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Frühkritik | Beitrag vom 08.05.2020

Cai Jun: "Rachegeist"Trümmer und Vergeltung

Von Kolja Mensing

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Buchcover zu Cai Juns "Rachegeist". (Piper)
In "Rachegeist" erzählt Cai Jun vom perfekten Mord vor der Kulisse des modernen China. (Piper)

Geisterlehre statt Wirtschaftswachstum: Der chinesische Bestsellerautor Cai Jun hat mit "Rachegeist" einen antikapitalistischen Horrorthriller geschrieben, bei dessen Lesen man in einem Meer aus Ressentiment und Leidenschaft badet.

Shen Ming ist ein junger Lehrer an einem Internat in Shanghai. Als er an einem Morgen im Juni 1995 aus dem Fenster blickt, entdeckt er die Leiche einer Schülerin. Kurz darauf stirbt der Dekan der Schule, zwei Tage später wird Shen Ming auf dem Geländer einer aufgegebenen Fabrik selbst hinterrücks erdolcht.

"Ich spürte, wie ich am kalten Boden lag, Bauch und Gesicht in einer schmutzigen Lache", protokolliert er nüchtern die Szenerie am Tatort: "Am 19. Juni 1995 um 22:01 starb ich. In der letzten Sekunde meines Lebens glaubte ich, es gebe kein nächstes Leben."

Auf der Suche nach Vergeltung

Das ist ein Irrtum. Shen Ming überschreitet den "Fluss des Vergessens" und wird wiedergeboren. Damit setzt Cai Juns Horrorthriller "Rachegeist" ein: Im Oktober 2004 befindet Shen Mings Seele sich im Körper eines Kindes und sucht Vergeltung.

Nach und nach spürt dieser Rachegeist die Menschen auf, die die Verantwortung für die Morde in den Neunzigern tragen und zerstört systematisch ihr Leben. Zu den Opfern gehören Shen Mings Schwiegervater, der ein politisch einflussreicher Unternehmer ist, seine berechnende Verlobte, ein karrierehungriger Mitschüler und eine Reihe weiterer Personen, die durch Machtintrigen, Habgier und Missbrauch aneinandergekettet sind.

Der Alltag zerfällt in Trümmer

Der 1978 in Shanghai geborene Cai Jun ist auf Horror spezialisiert, seine voluminösen Romane werden in hohen Auflagen gedruckt. Sein Erfolg hat sicher mit den raffinierten, weit ausschweifenden Plots zu tun und mit den starken Emotionen: Man badet beim Lesen regelrecht in einem glitzernden Meer aus Ressentiment und Leidenschaft.

Gleichzeitig zeichnet Cai Jun ein pessimistisches Bild der chinesischen Gesellschaft. Bauskandale, Korruption und die Jagd nach westlichen Luxusgütern bestimmen den Alltag, das System eines staatlich gelenkten Raubtierkapitalismus zerfällt in Trümmer. Aus den Ruinen erheben sich Dämonen und Rachegeister und mit ihnen eine neue, destruktive Spiritualität. Geisterlehre statt Wirtschaftswachstum.

Unheimliche Nähe

Aus chinesischer Perspektive ist "Rachegeist" ein rückwärtsgewandtes, fast reaktionäres Buch. Genau das macht es dort vermutlich so attraktiv.

Der dunklen Anziehungskraft, die von diesem antikapitalistischen Horrorthriller ausgeht, kann man sich allerdings auch hier nur schwer entziehen. Sie bestätigt das diffuse Gefühl einer dumpfen Bedrohung, das sich über unseren Alltag gelegt hat, seit auf einem Marktplatz in Wuhan ein Virus von einem wilden Tier auf einen Menschen übergesprungen ist: China ist uns auf unheimliche Art nahegekommen.

Cai Jun: "Rachegeist"
Aus dem Chinesischen von Eva Schestag
Piper Verlag, München 2020
510 Seiten, 16 Euro

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