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Fazit | Beitrag vom 19.02.2020

Candice Breitz-RetrospektiveErnste Themen in spielerischer Umsetzung

Von Susanne Luerweg

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Candice Breitz, Still aus Profile (2017), 3 Ein-Kanal Videos im Auftrag des Pavillons von Südafrika auf der Venedig Biennale. (Kunstmuseum Bonn/ Candice Breitz)
"Mein Name ist Candice Breitz – ich bin Künstlerin", sagen zehn bekannte Akteure des südafrikanischen Kunstbetriebs in Candice Breitz' "Profile" von 2017. (Kunstmuseum Bonn/ Candice Breitz)

Sexarbeiterinnen in Südafrika, Rassismus weltweit, die Schwere der Geburt: Die Themen von Candice Breitz sind feministisch und politisch. In ihrer Retrospektive in Bonn ist zu erleben, dass die Künstlerin diese ernsten Sujets leichtfüßig verwirklicht.

Fünf enge Kabinen, fünf schmale Vorhänge, die Betrachterinnen und Betrachter umschließen - in jedem Raum läuft ein Video, das eine schmerzhafte Geburt zeigt. Doch die Babys sind nur kurz auf der Welt, dann werden sie wieder in den Mutterleib zurückgeschoben. "Labour", was Arbeit und Geburtswehen zugleich bedeutet, ist das neueste Werk von Candice Breitz. Die Künstlerin hat fünf reale Geburten gefilmt, die sie zeitlich rückwärts laufen lässt. Ihre Lösung, um die Welt von unliebsamen Machthabern zu befreien. Denn hier werden nicht irgendwelche Babys zurück in den Uterus geschoben, sondern es sind Trump, Orban, Putin, Kim und Bolsonaro.

"Wie nennt man das eigentlich – die Rückführung politischer Führer in den Uterus? Ist das eine Art von Abtreibung? Sie kontextualisiert das mit dem Dekret des Matriarchats und damit ordnet sie die ganze Arbeit ja ein als fiktiv – als Beitrag im Genre der feministischen Dystopie", sagt Barbara Scheuermann, Kuratorin der Bonner Ausstellung "Labour".

Die Würde der Mütter bewahren

"Labour" erinnert nicht von ungefähr an die dystopische Welt in Margaret Atwoods Buch "Report der Magd". Wie im Roman und in der bekannten Serie wollen auch die neuen rechten Machthaber die Freiheiten von Frauen und Homosexuellen einschränken. Und ihnen droht Candice Breitz nun mit "Entbärung". Eine Geburt ist intim, intensiv und immer noch ein Tabu. Deshalb ist es Breitz wichtig, dass ihre Arbeit ohne Handy und Kamera betreten wird.

"Es geht darum, sowohl die Würde der Mütter zu bewahren, als auch den Besuchern Würde zu schenken, denn die brauchen vermutlich einen Moment, um mit dem Material zurechtzukommen, das ganz sicher sehr beeindruckend ist. Und viele Menschen haben ja auch noch nie eine Geburt gesehen", sagt die südafrikanische Künstlerin.

Candice Breitz, Still aus Treatment, 2013, einer Zwei-Kanal Installation. (Kunstmuseum Bonn/ Candice Breitz)In "Treatment" von 2013 schlüpft Candice Breitz gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Therapeutin in die Rollen eines David Cronenberg-Films. (Kunstmuseum Bonn/ Candice Breitz)

Wie in "Labour" verhandeln auch die anderen in Bonn ausgestellten Werke Fragen nach weiblicher Macht, Identität, Frauenrechten, Ethnie und Klassenzugehörigkeit. "Mein Name ist Candice Breitz – ich bin Künstlerin", sagen zehn Frauen und Männer in der Videoinstallation "Profile", allesamt bekannte Akteure des südafrikanischen Kunstbetriebs. Sie alle geben sich als Candice Breitz aus, beantworten dann aber ganz persönliche Fragen zu ihren sexuellen Vorlieben und ihre Familien.

"Profile" war 2017 auf der Biennale in Venedig zu sehen und Breitz' Antwort darauf, dass sie, als weiße Südafrikanerin, den Pavillon bespielen durfte. Fragen, wer was sagen darf, wem man Gehör schenkt, sind der rote Faden der Ausstellung. So auch in der 7-Kanal-Installation "Her", die Ausschnitte aus 28 Filmen mit Meryl Streep zeigt. Die Rollen decken das ganze Spektrum der Weiblichkeit ab, wie Hollywood sie sieht. Nur einen Raum später taucht die Schauspielerin in einer anderen Rolle auf: als Aktivistin gegen die Entkriminalisierung von Sexarbeit.

Kunst gegen "Patronizing"

In der Videoinstallation TLDR – too long didn't read – tritt ein 12-jähriger Junge als Erzähler auf, spricht über den Kampf für die Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, begleitet von einem Chor aus Aktivistinnen und Aktivsten, die in oranger Häftlingskleidung singend Schilder vor ihre Gesichter halten. "Sexarbeit ist besser als keine Arbeit" ist unter anderem dort zu lesen.

"Patronizing ist ein Wort, was bei Candice oft vorkommt – oberlehrerhaft, übergriffig ist es im Prinzip –, das sie ganz klar hinterfragt: wer nimmt sich das Recht heraus, anderen zu sagen, wie sie ihr Leben führen sollen?", erläutert Kuratorin Scheuermann. 

Wer wissen möchte, wie Sexarbeiterinnen ihr Leben führen, kann sich den zweiten Teil der Arbeit, eine 13-Kanal-Installation, ansehen, in denen die Protagonistinnen aus dem Chor von sich erzählen. Verbunden werden die beiden Räume durch "Ghost Series", das einzige nicht-digitale Werk. Bilder, auf denen Candice Breitz die nackten Körper schwarzer Frauen mit Tipp-Ex übermalt hat.

Perspektivwechsel für neue Sichtweisen

"Also, diese Nachdenken über das Bild der Frau, der "white gaze"  – der weiße Blick auf die Schwarzen, die Unterdrückung der Schwarzen – das sind alles Themen, die schon in der "Ghost Series" drin sind, und die 25 Jahre später Candice Breitz immer noch beschäftigen", so Barbara Scheuermann.

Die Ausstellung im Bonner Kunstmuseum wirft einen Blick auf den Zustand der Welt, der nicht nur von rechten Machthabern geprägt ist, sondern auch von Diskussionen um richtigen und falschen Feminismus, von unser aller Rollenverhalten. So ernst die Themen sind, so spielerisch und häufig selbstironisch sind die Arbeiten. Vor allem "Treatment", ein Werk von 2013, in dem Candice Breitz gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Therapeutin in die Rollen eines David Cronenberg-Films schlüpft. Ein Perspektivwechsel, der neue Sichtweisen eröffnet, wie die gesamte Ausstellung.

Candice Breitz "Labour" im Kunstmuseum Bonn.
Die Ausstellung wird bis zum 3. Mai 2020 gezeigt.

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