Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 28.05.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Lesart | Beitrag vom 07.04.2020

Charlotte Roche, Martin Keß-Roche: "Paardiologie"Lesen oder lieber doch hören?

Von Sonja Hartl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Buchcover von Charlotte Roche und Martin Keß-Roche "Paardiologie" vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund.. (Piper / Deutschlandradio)
Kein wirklicher Mehrwert zum Podcast, urteilt Sonja Hartl über "Paardiologie. Das Beziehungs-Buch". (Piper / Deutschlandradio)

Ein sehr publikumswirksamer Podcast: Drei Monate lang reden Charlotte Roche und ihr Ehemann Martin Keß-Roche über ihre Beziehung. Jetzt gibt es das Buch dazu - für alle, die „Paardiologie“ noch nicht gehört haben.

Im Sommer 2019 gab es die ersten Folgen von "Paardiologie", dem Beziehungspodcast von Charlotte Roche und ihrem Ehemann Martin Keß-Roche. Zunächst waren 15 Folgen geplant, in denen sie jeweils eine gute Stunde über ihre Beziehung sprachen. Die Gespräche waren banal und tiefgreifend, lustig und traurig, therapeutisch und anregend.

Drei Monate lang tauchte man mit ihnen in ihre Beziehung ein, die von Monopoly-Streit über Alkoholsucht und Gespräche über das richtige Schälen von Kartoffeln bis zu Bordellbesuchen einiges mitgemacht hat.

Lustig, traurig, therapeutisch

Der Podcast war ein großer Erfolg, er wurde verlängert, mittlerweile gibt es über 40 Folgen. Daher war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das erfolgreiche Konzept in ein Buch verwandelt wird.

"Paardiologie. Das Beziehungs-Buch" versammelt nun ausgewählte Auszüge aus den ersten 15 Folgen des Podcasts, die thematisch sortiert und mit kurzen psychologischen Begleittexten von der Paartherapeutin Ursula Nuber versehen wurden.

Die Reihenfolge der Kapitel entspricht dem Verlauf vieler Beziehungen: Am Anfang stehen "Verliebtsein und Kennenlernen", es folgen Themen wie "Autonomie und Abhängigkeit", "Eifersucht" und schließlich "Krisen" und "Streiten".

Fazit: Im Gespräch miteinander bleiben

Die Erkenntnis ist klar: Fast alle Paare haben ähnliche Probleme, wichtig ist, dass man offen darüber und miteinander redet – und im Gespräch miteinander bleibt. Neu ist die Erkenntnis nicht, und doch ist sie der Kern des Podcasts und wird nun im Buch wiederholt und komprimiert vorgeführt.

Auch die begleitenden paartherapeutischen Texte liefern keine neuen Einblicke, vielmehr unterstützen sie höchstens, was bereits in den Gesprächen zu entdecken war. Bisweilen sind sie sogar erschreckend banal und stehen damit durchaus in Diskrepanz zu den tiefen Einblicken, die das Paar Roche gewährt.

Warum als Buch?

Das Buch "Paardiologie" wirft daher vor allem die Frage auf, wie sich ein Podcastformat in ein Buch überführen lässt. "Paardiologie" ist ein simpler Gesprächspodcast, der vor allem von den Persönlichkeiten, der Offenheit und der therapeutischen Gesprächserfahrung lebt.

Das Buch trifft diesen Tonfall recht gut, der nicht mehr so heimliche Star Martin ist weiterhin bemerkenswert klar, bestimmt und unkitschig.

Neckereien und Geplänkel fehlen

Jedoch enthält das Buch schlichtweg verschriftlichte Gespräche, die verdichtet und thematisch montiert sind. Die Vorzüge des Podcasts – die kurzen vorangeschalteten Szenen des Alltags, die akustische Atmosphäre, die kleinen Neckereien, das Geplänkel, die weiteren Gespräche – fehlen.

Es setzt dem aber keine buchspezifischen Vorteile entgegen. Die thematische Montage und die paartherapeutischen Begleittexte reichen nicht aus, um einen wirklichen Mehrwert oder auch ein Buch zu schaffen, das unabhängig vom Podcast bestehen kann.

Charlotte Roche, Martin Keß-Roche: "Paardiologie. Das Beziehungs-Buch"
Piper Verlag, München 2020
304 Seiten, 18 Euro

Mehr zum Thema

"Paardiologie"-Autor Martin Keß-Roche - Mit Kopfhörer und Kompromissen durch die Coronakrise
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 07.04.2020)

Podcast-Paare - Die richtige Chemie für die Ohren
(Deutschlandfunk Kultur, Über Podcast, 17.01.2020)

Über Routinen - Macht Alltag wirklich die Liebe kaputt?
(Deutschlandfunk Kultur, Plus Eins, 24.01.2020)

Lesart

Gender Pay Gap im LiteraturbetriebSchwestern in der Krise
schreibende Frau mit zerknülltem Papierkopf (imago images / Ikon Images)

Männer verdienen das Geld und Frauen kümmern sich um Haus und Kinder. Auch im Literaturbetrieb verstärkt die Corona-Krise längst überkommen geglaubte Strukturen. "Wir brauchen eine neue Schwesternschaft" fordert die Bloggerin Emilia von Senger.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Rob van Essen: "Der gute Sohn"Ein Alt-Herren-Roman
Das Cover des Buches zeigt einen Diamanten vor farbigen Hintergrund. (Deutschlandradio/ Homunculus Verlag)

Dieser Roman will möglichst viele Genres mischen, aber keins davon wird überzeugend umgesetzt. "Der gute Sohn" geriert sich als Dystopie, wird aber zunehmend zu einer Erzählung übers Altern. Die Szenen im Altersheim sind dann auch die gelungenen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur