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Lesart | Beitrag vom 30.10.2019

Chanel Miller: "Ich habe einen Namen"Schweigen ist falsch, das stärkt die Täter

Von Kim Kindermann

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Das Buchcover zeigt auf dunkelblauem Hintergrund den Titel des Buches. (Ullstein Verlag / Deutschlandradio)
Chanel Miller beschreibt in ihrem Buch "Ich habe einen Namen", wie sich bei Vergewaltigungfällen auch die Opfer rechtfertigen müssen, während Täter entschuldigt werden. (Ullstein Verlag / Deutschlandradio)

Chanel Miller wurde vergewaltigt. Lange war sie nur unter ihrem Pseudonym Emily Doe bekannt. Der Prozess geriet zur Farce. In ihrem Buch "Ich habe einen Namen" beschreibt sie bis zur Schmerzgrenze genau, was mit ihr geschah.

Es gibt für Chanel Miller zwei Leben: ein altes und neues. Das neue beginnt am 18. Januar 2015. Als sie nach einer Party an der US-Universität Stanford bewusstlos auf dem Boden hinter Mülltonnen gefunden wurde. Ohne Unterhose, das Kleid nach oben geschoben, mit zerkratzten, blutigen Armen und Haaren voller Kiefernadeln – sexuell missbraucht von einem jungen Mann.

Bis zur Schmerzgrenze genau beschreibt die heute 27-Jährige, die lange unter dem Pseudonym Emily Doe bekannt war, was dann mit ihr geschah. Von dem Moment im Krankenhaus, der Untersuchung, die trotz Spezialeinheit nichts besser macht: kalte Geräte, die den Körper des Opfers erneut beschädigen, die eindringen und abschaben, die Spuren sichern sollen, Beweise für die Anklage liefern sollen, die der Anschuldigung die Objektivität geben soll, die die Tat niemals hat, denn hier ist alles persönlich - jede Frage nach dem Ablauf des Abends, dem eigenen Verhalten, der Art der Kleidung und dem Alkoholkonsum bis hin zu ihrer Einstellung zu Sexualität.

Die quälende Frage, was ist in der Nacht passiert

"Das Einzigartige an diesem Verbrechen war, dass der Täter behaupten konnte, das Opfer habe Vergnügen verspürt, ohne dass die Leute mit der Wimper zuckten. Es gibt kein gutes Erstechen oder schlechtes Erstechen, ein einvernehmlichen Mord oder nichteinvernehmlichen Mord. Doch bei diesem Verbrechen konnte Schmerz verschleiert und mit Vergnügen verwechselt werden", heißt es auf Seite 78. Für das Opfer selbst ist die Tat aber der Beginn eines langen schmerzhaften Prozesses. Nichts ist mehr wie es war – auch Alltägliches. Egal was sie macht, wo sie ist, die quälende Frage, was ist in der Nacht passiert, schwebt über allem.

Schnell wirft einen dieses Buch aus der Komfortzone und fragt nach dem eigenen Umgang mit dem Thema. Was bringt man jungen Frauen bei? Was jungen Männern? Was müssen sie lernen? Wo fängt Übergriffigkeit an und wo das spielerische Kennenlern-Geplänkel? Wie lernen sie Grenzen kennen? Wer reflektiert ihr Verhalten? Und ist es tatsächlich so, dass es allein Aufgabe der Frauen ist, sich höflich zu weigern, Nummern herauszugeben und Drinks abzulehnen? Ja, schreibt Miller. Das zeige sich auch daran, dass Frauen nach einem Übergriff als erstes gefragt würden, ob sie nein gesagt hätten. "Die Frage legt nahe, dass die Antwort grundsätzlich ja ist und es die Aufgabe der Frau ist, die Einwilligung zu widerrufen."

"Du hast mir meinen Wert genommen"

Und schon ist man mittendrin in einer mitunter erbittert geführten Debatte darüber, was Geschlecht und Sexualität in unserer Gesellschaft bedeuten. Und wie Verletzlichkeit verhandelt wird. Denn viele Opfer sexueller Übergriffe werden, dass macht Chanel Millers Beispiel deutlich, ständig in Frage gestellt. Vor allem dann, wenn die Täter behaupten, alles sei einvernehmlich gewesen.

So auch Brock Turner. Damals 19 Jahre alt, Stanford-Student und erfolgreicher Schwimmer. Er reduzierte seine Penetration der bewusstlosen Frau auf einvernehmliches Fummeln. Das änderte sich auch nicht, als sie während des Prozesses einen Brief vorliest und ihm klarzumachen versucht, was er ihr angetan hat. "Du hast mir meinen Wert genommen, meine Privatsphäre, meine Energie, meine Zeit, meine Sicherheit, meine Intimität, mein Selbstbewusstsein, meine eigene Stimme, bis heute."

"In unserer Gesellschaft wird dem Opfer oft nicht vergeben", schreibt Chanel Miller dazu. Das zeige sich auch darin, wie über sexuelle Gewalt gesprochen werde: Warum war sie allein da? Warum war sie betrunken? War das Kleid nicht sehr kurz? Wie auch darin, dass Übergriffe immer mit der Vorstellungen von aktiver, aggressiver Männlichkeit entschuldigt würden. Passend dazu wurde Brock Turner lediglich zu sechs Monaten Haft verurteilt. Was den Richter zwar den Job kostete und zu einer Gesetzesänderung in Kalifornien führte, aber symptomatisch ist, wie Chanel Miller in ihrem Buch zeigt. Denn ist ein Mann, der sich nur einmal nicht im Griff hatte, der betrunken war, nicht schon genug gestraft, wenn er aus der Uni fliegt, seine Karriere als Schwimmer erledigt ist und er für den Rest seines Lebens als Sex-Täter registriert ist?

Männer hatten die Wahl, die Frauen nicht

Nein, sagt die Autorin. Männer, die Täter werden, hatten die Wahl. Die Frauen, die ihre Opfer wurden, hatten keine. Für die Opfer, das wird hier schnell klar, ist genau das besonders schwer zu ertragen. Auch Chanel Miller muss sich zurückkämpfen in ihr Leben, ihr neues Leben. Ihr Buch ist ein packendes Zeugnis davon, wie ihr das gelingt. Es zeigt, dass nur die bewusste Auseinandersetzung mit den Ursachen und den Folgen des sexuellen Missbrauchs wirklich heilen kann. Beschönigen, schweigen und sich schämen ist falsch. Es stärkt einzig die Täter.

Genau damit räumt die US-Amerikanerin auf. Sie ist damit eine wichtige Stimme zum Thema: Wie schon Winnie Li mit ihrem Buch "Nein" oder Mithu Sanyal mit "Vergewaltigung" gibt auch Chanel Miller Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, ihre Stimme zurück.

Chanel Miller: "Ich habe einen Namen. Eine Geschichte über Macht, Sexualität und Selbstbestimmung"
Übersetzt von Yasemin Dinçer, Hannes Meyer, Corinna Rodewald
Ullstein Verlag, Berlin 2019
480 Seiten, 20 Euro

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