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Fazit | Beitrag vom 17.01.2020

Castorf-Inszenierung in KölnDas amoralische Bürgertum

Von Stefan Keim

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Die drei Schauspieler Peter Miklusz, Bruno Cathomas, Lilith Stangenberg (Thomas Aurin)
An der Spitze eines grandiosen Ensembles: Die Schauspieler Peter Miklusz, Bruno Cathomas und Lilith Stangenberg (v.l.n.r.). (Thomas Aurin)

Aus vier Stücken und einem Roman von Carl Sternheim mixt Frank Castorf einen langen Theaterabend. Was vor hundert Jahren funktionierte, gelingt heute immer noch: Unser Kritiker fand in der rund sechsstündigen Aufführung "großartige Momente".

Wenn Frank Castorf inszeniert, werden die Theaterabende lang. Denn meistens reicht es ihm nicht, sich mit einem Stück auseinanderzusetzen. Am Wochenende hat er am Kölner Schauspiel den vierteiligen Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" von Carl Sternheim auf die Bühne gebracht, zusammen mit weiteren Texten.

Der Aufstieg des Bürgertums

Carl Sternheims Roman "Europa" bildet die Klammer des Abends. Die junge Frau mit dem symbolträchtigen Namen wirft sich in die aufblühende Kunstszene, begeistert sich für den Kommunismus, sagt, die Namen Lenin und Trotzki fühlten sich in ihrem Munde an wie Süßigkeiten. Am Ende stirbt sie an der Front des Ersten Weltkriegs. "Europa" ist ein heute vergessener, kritischer Zeitroman in wuchtig-expressionistischer Sprache. Lilith Stangenberg verkörpert Europa mit wenig Kleidung und viel Leidenschaft, eine radikale Kämpferin, die keine Kompromisse macht. Außerdem arbeitet sich das Kölner Ensemble durch die vier satirischen Farcen, die Carl Sternheim unter dem Titel "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" zusammen gefasst hat. In der Familie Maske spiegelt sich der Aufstieg des Bürgertums im zu Ende gehenden Kaiserreich.

Kapitalisierung des Lebens

Theobald Maske ist der Inbegriff eines Spießbürgers. Seine Frau Luise hat in der Öffentlichkeit ihre Unterhose verloren. Erst reagiert ihr Mann mit Entsetzen, das ändert sich jedoch, als er feststellt, dass der Marktwert der von ihm vermieteten Stuben steigt. Denn viele Männer wollen in der Nähe so einer verruchten Dame wohnen. Die Kapitalisierung des gesamten Lebens ist ein Hauptthema Sternbergs, er ist ein Vorgänger von René Pollesch. Im zweiten Stück "Der Snob" rechnet Theobalds Sohn Christian Maske seiner Geliebten und seinen Eltern vor, welche Kosten er ihnen verursacht hat und zahlt sie aus. Für Christian zählt nur die Karriere, er wird zu einem der erfolgreichsten Unternehmer des Deutschen Reiches.

Frank Castorf inszeniert in seinem gewohnten Stil mit ekstatischen Szenen, heftigen Kalauern und viel Gebrüll. Manche Stimmen klingen extrem heiser, das Ensemble hat eine heftige Probenzeit hinter sich. Nach sperrigem Beginn mit einem sehr langen und komplexen Monolog wird der Abend unterhaltsamer, nach der Pause berührt er manchmal die Grenze zur Klamotte. Dann gibt es wieder ernstere Momente. Die stärker werdenden Rechtsnationalen erinnern an die AfD, es geht um Gewalt, Kolonialismus und Sexismus.

Ein energiegeladenes Ensemble

Die knapp sechsstündige Aufführung hat einige Längen aber auch großartige Momente, vor allem zwei sehr erotische und abgründige Live-Video-Szenen nach der Pause. Aus dem energiegeladenen Ensemble ragen neben Lilith Stangenberg noch Peter Miklusz und Sophia Burtscher heraus. Frank Castorf hat in seiner Kompilation der Stücke und des Romans auch noch Sekundärliteratur und zeitgenössische Theaterkritiken verarbeitet. Es könnte sich lohnen, diese Fassung mal in Ruhe nachzulesen und ein Textbuch herauszugeben. Denn in den hundert Jahre alten Texten Carl Sternheims sind viele Parallelen zu unserer Gegenwart zu finden – und manche Feinheiten, die in der Aufführung durch die Spielwut des Ensembles verloren gehen.

Aus dem bürgerlichen Heldenleben
nach Carl Sternheims "Die Hose", "Der Snob", "1913", "Das Fossil" sowie dem Roman "Europa"
Regie: Frank Castorf
Schauspiel Köln

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