Catherine Mavrikakis: "Der Himmel über Bay City"

    Eine Wahrheit, die Bestand haben wird

    04:58 Minuten
    Buchcover von Catherine Mavrikakis: "Der Himmel über Bay City", Secession Verlag, 2021.
    Catherine Mavrikakis findet eine neue, eindrucksvolle Perspektive auf den Holocaust in dem Roman "Der Himmel über Bay City". © Deutschlandradio / Secession Verlag
    Von Sonja Hartl · 16.10.2021
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    Amy ist in den USA geboren. Trotzdem wird sie von der Vergangenheit ihrer Großmutter verfolgt, die in Auschwitz ermordet wurde. Catherine Mavrikakis erzählt von generationsübergreifenden Traumata und sucht nach der Wahrheit in Erinnerungen.
    Blasslila ist der "Himmel über Bay City", dieser Kleinstadt in Michigan, in der Catherine Mavrikakis Ich-Erzählerin Amy die ersten 18 Jahre ihres Lebens verbracht hat. Dort hatte ihre Tante ein metallisch blaues Fertighaus gekauft, in das auch die Mutter von Amy vor deren Geburt 1961 zog. 18 Jahre später wird dieses Haus abbrennen, bis auf Amy sterben alle Familienmitglieder. Und Amy behauptet, sie habe das Feuer gelegt.

    Flucht ins Schweigen

    Im Rückblick erzählt die mittlerweile erwachsene Amy, wie es zu diesem Brand kommen konnte, den die Gutachter als Unfall einstuften, während sie an ihrer Schuld festhält. Ihr Leben ist geprägt von Schuld und Traumata – erlittenen und ererbten. Ihre Großeltern sind in Auschwitz ermordet worden, ihre Tante und Mutter haben den Nationalsozialismus versteckt bei Bauern in der Normandie überlebt und sind in die USA emigriert, um ein neues Leben zu beginnen.
    Niemand redet mit Amy über diese Zeit. Niemand erklärt ihr, woher ihre Alpträume kommen, in denen Menschen sie um Hilfe anflehen. Ihre Mutter und Tante verschweigen, dass sie Jüdinnen sind – es ist ihr Weg, der Vergangenheit zu entfliehen.

    Seltene Perspektive auf den Holocaust

    Aber der Vergangenheit kann man nicht entkommen – das erkennt Amy, die als Erwachsene versucht, ihre eigene Tochter zu schützen. Für Amys Mutter verkörperte Michigan die Zukunft, Amy aber erkennt die Verbindungen zwischen der Autoindustrie mit ihren Schornsteinen, Abgasen, Verschmutzungen und der industrialisierten Tötungsmaschinerie in Auschwitz.
    Ihre Perspektive auf den Holocaust ist eindrucksvoll und bemerkenswert, gerade weil sie selten in der Literatur zu finden ist. Sie findet andere, neue Bilder und schildert ihre Gedanken, ihre Auseinandersetzung mit der Schuld und dem Gefühl des Unerwünschtseins nahezu ungefiltert.

    Überzeugt von der eigenen Schuld

    "Der Himmel über Bay City" ist eine große Anklage der Gleichgültigkeit der Welt und des Himmels gegenüber menschlichem Leid. Zugleich verhandelt der Roman der 1961 in Chicago geborenen und in Québec lebenden Catherine Mavrikakis – Kind eines griechischen Vaters und einer französischen Mutter – auch die Frage nach der Wahrheit in Erinnerungen. Amy wird sich nicht davon abbringen lassen, dass sie Schuld hat an dem Brand, der ihre Familie getötet hat. Es ist ihre Wahrheit und die wird Bestand haben. Denn es gibt Vergangenheiten, mit denen lässt sich nicht abschließen.

    Catherine Mavrikakis: "Der Himmel über Bay City"
    Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky und Sonja Finck
    Secession Verlag, Berlin 2021
    320 Seiten, 24 Seiten

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