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Buchkritik | Beitrag vom 07.04.2021

Casey Cep: "Grimme Stunden"Eine True-Crime-Story auf den Spuren von Harper Lee

Von Sonja Hartl

Buchcover von Casey Caps Roman "Grimme Stunden" (Deutschlandradio / Ullstein Verlag)
Casey Cap rollt in "Grimme Stunden" einen Kriminalfall auf, dem bereits die Schriftstellerin Harper Lee auf der Spur war. (Deutschlandradio / Ullstein Verlag)

Nach Harper Lees Erfolgsroman „Wer die Nachtigall stört“ erschien lange Zeit nichts mehr. Dabei recherchierte sie für ein Buch über einen rätselhaften Mordfall. Casey Cep erzählt, weshalb es nie erschien - und verrät dabei viel über die Autorin.

Im Jahr 1978 saß die amerikanische Schriftstellerin Harper Lee im Gerichtssaal von Alexander City, Alabama, um der Verhandlung gegen Robert Burns zu folgen. Er war angeklagt, Reverend Willie Maxwell erschossen zu haben.

Über diesen Fall wollte Harper Lee ein Buch schreiben, eine True-Crime-Erzählung, die sich an Fakten hält – als Gegenbeispiel zu "Kaltblütig" von ihrem Kindheitsfreund Truman Capote, bei dessen Recherchen sie geholfen hatte.

Eine unvollendete Mordgeschichte

Aber "The Reverend" wurde nie fertigstellt. In "Grimme Stunden" erzählt nun Casey Cep von dem Maxwell-Fall und Harper Lees Arbeit an dem Buch.

Es ist offensichtlich, warum sich Lee für diesen Fall interessiert hat: Reverend Maxwell Williams wurde verdächtigt, fünf Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld ermordet zu haben. Aber ihm konnte nie eine Beteiligung nachgewiesen werden. Bei der Beerdigung seines vermutlich letzten Opfers – seiner Stieftochter – wurde er von Robert Burns erschossen.

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Burns Verteidigung übernahm der Anwalt Tom Radney, der auch Maxwell mehrfach vertreten hatte: im Mordprozess wegen des Todes seiner ersten Ehefrau und bei zahlreichen Prozessen gegen Lebensversicherungen, die sich weigerten, Policen auszuzahlen.

Biographische Annäherung mit Leerstellen

In den ersten beiden Teilen von "Grimme Stunden" rekonstruiert Casey Cep den Fall und Prozess, erst im dritten Teil rückt Harper Lee in den Mittelpunkt. Die Autorin* nähert sich biografisch an, markiert aber auch die vielen Leerstellen hinsichtlich Lees Leben und vor allem Schreiben.

Angeblich habe Lee jeden Tag geschrieben. Dennoch ist kein Buch von ihr erschienen. Cep führt mögliche Gründe an – Alkoholismus, Perfektionismus, Depressionen und Selbstzweifel –, legt sich aber klugerweise nicht fest.

Sehr deutlich wird indes, warum Harper Lee Schwierigkeiten mit "The Reverend" hatte: Bis heute ist nicht bewiesen, dass Maxwell tatsächlich ein Mörder war – und, falls ja, wie er vorgegangen ist.

Eine Geschichte über Schwarze und Weiße im Süden der USA

Außerdem ist es letztlich die Geschichte zweier Schwarzer in Alabama – der eine vermutlich ein Serienmörder, der andere tötet ihn –, die von demselben weißen Anwalt verteidigt werden, der bereits vorher von getöteten Schwarzen finanziell profitiert hat.

"Grimme Stunden" versucht, die Geschichte zu erzählen, die "The Reverend" sein sollte. Dank der Offenlegung der Schwierigkeiten und Leerstellen ist es eine interessante Studie über die Arbeit an True-Crime-Geschichten – und ein einnehmendes Porträt von Harper Lee.

*Wir haben die geschlechtliche Zuordnung der Autorin korrigiert.

Casey Cep: "Grimme Stunden. Sechs Morde, ein Prediger und Harper Lees letzter Roman"
Aus dem Englischen von Claudia Wenner
Ullstein Verlag, Berlin 2021
480 Seiten, 24 Euro

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