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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.03.2015

Castorf inszeniert JahnnEine Höllenfahrt ins Nirgendwo

Von Alexander Kohlmann

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(picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Das Stück "Pastor Ephraim Magnus" in der Regie von Frank Castorf feierte seine Premiere am 19. März 2015 am Deutschen Schauspielhaus. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)

Ein Abend voller Blut und Tränen, auf den die Zuschauer mit Beifall und Pfiffen reagierten. Viele waren aber vorher schon weg. Frank Castorf inszenierte Hans Henny Jahnns Jugendwerk "Pastor Ephraim Magnus" in Hamburg: eine fünfstündige Performance ohne Sprengkraft.

Der eigentliche Skandal werde sein, dass er am Schauspielhaus dieses Stück in dieser Länge zeigen werde, orakelte Frank Castorf einige Tage vor der Premiere in einem Interview. Und verkannte dabei, dass Ärger nicht gleich einen Skandal bedeutet und dass Langeweile noch nicht zum ersehnten Buh-Konzert führt, denn die expressionistisch anmutende Horror-Story, die Hans Henny Jahnn mit "Pastor Ephraim Magnus" Anfang der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts verfasste, hat fast hundert Jahre später viel von ihrer gesellschaftlichen Sprengkraft verloren. Und Castorf tut während der fünfstündigen Performance wenig, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Mischung aus Theater und live inszenierten Kino

Wie in einem Gespensterschloss zerfließen in Aleksandar Denić Bühnenbild auch in dieser Castorf Inszenierung die Bedeutungsebenen auf einer Drehbühne. Bürgerliches Selbstverständnis assoziieren gut bestückte Bücherregale und ein den ganzen Abend flackernder Kamin. Auf der Rückseite dominieren Orgelpfeifen und der mächtige Pfeiler einer barocken Kathedrale das Bild. Von einer Kanzel kann gepredigt werden, die ist über Laufstege und Dachterrassen erreichbar, die die ganze Installation zu einem in sich geschlossenen Abenteuerspielplatz verbinden. Ein Kamerateam überträgt Ton und Bild auf Leinwände, wenn die Schauspieler in dem verschachtelten Konstrukt gerade nicht zu sehen sind. So ist der Abend eine Mischung aus Theater und live inszenierten Kino - alles wie immer bei Castorf eben, die gewohnten Versatzstücke einer Regiehandschrift die einst revolutionäres Potenzial besaß. Und immer noch zu beeindrucken weiß - allerdings in ihren kompletten Vorhersehbarkeit inzwischen auch anstrengend museal daherkommt.

Denn die inhaltliche Quintessenz von Jahnns Text, den Brecht einst auf eine Stunde zusammenkürzte, ist tatsächlich schnell verstanden. Der alte Pastor Magnus, der an diesem Abend von Josef Ostendorf als fetter, dekadenter und durch und durch verdorbener Widerling mit Netzhemd über dem nackten Bauch gegeben wird, klagt vor seinem Tod seinen Kindern, dass er nicht lebe. Ein verfaulter Haufen sei die Menschheit, trieblastig und schlecht. Eine bittere prämortale Erkenntnis, die vor allem seinen unehelichen Sohn Jakob (Samuel Weiss) in einen Sex und Crime Rausch treibt, den Castorf mit allen Facetten in dem verschlungenen Gebäude zwischen Glauben und Bürgerlichkeit ausspielen lässt. Da wird gehurt und gemordet, Frauen mit blonden Perücken und Lack-Kostüm erinnern an Quentin Tarantino und David Lynch, an die Avantgarde von gestern also.

Mit Hakenkreuz-Emblem und Hitler-Duktus

Als Jakob seine Freundin tötet und ausweidet, um im Innersten des Körpers den Kern des Weiblichen zu suchen, schlägt im Stück die bürgerliche Gesellschaft in einem Prozess zurück. Jakob wird zum Tode verurteilt und geköpft, bei Castorf sind seine Richter eine füllige Frau im Abendkleid und ein kleiner Mann mit Cowboyhut, die den gesellschaftlichen Outsider auf eine hölzerne, mittelalterliche Streckbank schnallen. Und Castorf wäre nicht Castorf, wenn er seiner Erzählung nicht mindestens eine epochale Bedeutung zuschreiben würde. Unter einem Ritt durch das 20. Jahrhundert macht er es nicht - und so flimmern bald schon die Soldaten des ersten Weltkriegs als rot-triefende Fleisch-Monster über die Leinwände. Der verirrte Jakob tritt mit Hakenkreuz-Emblem und Hitler-Duktus auf, bevor er als eine Art moderner Jack-the-Ripper mit einem scharfen Messer auf der Leinwand durch das Hamburg der Gegenwart irrt.

Es ist nicht so, dass einem die Zusammenhänge dieser pervertierten Version eines Ibsen-Gesellschafsdramas nicht einleuchten wollen, alleine, das alles erscheint so vordergründig und banal, dass es den visuellen Zauber inhaltlich nicht rechtfertigen kann. Und so sitzt man in der fünften Stunde kurz nach Mitternacht in seinem Sessel und erinnert sich an all die großen Castorf-Abende, in der der Zeiten und Ästhetik Mix sich in der eigenen Gedankenwelt zu etwas neuem zusammenfügen konnte. Diesmal sehen wir nur noch ästhetischen Versatzstücke, die in der Summe keine neue Wahrheit bilden wollen.

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