Caffé Torino

Von Maike Albath · 05.02.2006
Als Turiner erntet man in Italien oft ein mitleidiges Lächeln. Anders als Florenz, Rom, Venedig oder Neapel gilt die Stadt am Rand der Alpenkette mit den symmetrischen Straßenläufen weder als ein Ort der Kunst, noch als ein Hort der Kultur, ja, sie wirkt nicht einmal sonderlich italienisch.
Vor allem Leute aus dem Süden verbinden Turin mit der Erfahrung der Immigration - in den fünfziger Jahren landeten hier Heerscharen von Sizilianern, Kalabresen, Neapolitanern und Sarden, weil die Fiatwerke Arbeitsplätze boten.

Wer Turin näher kennt, weiß, dass das alles ganz falsch ist, denn nirgends kann man gepflegter Cappuccino trinken, Eis essen oder Campari schlürfen als in den Cafés der Jahrhundertwende an der Via Po und der Via Roma, nirgends ist die wechselvolle italienische Einigung besser nachzuvollziehen als in den Räumen des ersten Parlaments an der Piazza Carignano. Nirgends kann man trotz Regen unter Arkaden durch die gesamte Innenstadt flanieren und nebenbei die eleganten Barockbauten bewundern.

Nirgends ist die intellektuelle Tradition der Nachkriegszeit so mit den Händen zu greifen wie hier, und nirgends in Italien hat sich in den vergangenen Jahren eine derartig lebendige Jugendkultur etabliert wie an den Ufern des Po. Und wer könnte besser davon erzählen als die Schriftsteller?

Die Verlagsstadt Turin ist seit jeher ein Ort der schreibenden Zunft. Von den Klassikern der Moderne Carlo Levi, Natalia Ginzburg, Cesare Pavese und Primo Levi über das Geschäftsgenie Alessandro Baricco, der in Turin eine Schule für Erzähltechniken eröffnete, bis zu den Vertretern der jüngeren Generation Dario Voltolini und Giuseppe Culicchia hat das literarische Leben Turins einiges zu bieten. Ein Besuch in der Hauptstadt des Piemont, wo im Februar die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden.