Der Fall "Gittersee" neu aufgerollt
Der Schriftsteller Ingo Schulze (rechts) verfasste eine "Mängelliste" zum Roman "Gittersee". Frank Witzel (links) leitete sie weiter an die Jury des Deutschen Buchpreises. © picture alliance / Karl Schöndorfer
Eine "Mängelliste" mit Folgen
30:57 Minuten

2023 kann sich Charlotte Gneuß mit ihrem Debüt "Gittersee" Hoffnungen auf den Deutschen Buchpreis machen: Dann erreicht eine „Mängelliste“ von Autor Ingo Schulze die Jury - und das Buch kommt nicht auf die Shortlist. Zufall? Gezielte Beeinflussung?
Bis heute muss sich Schriftstellerin Charlotte Gneuß auf jeder Lesung, bei jedem Auftritt, in jedem Interview immer wieder für vermeintliche Fehler in ihrem Debütroman „Gittersee“ rechtfertigen. Das Buch erschien im August 2023. Damals hatte der ostdeutsche Schriftsteller Ingo Schulze eine sogenannte „Mängelliste“ zu dem Roman angefertigt.
Das Buch erzählt von einer Jugendlichen im Dresden der Siebzigerjahre. Dort und zu dieser Zeit wuchs auch Ingo Schulze auf. Er schickte die Kritikliste an den Verlag S. Fischer, in dem sowohl „Gittersee“ als auch seine Bücher erscheinen. Doch seine Sammlung von „Unrichtigkeiten“ erreichte nicht nur den Verlag, sondern auch die Jury des Deutschen Buchpreises.
Literatur
Debatte um Debüt von Charlotte Gneuß
16.09.2023
09:52 Minuten


Dorthin weitergereicht wurde die „Mängelliste“ von Schriftsteller Frank Witzel. Das ist das Ergebnis einer Recherche des Deutschlandfunks. Bisher war öffentlich nicht bekannt, wer die Jury über die Liste und ihren Inhalt informiert hat. Und anders als bisher bekannt, hat Ingo Schulze der Weitergabe der Liste durch Frank Witzel zugestimmt. Diese Zustimmung hatte Schulze 2023 noch abgestritten. Was steckte genau hinter der damaligen Weitergabe der Kritikpunkte?
Inhalt
Witzel kontaktierte die Jury
Wie die Recherche zeigt, hat Schulze die gesammelten „Unrichtigkeiten“ innerhalb seines privaten Freundeskreises verschickt, zu dem auch Frank Witzel zählt. Witzel ist ein ähnlich renommierter Schriftsteller wie Schulze, er hat 2015 selbst den Deutschen Buchpreis gewonnen.
Als er im Sommer 2023 erfährt, dass „Gittersee“ in der erweiterten Auswahl – der sogenannten Longlist – für den Buchpreis ist, nimmt er Kontakt zur Jury auf. Wie Witzel gegenüber dem Deutschlandfunk erklärt, habe er es für naheliegend gehalten, die Juryvorsitzende Katharina Teutsch über die Existenz der Liste zu informieren. Auch mit ihr ist Witzel befreundet.
Er habe sie „nicht ahnungslos dastehen“ lassen wollen. Aus freundschaftlicher Verbundenheit habe er ihr zwölf der insgesamt über 20 Punkte von Ingo Schulzes Liste geschickt.
Ingo Schulzes sogenannte "Mängelliste" enthält über 20 Punkte. Die Anzahl variiert je nach Zählweise, einige kritisierte Stellen kommen im Buch – und damit auch in der Liste – mehrfach vor. Der Deutschlandfunk konnte die vollständige Liste einsehen und dokumentiert hier einige Punkte beispielhaft. Unter anderem heißt es:
- die Menschen hätten ehemals das Adjektiv "lecker" nicht verwendet. Allerdings trug eine in der DDR beliebte Quarkspeise den Namen „Leckermäulchen“.
- Menschen in Dresden hätten in den 1970er-Jahren nicht in der Elbe schwimmen können. Charlotte Gneuß beruft sich dagegen auf Erinnerungen ihrer Eltern.
- in der DDR habe man für Kunststoff das Wort „Plaste“ benutzt und nicht etwa "Plastik" wie in der Bundesrepublik. Magda Birkmann vom Literaturhaus „Lettrétage“ weist allerdings darauf hin, dass Christa Wolf schon 1980 von „Plastikbeutel“ geschrieben habe.
- Hausmeister von Schulen hätten in der DDR keine Süßigkeiten auf dem Schulhof verkauft. Diese Passage ändern Verlag und Autorin in der nächstmöglichen Ausgabe von „Gittersee“.
- man habe den Ausdruck "passt schon" nicht verwendet.
Schulze stimmte Weitergabe zu
Und zwar mit Schulzes Einverständnis. 2023 hatte Schulze gegenüber der “Süddeutschen Zeitung” noch geantwortet, er habe keine Rolle bei der Weitergabe der Liste gespielt. „Ich habe, wie gesagt, in der Anfangszeit mit einigen gesprochen, ich habe auch einem Freund meine Anmerkungen geschickt. Aber das geschah alles auf persönlicher Ebene.“ Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärt Schulze nun, Frank Witzel habe ihn um Erlaubnis gefragt. Er, Witzel, würde gerne mit Katharina Teutsch über ein paar Anmerkungen sprechen. „Und da habe ich nichts dagegen gehabt, weil das kein Geheimnis war.”
Wie sich jetzt herausstellt nicht das einzige Detail, das 2023 falsch dargestellt wurde. Denn anders als damals berichtet, hat Schulze ohne Auftrag des S. Fischer Verlags gehandelt, als er die vermeintlichen „Unrichtigkeiten“ im Buch von Charlotte Gneuß zusammenstellte. Im SZ-Interview sagte Schulze, die Lektorin des Buches habe ihn schon im Juni oder früher darum gebeten, er sei aber erst im Juli dazu gekommen: „Es war gewissermaßen wie ein ungeplantes Außenlektorat.“ Sowohl Autorin Charlotte Gneuß als auch der Verlag widersprechen damals: „Nach konkreten Anmerkungen haben wir nicht gefragt.“
Ein ungeplantes Außenlektorat?
Nun räumt Ingo Schulze ein: „Mir war das Buch zugeschickt worden, ich hatte keinen konkreten Auftrag. Ich sollte aber eben sagen, was ich davon halte.“ Er habe sich verpflichtet gefühlt – ohne Auftrag: „Was hätte ich denn machen sollen? Hätte ich einfach sagen können: ‚Hier habt ihr das Buch zurück. Aber holt euch jemanden, der über die Dinge Bescheid weiß; meiner Ansicht nach sind hier eine ganze Menge Fehler drin‘?”

Dresden in den 70er-Jahren. Autor Ingo Schulze hatte eine „Mängelliste“ zum Roman „Gittersee“ erstellt, die historische Ungenauigkeiten auflistet. Die Liste landete bei der Jury zum Deutschen Buchpreis.© picture alliance / Archiv Sächsische Zeitung / Brigitte Anklam
Schulze sagt, er sei überzeugt gewesen, Charlotte Gneuß zu helfen, wenn er anmerke, was sachlich seiner Ansicht nach nicht stimme. Zudem habe er – 1962 in Dresden geboren – die Liste nicht als Schriftsteller, sondern als Privatmann und Zeitzeuge angefertigt. Und tatsächlich finden Verlag und Autorin einige der über 20 Punkte so bedenkenswert, dass sie in der nächstmöglichen Auflage von „Gittersee“ geändert werden.
Schulze lobt: „So ein Debüt ist selten“
Denn abgesehen von den vermeintlichen historischen Fehlern scheint Schulze das Buch gut gefallen zu haben. In dem Schreiben an den Verlag, mit dem er diesem auch die Liste schickt, lobt er „Gittersee“ und dessen Autorin: Er könne „den Verlag nur beglückwünschen, so eine gute Erzählerin gefunden zu haben.“ Daher kommt Schulze zu dem Fazit: „Das hat mich wirklich beeindruckt. So ein Debüt ist selten.“ Dann folgt das große Aber in Form der Liste.
Heute, so Schulze weiter, bereue er, der Weitergabe der Liste durch Frank Witzel an die Jury des Deutschen Buchpreises zugestimmt zu haben: „Das sehe ich heute schon als Fehler an, konnte mir aber nicht denken, dass aus so einer Situation – also aus einem Privatgespräch, wo beide miteinander vertraut sind, wo beide über etwas sprechen wollen – etwas Derartiges entsteht, was danach kam.”
