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Buchkritik | Beitrag vom 20.04.2021

Camila Sosa Villada: "Im Park der prächtigen Schwestern"Tagsüber verspottet, nachts begehrt

Von Victoria Eglau

Cover des Romans "Im Park der prächtigen Schwestern": Rückansicht von Kopf und Schulterpartie einer unbekleideten Frau, an der Stelle ihres Kopfes befindet sich eine wilde, rosarote Collage aus Blumen, einem Schmetterling, einem Flamingo, einem Frauenbein, Kirschen und mehr. (Deutschlandradio / Suhrkamp Verlag)
Meisterhaft schreibt Camila Sosa Villada über eine Welt, die sie als Transsexuelle selbst erlebt hat. (Deutschlandradio / Suhrkamp Verlag)

Mit poetischer Kraft taucht Camila Sosa Villada in die Welt einer Gruppe Ausgestoßener. Ihr Roman „Im Park der prächtigen Schwestern“ erzählt das Schicksal von Transfrauen im Argentinien der 90er-Jahre – und enthüllt Heuchelei und Doppelmoral.

"Im Park der prächtigen Schwestern" ist eine Rache, "eine Rache der Transvestiten durch das Wort" – die Autorin Camila Sosa Villada selbst sagte dies, als sie für ihren Roman im Dezember 2020 bei der Buchmesse von Guadalajara in Mexiko den renommierten Literaturpreis Premio Sor Juana Inés de la Cruz erhielt.

"Im Park der prächtigen Schwestern" spielt in der argentinischen Provinzhauptstadt Córdoba in den 1990er-Jahren. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Transgender-Frauen, die damals noch keiner so nennt – für die Gesellschaft sind es "Transvestiten".

Geschlagen, misshandelt, bestohlen

"Las Malas", so der spanischsprachige Originaltitel des Buchs, bedeutet "Die Schlechten". Das ist das Image der Transfrauen, sie werden verachtet, verspottet und beleidigt – vor allem, wenn sie bei Tageslicht durch die Stadt gehen.

Nachts aber werden sie begehrt, oft von Männern aus dem bürgerlichen Milieu, die in einem dunklen Park von Córdoba ihr heimliches Vergnügen suchen.

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Die "prächtigen Schwestern" in ihren aufreizenden Kleidern prostituieren sich, weil sie keine andere Arbeit finden. Manchmal treffen sie Männer, die ihnen gefallen und mit denen sie gerne ins Bett gehen. Gelegentlich sind ihre Kunden sogar freundlich zu ihnen.

Doch in der Regel werden sie wie Abschaum behandelt: geschlagen, misshandelt, bestohlen, unter Drogen gesetzt. Morde an Transsexuellen sind verbreitet, andere sterben jung an Aids.

Gemeinsam gegen die Angst

Um die Erniedrigung und Angst zu ertragen, sind sie als Gruppe unterwegs, als Schwestern, die sich gegenseitig helfen und Mut machen. "Ich bin trans geworden, weil Transsein ein Fest ist", diese Worte schmettert eine der Frauen der Stigmatisierung und den höhnischen Blicken entgegen. Im rosa Haus der "Trans-Pension" finden sie in der Gestalt von Tía Encarna eine starke Ersatzmutter – ihre leiblichen Mütter und Väter sind den meisten abhandengekommen.

Die 39-jährige Schriftstellerin und Schauspielerin Camila Sosa Villada schreibt meisterhaft über eine Welt, die sie als Transsexuelle selbst erlebt hat. Sie setzt den Frauen, mit denen sie ein Stück ihres Weges gemeinsam gegangen ist, ein liebevolles literarisches Denkmal, sie porträtiert sie präzise und anrührend. Zugleich enthüllt sie schonungslos die Heuchelei, Doppelmoral und Grausamkeit in der Gesellschaft.

Poetisches Werk über Ausgrenzung

In Argentinien war "Im Park der prächtigen Schwestern" einer der erfolgreichsten Romane der vergangenen Jahre. Er ist aber nicht einfach eine Dokufiktion über die Transgender-Szene, sondern ein zutiefst poetisches Werk über eine Gruppe von Ausgestoßenen, die mit aller Macht versuchen, sich vor Gewalt und Ausgrenzung durch Schwesterlichkeit, Solidarität und Lebensfreude zu schützen.

Bei Sosa Villada hat die Welt der Transfrauen auch etwas Mystisches. Zuweilen gleitet die Handlung auf eine fantastische Ebene, die an den magischen Realismus von García Márquez denken lässt. Aber immer wieder kehrt die Autorin zur harten Realität zurück, verschweigt weder Aggressionen und Lebensüberdruss, noch Leid und Krankheiten – und auch die traurige Tatsache nicht, dass ein transsexuelles Leben oft sehr kurz ist.

Camila Sosa Villada: "Im Park der prächtigen Schwestern"
Roman
Aus dem Spanischen übersetzt von Svenja Becker
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
220 Seiten, 14,95 Euro

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