Byung-Chul Han: „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“
© Matthes & Seitz
Gesellschaft ohne Achtung

Byung-Chul Han
Ohne Respekt. Eine soziale KriseMatthes & Seitz, Berlin 2026100 Seiten
20,00 Euro
Byung-Chul Han diagnostiziert eine neue gesellschaftliche Krise, die auf fehlenden Respekt beruht. Dabei verbindet er konservative Positionen mit linker Kapitalismuskritik. Das ist oft erhellend, doch eine Lösung hat auch Han nicht.
Dass Byung-Chul Han unsere Gesellschaft in einer Krise wähnt, ist kein Geheimnis. Als Müdigkeits- und Palliativgesellschaft bezeichnete er sie in der Vergangenheit; genauso diagnostizierte er schon eine „Krise der Narration“ und erkannte die Herrschaft der Informationen, die „Infokratie“.
Ohne Respekt keine "wohlgeordnete" Gesellschaft
Nun widmet er sich einem neuen Aspekt der krisenhaften Gegenwart: dem fehlenden Respekt. Dieser sei das Verfallssymptom einer Gesellschaft, die dem Individuum außer der narzisstischen Beschäftigung mit sich selbst kaum noch etwas anzubieten habe.
Der fehlende Respekt füreinander ist jedoch nicht bloß Symptom, er wird wiederum selbst zum Problem: Ohne Respekt füreinander, so könnte man seine These zusammenfassen, kann es keine Demokratie und letztlich keine „wohlgeordnete Gesellschaft“ geben, wie er es mit einem eher traditionellen Begriff antiker Philosophie beschreibt.
Eine solche bessere Gesellschaft würde darauf fußen, dass wir unsere Abhängigkeit voneinander und von einer sozialen Ordnung eingestehen, die klare Werte und Ziele vorgibt – und nicht nur jedem die Suche nach einem Sinn im Leben selbst überlässt. Stattdessen produziert die neoliberale Wirtschaftsordnung in seinem Nullsummendenken ständig Verlierer im ewigen Kampf um Status. Das Ergebnis ist ein Kampf von atomisierten Individuen, die den anderen nur noch als Hindernis für das eigene Fortkommen begreifen.
Gänzlich neu ist diese Kritik nicht, man kennt sie etwa aus der kommunitaristischen Kritik und von Vordenkern einer postliberalen Denkrichtung. Während Han auf diese Traditionslinie, in der er steht, nicht weiter eingeht, bedient er sich jedoch souverän und explizit bei den Vordenkern der Krise des öffentlichen Raums von Richard Sennett bis Jürgen Habermas. So umkreist er das Phänomen des Respekts nach und nach.
Denkanstöße ohne Antworten
Han zeigt sich dabei als interessante Kippfigur, die durchaus konservative Elemente – etwa das Einfordern einer Re-Hierarchisierung des Lebens – mit einer eher linken Kritik am Neoliberalismus und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verbindet. Seine Analyse schimmert dabei immer merkwürdig zwischen diesen Polen, ohne dass sie je ins Reaktionäre zu kippen droht.
„Wir sind heute insofern orientierungslos und versinken in einer Sinnleere“, schreibt er etwa, „als wir keine Werte und Ideale mehr haben, woraufhin wir unser Leben, unsere Zukunft entwerfen“. Den manchmal etwas schlichten Kulturpessimismus ergänzt der Philosoph dann jedoch zum Glück mit einer Kritik an der Totalökonomisierung, für die der Neoliberalismus verantwortlich zu machen sei.
Politik der Freundschaft
Eine eigene, klar umrissene Position will dabei jedoch trotzdem nicht wirklich deutlich werden. Und so bleibt auch sein Aufruf zu einer „Politik der Freundschaft“, die auf der Idee eines gemeinsamen Lebens basiert, merkwürdig unklar. Doch bei Byung-Chul Han sollte man ohnehin keine systematische Abhandlung erwarten. Er beginnt mit seinen Überlegungen in medias res und befindet sich auch am Ende seiner Bücher noch immer genau dort: inmitten des Phänomens, das er betrachtet.
Dass seine Texte eher Denkanstöße als ausgearbeitete Programme sind, ist seit jeher ihr Versprechen und zugleich ihre Grenze. Die Anregungen, die er liefert, lohnen die Lektüre trotzdem: zumindest als Einladung, weiterzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.












