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Buchkritik | Beitrag vom 22.06.2019

Carys Davies: "West"Bizarre Geschichte eines Traumtänzers

Von Rainer Moritz

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "West"; im Hintergrund ist eine Aufnahme eines Berges zu sehen. (Luchtermann / Picture Alliance / NurPhoto / Nicolas Economou)
Abwechselnd aus der Perspektive der Abenteurer und der Daheimgebliebenen erzählt, laviert der perfekt gebaute Roman zwischen einem bewusst verknappten realistischen und einem verhalten mythischen Tonfall. (Luchtermann / Picture Alliance / NurPhoto / Nicolas Economou)

Der Fund riesiger Knochen weckt die Neugier des armen Farmers Bellmann. Er verlässt seine Familie, um nach den Tieren zu suchen. Jeder hält ihn für verrückt, nur ein junger Indianer begleitet ihn. Carys Davies hat mit West einen kraftvollen Roman geschrieben

Ein Maultierzüchter, Cyrus Bellman aus Pennsylvania, schlägt eine Zeitung auf. Was er da liest, lässt ihn nicht mehr los. Irgendwo in Kentucky, wir schreiben das Jahr 1815, seien riesige Knochen gefunden worden, "lange, ausgeblichene Gebeine, so mächtig wie eine gestrandete Flotte oder die Balken eines morschen Kirchdachs".

Von da an ist der 35-jährige Witwer besessen davon, diese imposanten Tiere, Ungeheuer vielleicht, aufzuspüren. Kurzerhand macht er sich auf einen langen Weg nach Westen auf. Er verlässt seine ärmliche Farm und seine zehnjährige Tochter Bess, die er in die Obhut seiner verständnislosen Schwester Julie und des sich bald allerlei Hoffnungen machenden Nachbarn Elmer gibt.

In Begleitung eines jungen Indianers

Niemand außer Bess nimmt Cyrus ernst. Doch der zeigt sich so unbelehrbar wie einst Don Quichotte. Mit einem Zylinder auf dem Kopf folgt er dem Missouri bis zu den Rocky Mountains, um in das "weite, unerforschte Hinterland" zu gelangen, jenseits der damals viel enger als heute gesteckten Grenzen der Vereinigten Staaten.

Mühsam trotzt er allen Gefahren und den harten Wintern, begleitet schließlich von einem jungen Indianer vom Volk der Shawnee, der alle Widrigkeiten der Natur kennt und stets Nahrung zu beschaffen weiß. Der kundige Indianer, der Cyrus von einem Pelzhändler vermittelt wurde, hört auf den rätselhaft-großartigen Namen "Alte Frau aus der Ferne" und lässt sich mit allerlei glitzernden Tand entlohnen, den Cyrus vorsorglich mitgenommen hat.

Carys Davies, in Wales geboren und heute nach längerem Aufenthalt in den USA im Nordwesten England lebend, ist bislang durch vielfach ausgezeichnete Kurzgeschichten hervorgetreten. Ihr später Debütroman "West" bewahrt die Qualitäten der kurzen Form und füllt die bizarre Geschichte eines Suchenden nicht mit weitschweifigen psychologischen Erklärungen auf. Abwechselnd aus der Perspektive der Abenteurer und der Daheimgebliebenen erzählt, laviert der perfekt gebaute Roman zwischen einem bewusst verknappten realistischen und einem verhalten mythischen Tonfall.

Tochter muss sich Übergriffe erwähren

Im luftleeren, ahistorischen Raum freilich bewegt sich der Text nicht: Er lässt dezent, aber unmissverständlich einfließen, dass es hier auch um rigorose Einwanderer geht, die die Indianerstämme gnadenlos verdrängen wollen. Es ist gewissermaßen eine Ur-Geschichte, die Carys Davies erzählt, von einem, der auszieht, weil er sich mit der "bekannten Welt" nicht zufriedengibt und gleichzeitig ahnt, dass er "mit dieser Reise sein Leben zerstört haben könnte".

Es wird, das ahnt man nach wenigen Seiten, eine Expedition ohne Happy End sein. Wie ernsthaft und ohne jeden spöttischen Ton sich Carys Davies ihres Traumtänzerhelden annimmt, wie feinfühlig sie die ihren Vater nie aufgebende Bess beschreibt, die sich der Übergriffe gleich zweier geiler Männer zu erwehren hat, und wie am Ende "Alte Frau aus der Fremde" mit Stricknadelgeschossen hilfreich eingreift und so die komischen Züge des Erzählten aufblitzen lässt, das alles gibt diesem kraftvollen Roman einen großen Reiz – und macht seine Protagonisten unvergesslich.

Carys Davies: "West"
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
206 Seiten, 20 Euro

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