – einem Herztausch – in "Mein ganzes merkbares Glück" gelingt.

Im Zentrum von Christine Lavants Prosatexten steht der leidende und gequälte Mensch, der hineingeboren wird ins Unglück; der sein Gottvertrauen verliert, aber nicht seine Würde.

Christine Lavant: "Erzählungen aus dem Nachlass"
Mit ausgewählten biografischen Dokumenten
Hrsg. v. Klaus Amann und Brigitte Strasser
Wallstein Verlag, Göttingen 2018
817 Seiten, 38,80 Euro

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