Die Ost-West-Debatte: „Darf sie das?“
Was danach kommt, ist eine vehemente Debatte im deutschen Literaturbetrieb. Diese dreht sich vor allem um die Frage, ob Charlotte Gneuß in ihrer Darstellung Fehler gemacht hat; ob sie überhaupt einen Roman über die DDR schreiben dürfe, da sie – wenn auch als Kind ostdeutscher Eltern – erst 1992 und zudem in Westdeutschland zur Welt gekommen ist. Der erste Artikel in der FAZ zum Thema beginnt damals mit der Frage: „Darf sie das?“
Weniger thematisiert wird dagegen die Frage, warum Ingo Schulze überhaupt so eine Liste anfertigt. Je nach Blickwinkel kann man das als ungebetenes und ungeplantes Außenlektorat, als kollegiale Hilfe ansehen – oder als übergriffigen und paternalistischen Akt eines älteren Mannes gegenüber einer jüngeren Frau. Analog zum FAZ-Artikel ließe sich fragen: „Darf er das?“
Die Buchpreis-Jury
Noch weniger thematisiert wurde schließlich die Frage, was für Auswirkungen die Weitergabe der Liste an die Jury des Deutschen Buchpreises hatte. Als deren Vorsitzende Katharina Teutsch von Frank Witzel die gekürzte Liste erhält, steht die Entscheidung über die Shortlist – also die engere Auswahl der Romane, die für den Preis infrage kommen – unmittelbar bevor. Ob – und wenn ja wie – Schulzes Liste die Entscheidung der Jury beeinflusst hat, wird sich vermutlich nie eindeutig feststellen lassen. Katharina Teutsch verneint eine Beeinflussung. Doch auf der Shortlist taucht „Gittersee“ nicht mehr auf.
Auch hier stellt sich also wieder die Frage, diesmal gerichtet an Schulze und Witzel: „Dürfen sie das?“ Denn unabhängig davon, ob Ingo Schulze Charlotte Gneuß und seinem Verlag helfen wollte oder ob Frank Witzel seine Freundin Katharina Teutsch „nicht ahnungslos dastehen“ lassen wollte: Am Ende handelt es sich hier um die versuchte Einflussnahme auf die Jury eines der wichtigsten Literaturpreise hierzulande.
Keine Debatte über Machtmissbrauch
Ähnlich sieht es auch Autorin Charlotte Gneuß, die sagt: „Mein Roman sollte für die Shortlist des Deutschen Buchpreises verhindert werden.“ Es sei für sie sehr hart, so etwas zu erleben – und dann festzustellen, dass die Debatte eine ganze andere Richtung nimmt: „Dass die Frage ist: Darf sie das? Darf sie darüber schreiben? Ich hätte mir damals eigentlich einen Diskurs über Machtmissbrauch, über die Verstrickungen im Literaturbetrieb gewünscht und der ist eigentlich ausgefallen.“
Der Diskurs blieb damals aus, wohl auch weil mit Machtmissbrauch häufig andere Fälle verbunden werden: Fälle, in denen es zwischen Menschen direkte Abhängigkeiten und Weisungsbefugnisse gibt, sie im direkten Kontakt miteinander stehen oder es um körperliche Übergriffe geht.
Das alles trifft auf das Geschehen rund um „Gittersee“ nicht zu. Aber der Fall wirft die Frage auf, ob es neben dem direkten, unmittelbaren Machtmissbrauch vielleicht auch einen indirekten gibt. Denn auf der einen Seite stehen zwei ältere Männer mit viel Renommee, Erfahrung und guten Kontakten im Literaturbetrieb. Einer davon, Ingo Schulze, schickt sich zu dieser Zeit gerade an, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu werden.

Charlotte Gneuß wurde 1992 in Ludwigsburg geboren, ihr Debütroman „Gittersee“ spielt im Dresden der 1970er-Jahre.© picture alliance / NurPhoto / Albert Llop
Und auf der anderen Seite steht eine junge Frau, die gerade ihren ersten Roman herausbringt, die deutlich weniger bekannt und vernetzt ist. Für Charlotte Gneuß bleibt deshalb ein bitterer Beigeschmack: „Herr Schulze wurde Akademie-Präsident und ich hatte lange Lesereisen, in denen ich sozusagen immer ein Drittel meiner Zeit für diese Liste abgab.“ Das Etikett „Mängelliste“ bleibt an ihrem Debüt haften.











