Caroline Wahl: „1999 Meter über dem Meer“
© Rowohlt Verlag
Selbstgespräche im Mercedes-Cabrio

Caroline Wahl
1999 Meter über dem MeerRowohlt Verlag, Hamburg 2026368 Seiten
24,00 Euro
Ein Selbstfindungstrip zwischen Bali, Berlin und dem Engadin, immer wieder über die Autobahn düsend: Caroline Wahl verbindet in ihrem neuen Roman eigene Leidenschaften mit einer Liebesgeschichte wider Willen. Und leider auch manchen Ungereimtheiten.
Einfach mal ein bisschen Luft ablassen, die Emotionen müssen raus, das Leben ist schwer genug, einfach loslabern, ohne Schere im Kopf, was da eben gerade so durchrauscht, durch den Kopf, und irgendwo hinmuss. So hören sich Sprachnachrichten häufig an, vor allem von der Sorte „ich wollte mich mal melden, lange nichts voneinander gehört, so viel los bei mir, und eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit“.
Gerne sind sie mit Geschirrklappern unterlegt oder mit Motorengeräuschen, als wollte der oder die Gehetzte das Gesagte performativ unterstreichen. Und nicht selten wachsen sie sich, trotz der demonstrierten Zeitnot, zu Podcast-Länge aus.
Wie lange kann man eine Welle reiten?
An Sprachnachrichten muss man unwillkürlich denken, wenn man in den neuen Roman von Caroline Wahl eintaucht. Wie lange kann man eine Welle reiten, fragt man sich, während die Selbstzitate durcheinanderpurzeln. „1999 Meter über dem Meer“ heißt der Titel des vierten Romans der 1995 geborenen Autorin. „22 Bahnen“ hieß der erste, „Windstärke 17“ der zweite. In beiden wurde viel geschwommen, einmal im Chlorwasser eines Schwimmbads, das andere Mal im Salzwasser der Ostsee. Man nehme eine Zahl und etwas Wasser, schon hat man einen neuen Wahl-Titel.
Geschwommen wird dieses Mal definitiv nicht, auch wenn der Roman auf Bali beginnt. Samara, die Ich-Erzählerin, betont gleich im ersten Satz, Wasser sei nicht ihr Element, auf keinen Fall steige sie in den Indischen Ozean. Sie ist unglücklich auf Bali und will so schnell wie möglich wieder weg. Selbst das Mineralwasser schmeckt ihr nicht.
Ein Spiel, na klar
In „Windstärke 17“ war Samara eine gute Freundin von Ida, der jüngeren der beiden Schwestern, um die sich die ersten beiden Romane drehten. Sie war mit Ida in Prag, als sich deren Mutter umbrachte. Das spielt nun keine Rolle mehr. Aus der Freundin, deren Vater eine Kfz-Werkstatt betreibt, wird trotzdem keine eigenständige Figur. Sie ist eine Art Hülle, ein bequemes Sprachrohr für die Autorin, leicht verfremdet, aber mit Eigenheiten, die auf die Selbstinszenierung der Schriftstellerin verweisen, vom Mercedes-Cabrio bis hin zu einer gewissen Tollpatschigkeit. Das ist ein Spiel, klar. Wiederkennbarkeit ist alles auf einem beschleunigten Markt.
Samara schafft es tatsächlich, schnell von Bali wegzukommen, für 390 Euro bucht sie ihren Flug um. Ihr Vater schenkt ihr für den ersten Job in Berlin einen Mercedes, einen SL R 129, Erstzulassung 1999. Die Arbeit in einer Berliner PR-Agentur geht ihr ebenso schnell auf die Nerven wie ihre rigide WG-Mitbewohnerin. Also lässt sie sich mit einer „klassischen Panikattacke“ krankschreiben und düst los.
Mit dem Auto nach St. Moritz
Wiederholungen, Irrwege und Redundanzen sind für Caroline Wahl und ihr Lektorat offenbar kein Problem. Die Bali-Geschichte war ein Fehlstart, „Eat, Pray, Love 2.0“ wird explizit als Idee genannt, also eine Aktualisierung von Elizabeth Gilberts Erfolgsroman. Stattdessen gehts nun mit dem Auto von Berlin ins Allgäu, mal testen, ob man vielleicht der „Typ Berge“ ist und schließlich in die Schweiz, nach St. Moritz.
Samara will reich werden, und da ist sie im Engadiner Nobel-Skiort an der richtigen Adresse. Im Soho House in Berlin hat ihr ein „großer Fisch im Filmbusiness“, wie ihn eine Influencerin nannte, seine Ferienwohnung in St. Moritz angeboten. Ohne es zu wollen, legt sie dort eine steile Karriere als Foto-Künstlerin hin. Zufällig stolpert sie über die richtigen Leute, ist immer am richtigen Ort. Und dann kommt ER, der schöne Mann aus dem Soho House.
Nach einer grauenhaften Liebesnacht mit einem anderen reichen Schnösel, der sie mit Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“ in seine Wohnung lockte, will sie für immer allein und frei bleiben. Ihre Gefühle für den schönen Mann aus dem Filmbusiness kämpft sie erst einmal tapfer nieder.
Ästhetik der Sprachnachricht
Man steht ein wenig fassungslos vor all den Ungereimtheiten, von denen die Selbstgespräche führende Ich-Erzählerin nur eine ist. Die Autorin oder das Lektorat haben das durchaus bemerkt. Ständig werden neue selbstreflexive Notdächer gezimmert, um mögliche Einwände abzuwehren.
Dass „1999 Meter über dem Meer“ einfach so durchgewunken wird, könnte mit jener Verschiebung der Schriftkultur hin zur Oralität zu tun haben, die wir gerade erleben. Während der Titel des Romans geradezu nostalgisch auf die Schriftkultur verweist – „1999 Meter über dem Meer“ steht über dem Eingang einer Schutzhütte, in der Samara und der schöne Fritz Unterschlupf finden – lässt der kreisende, eher vor sich hin plaudernde Sprachstil an die Ästhetik einer Sprachnachricht denken. Die ist, mit mehreren Hundert Seiten, allerdings ziemlich lang.











