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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.05.2015

Büro Coop HimmelblauDer Roboter baut mit

Von Jochen Stöckmann

Erbaut vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelbalu: das Musée des Confluences in Lyon (picture alliance / dpa)
Erbaut vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelblau: das Musée des Confluences in Lyon (picture alliance / dpa)

Schwerelos sollen die Gebäude sein und sich an der Grenze des statisch Möglichen bewegen. Das Architekturmuseum in Frankfurt widmet sich den Bauten des Wiener Büros "Coop Himmelb(l)au". Dazu zählen die Europäische Zentralbank in Frankfurt und das Musée des Confluences in Lyon.

"Wie wir jung waren, wollten wir die Architektur sofort und radikal ändern. Wir haben eingesehen: Das ist nicht so leicht. Aber Ikarus, der Wachs fürs Kleben seiner Flügel genommen hat – hätte der Silikon genommen, würde er noch immer fliegen."

Alles nur eine Frage der Technik, der avancierten Weltraumtechnik. Denn schwerelos sollte die Architektur von Coop Himmelb(l)au sein, 1968 in Wien. Vorerst nur auf dem Papier, gezeichnet mit geschlossenen Augen: Nichts Irdisches sollte den Überschwang der Gefühle beim Entwerfen utopischer Räume hemmen. Hinterlassen haben die drei Himmelsstürmer dann 1989 einen Dachausbau mit ineinander verdrehten und verkanteten Stahlträgern und Glasflächen, die wie ein Blitz in die Wiener Falkestraße ragen. Und geblieben ist am Ende einer von ihnen, Wolf D. Prix: heute Architekt mit Star-Status – und Bodenhaftung:

"Der Sachzwang, die Ökonomie, die Ökologie zwingt uns – nämlich budgetmäßig."

Die grenzenlose Freiheit über den Wolken ist also perdu – dafür aber locken stattliche Budgets: millionenschwere Großprojekte haben die Papierphantasien von 1968 verdrängt, auch in der Ausstellung des Deutschen Architektur Museums. Ansichten und Modelle von einzig und allein drei riesigen Gebäuden reichen aus, um das Phänomen Coop Himmelb(l)au zu umreißen, richtiger wohl: es zu illustrieren. Man kann nur staunen über diese imposanten Markenzeichen, allen voran der Doppelturm der EZB, der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

"Gefordert war nebst vielen anderen Dingen: uniques Gebäude. Also: es sollte unverwechselbar sein. Wann merkt man sich ein Gebäude? Nur dann, wenn eine andere Geometrie verwendet wird. Vorne ist das Hochhaus unten dünn und oben dick, hinten unten dick und oben dünn."

Sie verlangten der Statik Höchstleistungen ab

Was früher so aggressiv und auf den ersten Blick aufregend ungelenk wirkte wie Heavy Metal, die Überlagerung der Perspektiven, die kantig auskragenden Stahlgestänge, das versucht Prix heute virtuos und nicht minder effektvoll in Szene zu setzen. Aber um die schiere Masse an Bauvolumen zu bändigen, zahlt der einstige Utopist seinen Preis: Wer den Statikern Höchstleistungen abverlangt, abverlangen muss, der begibt sich in eine Abhängigkeit von der Technik, von Computern und digitaler Software. Nichts anderes ist beim Bau des Musée des Confluences in Lyon passiert: Der gigantische Koloss dominiert das innerstädtische Entwicklungsareal am Zusammenfluss von Saone und Rhone – auch aufgrund jenes Formenreichtums, der allein mit der Hand-Zeichnung schwerlich zu erzielen ist:

"Der 3-D-Scanner erlaubt uns, sehr schnell Formen zu erfassen und umzusetzen. Wenn die Autoindustrie genauso innovativ wäre wie die Bauindustrie, würden wir noch mit dem Pferdekarren fahren. Ich kann mir auch vorstellen, dass Kräne durch eine neue Methode ersetzt werden, nämlich durch Roboter."

Nicht nur den Entwurfsprozess, auch das Bauen selbst will Prix ökonomischer gestalten: Noch musste die Fassadenhaut konventionell montiert und Stück für Stück per Kran herangeschafft werden. Das sollen künftig Roboter übernehmen. Die schöne, neue Autowelt lässt grüßen – die von Coop Himmelb(l)au entworfene BMW-Welt in München nämlich. Ein Modell in jeder Hinsicht – wie auch der Dachausbau in Wien. Aber leider fehlen solche Bezugs- und Referenzpunkte. Zäsuren und Umschwünge, die ganze Entwicklungsgeschichte dieses einst so "dekonstruktivistischen" Architekturbüros bleiben in dieser Ausstellung verborgen. Dabei hat die BMW-Welt etwa hat Prix überhaupt erst den dritten Auftrag beschert, ein Kongreßzentrum im chinesischen Dalian, das ein mächtiger Parteifürst aus der Provinz nach einem Besuch in München bei Coop Himmelb(l)au bestellte:

"Es ist aus der BMW-Welt ein riesengroßes, viermal oder fünfmal so großes Projekt geworden, Konferenzzentrum und Kulturzentrum. Das gestaltgebende Element war, dass wir den Wind durch die Fassade benutzt haben, um das Gebäude zu kühlen."

Potente, mächtige Bauherren wollen Einzigartiges

Diese Rücksicht auf ökologische Zwänge steht allerdings kaum im Vordergrund, wenn potente, mächtige Bauherren die Dienste der Architekten in Anspruch nehmen. Da geht es um Originalität, um Einzigartigkeit, um Gebäude als markante Signets:

"Es ist eines der komplexsten Gebäude, die ich kenne, da stoßen wirklich 37 Geometrien zusammen. Das ist faszinierend, wenn man die 1:1-Realität erfahren kann."

Einstweilen liegt diese Faszination gut verborgen in den Rechnern des Architekturbüros. Aber es steht zu fürchten, dass mit dem Bau solcher Groß-Projekte die kleine Coop-Himmelb(l)au-Utopie nicht einmal mehr im Ansatz eingelöst wird: dass sich die erträumten Räume im Alltag, durch Wünsche und Wege der Benutzer fortwährend ändern.

Im letzten Licht des Tages überragt der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (Hessen) am 12.01.2015 die Bankenskyline der Mainmetropole. (dpa / picture-alliance / Boris Roessler)Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (dpa / picture-alliance / Boris Roessler)

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