C. Amlinger: „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“

Wie Bücherschreiben funktioniert

Buchcover Carolin Amlinger "Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit"
© Suhrkamp Verlag

Carolin Amlinger

Schreiben. Eine Soziologie literarischer ArbeitSuhrkamp Verlag, Berlin 2021

800 Seiten

32 Euro

Von Jörg Plath · 16.12.2021
Wie genau ein Text entsteht, ist auch für Schriftsteller und Schriftstellerinnen ein Geheimnis. Was Künstler und Gesellschaft über die kreative Arbeit denken, zeigt die Literatursoziologin Carolin Amlinger gehaltvoll und gut lesbar.
Wenn man nicht wisse, worüber man schreiben kann, so lautet ein Anton Tschechow zugeschriebener Rat, dann müsse man eben über das Nichtschreibenkönnen schreiben. Carolin Amlinger hat ihn beherzigt. „Literarisches Arbeiten ist für Personen, die nicht schreiben, eine opake Tätigkeit“, lautet nach einem längeren Eingangszitat der erste Satz ihres Buches „Schreiben“.
Opak ist dieses sinnerfüllte, aber materiell ungesicherte, risikoreiche Tun also auch für Amlinger. Allerdings ist sie Soziologin, und als solche betrachtet sie das Bücherschreiben als eine in gesellschaftliche Beziehungen und Strukturen eingebettete Tätigkeit. Auch die Vorstellungen der Schriftsteller über Selbstverwirklichung, Autonomie, Kreativität seien historisch geformt.
Anders als der Schaffensprozess ist all dies nicht opak, weshalb Amlinger immerhin 800 Seiten rund um das Mysterium zu füllen vermag.

Betrachtungen über den literarischen Markt

Es sind gehaltvolle und gut lesbare Seiten. Amlingers Doktorarbeit strebt nach Vollständigkeit. Sie umkreist das Bücherschreiben von drei Seiten aus, die zusammen ein recht vollständiges Bild dieser seltsamen Tätigkeit ergeben, ohne deren Opazität aufzulösen.
Amlinger untersucht zunächst den literarischen Markt in drei exemplarischen Studien (Kaiserzeit 1871-1918, Nachkriegszeit 1948-1990, Gegenwart ab 1990),. Danach wendet sich sich folgenden Aspekten zu: Wirkung des veränderten Marktes auf die Bedingungen der literarischen und außerliterarischen, Neben- oder Haupterwerbsexistenz, auf ästhetische und wirtschaftliche Gruppenbildungen, auf die Kämpfe um Einkünfte und soziale Absicherung durch das Urheberrecht, die Künstlersozialkasse, die Verwertungsgesellschaft Wort.

Wie ist der Literaturbetrieb?

Danach beschreibt Amlinger den Literaturbetrieb mit Verlagen, Buchhandlungen, Großhandel, Literaturhäusern und -instituten, Preisen, der Literaturkritik sowie die „Verinnerlichung“ der im Betrieb geltenden Regeln durch die Autorinnen.
Schließlich folgen die Stadien des Schreibprozesses, der sich nicht nur im Fall eines Auftrags häufig in Kooperation mit Verlagen, Agenten, Lektoren und Stipendiengebern vollzieht.

Die Janusköpfigkeit des literarischen Wirkens

Amlingers argumentative Bewegung vom Objektiven zum Subjektiven, vom Markt zu den Autoren, vollendet sich im dritten Großkapitel über die zwei zentralen Schriftstellervorstellungen: die der Autorschaft und der Autonomie.
Amlinger thematisiert also am Ende jenen normativen Überschuss, den sie zuvor eingehegt hat, ohne ihn aber als individuelle Täuschung ausweisen zu wollen. Die literarische Produktion folgt der Idee der Kunstautonomie, kann jedoch nur als (Buch-) Ware auf dem Markt reüssieren. Diese Janusköpfigkeit bleibt erhalten.

Was macht die Gesellschaft, was das Individuum?

Staunenswert ist die Fülle der Befunde, was sich auch der Methodologie verdankt: Amlinger analysiert die Geschichte und die soziale Struktur des Buchmarktes vornehmlich mit Pierre Bourdieus Begriff des literarischen Feldes, zeichnet aber auch Selbstverständnis und Handeln von Autorinnen mithilfe vieler Interviews nach.
Die Kombination aus historischer Soziologie und qualitativer Sozialforschung belegt eindrucksvoll den Zusammenhang von gesellschaftlichen und individuellen Praktiken.
Zwischen beiden vermittelt Amlinger häufig mit dem Begriff der Komplementarität, was zuweilen etwas mechanisch wirkt. Auch spielen Entwicklungen außerhalb des kulturellen Feldes eine untergeordnete Rolle. Doch die eindrucksvolle Studie ist schon umfangreich genug.
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